Komödienspezialist Paul Rudd bricht in die scheinbar gut geordneten Leben seiner Filmschwestern ein. Das könnte witzig werden, oder fies – oder peinlich. Regisseur Jesse Peretz entscheidet sich für einen sorgfältig ausgewalzten Mittelweg.
Harmloser Spaß mit guten Darstellern und vielen vergebenen Möglichkeiten.FazitEin Paradoxon gleich vorneweg: Das Mainstream-Kino aus Hollywood, allzu oft nur am schnöden Mammon und der leichten Konsumierbarkeit interessiert, ist in Wirklichkeit viel widersprüchlicher, als es scheint. Weil es emotional funktioniert und nicht analytisch, möchte es gemocht werden – macht es in seiner Schablonenhaftigkeit aber vielen sehr schwer, es tatsächlich zu mögen.
Andererseits knabbern genug globalisierungskritische Ideologen an der Tatsache, dass sie es auch nicht so wirklich hassen können. Es ist Konsens, purer Konsens, und gleichzeitig unfassbar aufmüpfig. Dass etwa in Deutschland jenseits von Roehler oder Buttgereit ein Film entstehen könnte, in dem die Leibwache des Präsidenten eine Frau erschießt, die dieser gerade zuvor sexuell genötigt hat wie in Clint Eastwoods „Absolute Power“, scheint zumindest unwahrscheinlich.
Und ganz gerne verherrlicht das vermutlich bürgerlichste Kino der Welt den Ausbruch aus der bürgerlichen Mittelmäßigkeit. Kevin Spacey alias Lester Burnham bezahlte diesen in „American Beauty“ noch mit einer Kugel im Kopf – Paul Rudd, der „Our Idiot Brother“ ist, lenkt den Film in ein versöhnlicheres Ende. Sein Ned Rochlin ist eine Mischung aus barmherzigem Samariter, Faulpelz und Hippie.
Für Ned geht es ziemlich schnell bergab.Als ein Polizist ihm am Marktstand sein seelisches Leid klagt, wird Ned schwach – und verkauft dem Uniformierten einen Joint zur Linderung. Unvorstellbar für den herzensguten Ned, dass dies Ermittlungstaktik sein könnte. Aber natürlich ist es so – und Ned wandert in den Knast. Nach seiner Entlassung muss er feststellen, dass seine Freundin Janet (Kathryn Hahn) sich einen anderen sympathischen Schlurfi auf den Hof geholt hat und sich konsequent weigert, Ned seinen über alles geliebten Hund Willie Nelson auszuhändigen. Und damit beginnt für den Verstoßenen eine Odyssee durch die Gästezimmer und Schlafcouchen seiner Familie.
Der nur scheinbar verrückte Außenseiter, der als Katalysator die Neurosen seiner Umwelt in größter Pracht erblühen lässt, ist eine dankbare Figur für eine Komödie. Andere, wie der italienische Autorenfilmer Pier Paolo Pasolini in seinem „Teorema“, haben sich dieser Versuchsanordnung sehr trocken und humorlos, aber dennoch bissig und scharf genähert. Jesse Peretz schraubt die Provokationen auf ein erträgliches Maß zurück und kippt einen Becher Zuckerguss über alle Konflikte – und dennoch gelingt es ihm, die Balance zwischen Humor und Tragik zu halten. Pointen gibt es viele, aber keine der Hauptfiguren wird einer davon zum Fraß vorgeworfen.
Baustellen gibt es bei Neds Schwesternschaft allerdings genug: Liz (Emily Mortimer) hat zwei Kinder mit dem Dokumentarfilm-Regisseur Dylan (Steve Coogan), doch das Eheleben ist von lähmender Eintönigkeit. Miranda (Elizabeth Banks) ist Single, gestresste Redakteurin und pflegt eine enge Freundschaft zu ihrem Nachbarn. Rein platonisch, natürlich – weil keiner der beiden den Mut hat, etwas anderes zu wagen.
Und Natalie (Zooey Deschanel) lebt zwar scheinbar glücklich in einem unorthodoxen WG-Modell mit ihrer Freundin Cindy (Rashida Jones) und einem Haufen Künstler zusammen – doch dank Ned wird deutlich, dass auch die alternativsten Lebensentwürfe nicht vor Zerreißproben gefeit sind.
Den Darstellern ist es zu verdanken, dass die fragile Balance von Peretzens Film hält. Szenen wie diejenige, in der Natalie und Miranda Liz die Augen über ihren Ehemann öffnen wollen, was in einer Schlammschlacht voller Hass und Tränen endet, funktionieren genauso glaubwürdig und effektiv wie der slapstickhafte Einbruch von Ned und Cindy auf den Hof, Neds alte Heimat, wo er seinen Hund aus den Klauen seiner Ex befreien möchte.
Hart, so ein Leben als Verstoßener.Elizabeth Banks als Miranda lässt deren glatte Oberfläche besonders hell strahlen, nur um dadurch die kleinen, verletzlichen Stellen darin umso deutlicher machen zu können. Emily Mortimers Liz ist eine liebende Frau voller Sanftheit, deren Weiche dabei jedoch nur überdeckt, dass ihre Ehe ihr jede Spannung aus dem Körper gesogen hat. Und Zooey Deschanel als Natalie ist, nun ja, Zooey Deschanel mit all ihrem augenzwinkernden Charme, dem nicht nur Cindy erlegen ist.
Mittendrin Paul Rudd: Da ist ein wenig vom edlen Wilden, sicher, ein klein bisschen von einer Erlöserfigur und etwas mehr von einem unverantwortlichen Schussel. Unter der klar ausdefinierten Exzentrik seiner Schwester geht Ned etwas unter – aber das soll er ja auch. Und es sind gerade die Momente, in denen Neds Naivität sich als zerstörerisch und seine Schlampigkeit sich als rücksichtslos erweist, die die Figur davor bewahren, zur bloßen Projektionsfläche der Schwierigkeiten seiner Umwelt zu werden. Denn Ned kann auch nerven, und zwar gewaltig.
Dieser ausgewogene Mittelweg ist aber auch das schwierigste Problem des Films. Alle Figuren, von Liz' Ehemann und Neds Ex-Freundin vielleicht einmal abgesehen, bleiben letztlich ganz ok. Und auch „Our Idiot Brother“ ist ganz ok – stellenweise witzig, immer gut gespielt, sorgfältig geschrieben. Aber er vergibt viele Chancen, die der explosive Stoff eigentlich liefern würde, und führt alle Fäden zu einem im Wortsinne fadenscheinigen Happy End zusammen.
Regie: Jesse PeretzGenre:KomödieFilmstart: Darsteller:Emily Mortimer, Elizabeth Banks, Zooey Deschanel, Paul Rudd
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