Nach einer wahren Geschichte: Der Knall- und Pathos-Experte Hollywoods nimmt sich den dämlichen Verbrechensfeldzug dreier Bodybuilder vor, die Mitte der 90er in Miami reich werden wollten.

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Es gibt eine Menge Inserts in Michael Bays neuer Arbeit, die einen humoristischen Effekt haben sollen. Dwayne Johnsons Figur etwa, ein Knacki, der zu Jesus gefunden zu haben schien, entwickelt sich zum veritablen Kokainschnüffler – also nimmt ein digitaler Beipackzettel zu all den Nebenwirkungen dieses weißen Pulvers schon mal knapp die Hälfte des Bildes ein. Vorher war der Dwayne ganz hibbelig, dann ist er plötzlich ganz traurig, kann beides vom Koks kommen, das wissen wir jetzt, hihi.

Noch einmal Dwayne Johnson alias Paul Doyle: „This is still a true story“ wird uns mitgeteilt, da steht er auf einem schäbigen Innenhof in Miami, Florida, und grillt Menschenhände. Das ist schwer zu fassen nach einigen der Unglaublichkeiten, die einem bis dahin schon begegnet sind, und natürlich hat Bay sich genügend künstlerische Freiheiten genommen, die von Journalisten in den USA auch schon detailreich aufgelistet wurden. Sagen wir so: Paul Doyle gab es nicht, und gegrillt hat auch niemand. Michael Bay allerdings scheint zu glauben, das Publikum fände einen echten Menschengriller total witzig.

Der falsche American Dream

An diesem Regisseur und seinen mal pathetisch hochgedröhnten, mal hysterisch überbeschleunigten Zerstörungsorgien scheiden sich die Geister. In jüngster Zeit trat er häufiger als Produzent mit seiner Firma Platinum Dunes in Erscheinung, zu seinen Credits zählen einige Remakes von klassisch-brutalen Horrorfilmen, Sachen, die nach „Armageddon“, „Pearl Harbor“ und den „Transformers“ wohl mit dem ausgelutschten Etikett des „kleinen, dreckigen Films“ versehen werden könnten.

Bei Platinum Dunes allerdings scheint selbst der Dreck immer digital auf Hochglanz poliert. Man konnte also gespannt sein, wie dieser Bombastexperte nun mit einer wahren Geschichte umgehen würde.

Pain & Gain - Steroid im Hirn: Der Neue von Michael Bay

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Mark Wahlberg wird die ganze Sache zu bunt.
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Aufgeschrieben hat sie Pete Collins Ende der 90er-Jahre für die „Miami New Times“, im Film geht die Erzählung so: Daniel Lugo (Mark Wahlberg) war mal ein kleiner Fisch unter den Anlagebetrügern. Den falschen American Dream allerdings träumt er immer noch – als Fitnesstrainer im „Sun Gym“, dessen Mitgliederzahl er nach Antritt seiner Stelle verdreifachen konnte, als bemitleidenswerter Schlucker auf den Motivationsseminaren von Johnny Wu (mit der üblichen schrillen Hampelmannigkeit: Ken Jeong aus der „Hangover“-Reihe) und ganz besonders als „personal trainer“ des arroganten Reichlings Viktor Kershaw (Tony Shalhoub), der so viel mehr hat, als er braucht, und, angesichts seines Verhaltens, verdient.

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Eine ungesunde Mischung, also schmiedet Lugo einen Plan, den er gemeinsam mit seinem Trainer-Kollegen Adrian Doorbal (Anthony Mackie) und dem Gym-Kunden Doyle (Johnson) in die Tat umsetzen möchte: Kershaw soll entführt und, nun ja, überredet werden, dem unterbelichteten Trio seinen ganzen Besitz zu überschreiben. Das kann ja nur schiefgehen, vor allem, als der emotional instabile Jesus-Freak Doyle sich mit Kershaw anfreundet und der einfach nicht unterschreiben will – und überhaupt darf das Ganze nach den Regeln des Kinos doch eigentlich einfach nicht funktionieren. Tut es aber, irgendwie so halb jedenfalls, doch damit ist das Schlamassel für die drei Hobby-Gangster und für ihr Opfer noch lange nicht beendet.

