…aber gewaltig
Genüsslich tritt „Orphan – Das Waisenkind“ die Klischees des Genres breit, verteilt eindeutige Identifikationsangebote und manipuliert seine Handlung für durchsichtige Spannungsmomente: Hysterische Mutter vs. ungläubigem Ehemann, ein braves Adoptivkind, das selbst noch den offensichtlichsten Mord makellos zu vertuschen versteht und eine dramaturgische Schraube, die sich erst dann löst, wenn das Grauen nicht mehr aufzuhalten ist. Es sind die unverzichtbaren Zutaten aus der Mottenkiste: Doch lange hat sie kein Film mehr so clever bemüht, lange nicht mehr so effektiv für sich zu nutzen gewusst. Die Erzähllethargie und der Einsatz altmodischer Regieeinfälle wirken nun geradezu erfrischend in Zeiten ständiger Neuauflagen oder Remakes vom Fließband.
Zusehends schleicht sich der Horror ein - bis zum schockierenden Finale.Nicht zuletzt, weil „Orphan“ durch den Rückzug ins Private seinen Horror an einem Ort ansetzt, den viele Genrefilme schon längst wieder verlassen haben, den heimischen Bereich also, generiert er geerdeten, nachvollziehbaren Grusel – umso beklemmender die behutsame, stetig steigende Spannung, und umso schockierender die Kompromisslosigkeit seiner Attacken gegen die familiäre Keimzelle, die er drastisch und originell zu visualisieren versteht.
Dass er sich damit auch wieder auf die ideologischen Grundfeste des Genres stützt und die Familie als jeden Schrecken bewältigende Kraft ausweist, ist da nur selbstverständlich: Es ist ein im Kern reaktionäres Genre, das entsprechend gefüttert werden will. „Orphan“ ist immerhin sehr ambitioniert darin, die Schwachstellen einer solchen Familie – eine furchtbare Fehlgeburt, die Alkoholsucht der Frau, das Fremdgehen des liebevollen Ehemannes – besonders auszuschmücken, damit es intrigante kleine Biester wie Esther auch umso einfacher haben, in sie einzudringen: Ja, ein wunderbarer Film.
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