Körperkult und Coolio

Michael Bay gibt sich einige Mühe, seinen Film nicht nach den groß budgetierten Spektakeln aussehen zu lassen, mit denen man seinen Namen verbindet. Er zieht zwar seine bekannten ockerfarbenen Filter über Miami, aber das Pathos des Gegenlichts und der Zerstörung hat Platz gemacht für sekundenkurze Einstellungen in flacher Videoästhetik, handkameragewackelt, scheinbar hingerotzt. Die Zeitlupe hat nun nichts mehr Heroisches mehr – wie auch bei diesem Thema? –, sondern dient dazu, lächerliche Verrenkungen zu zerdehnen.

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Dwayne Johnson grillt Hände: based on a true story. Oder zumindest so ungefähr...
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Aber wie war das nochmal mit der Wahrheit? Künstlerische Verfremdung und komischer Effekt sollen bei Bay vor allem daraus entstehen, dass das Bild überfrachtet wird – überfrachtet mit Muskelprotzen, überfrachtet mit Bikini-Schönheiten mit unwirklichen Körpern, überfrachtet mit Strippern, mit Größenwahn, mit Oberflächlichkeit und Pomp. Im Modus der Übertreibung sollen sich Sexismus und Körperkult selbst entlarven. Das zumindest könnte man Bay zuliebe vermuten, es wäre nun tatsächlich eine neue Sichtweise in den Filmen dieses Regisseurs. Aber das Rezept geht nicht auf.

Manchmal so absurd, wie nur das Leben sein kann, dann wieder richtig ärgerlich: Dieser Krimikomödie fehlt ein schlüssiges inszenatorisches Konzept.Fazit lesen

Was vor allem daran liegt, dass die Inszenierung keinem einheitlichen Konzept folgt. Da darf Lugo mal von Patriotismus und Amerika schwafeln, aber eine genaue Vorstellung von der kulturellen Mentalität des Jahrzehnts, in dem die Handlung spielt, hat Bay nicht. Man hätte, nur mal so als Beispiel, den großen Kater andeuten können, der mit dem Platzen der Dotcom-Blase und den Anschlägen auf das World Trade Center auf diese bislang letzte Party folgte. Aber da kleistert Bay seine Szenen lieber mit „Gangsta’s Paradise“ und Bon Jovi zu und lässt den Missbrauch von Steroiden in platteste Pimmelwitze münden.

Ein Regisseur mit Gespür für Tempo und ohne Sensibilität

Sicher, es gibt einige Momente, in denen das Timing stimmt. Es ist dann doch Dwayne Johnson, der seine Figur am lustvollsten karikiert, auch, weil es sich bei Paul Doyle anders als bei seinen Komplizen um ein fiktives Sammelsurium aus echten Charakteren handelt. Die Handlung ist schwierig vorherzusagen, sie nimmt einige Wendungen, in die Bay mit dem richtigen Drive beschleunigt. Aber je absurder sich der Plot an den wahren Begebenheiten entlangschlängelt, je gewalttätiger die Drei vorgehen, desto schwärzer muss entsprechend auch der Humor des Films werden.

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Michael Bay weiß noch immer, wie man einen Farbfilter aufs Objektiv schraubt.
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Und es ist ein großes Missverständnis, dass schwarzer Humor keine Sensibilität bräuchte. Die dialektische Schockwirkung eines morbiden Gags kann sich erst entfalten, wenn zwischen Komiker und Publikum eine Übereinkunft besteht, über Wert und Würde des Menschseins etwa – für eine „true story“ gilt das natürlich erst recht. Und ja, es gibt schon Szenen in „Pain & Gain“, die tatsächlich schmerzhaft sind. Aber spätestens die letzten Bilder beweisen dann doch: Ein sensibler Regisseur ist Michael Bay immer noch nicht.