Nicht nur Daniel Radcliffe alias Harry Potter muss zur Zeit seine post-Franchise-Karriere in die Spur bringen, sondern auch Elijah Wood alias Frodo Beutlin. Beide setzen dabei auf Genrefilme, wobei Elijah Wood bisher die wagemutigeren Karten ausgespielt hat. Zuerst „Maniac“ und „Grand Piano“, und nun „Open Windows“ - ein mindestens faszinierender Cyberthriller, dessen Handlung sich vorwiegend auf dem Bildschirm eines Laptops entfaltet.

Open Windows - Official Trailer #2Ein weiteres Video

Jede Menge Pop-Ups

Nick Chambers (Elijah Wood) ist in Austin für ein Abendessen mit Jill Goddard (Sasha Grey), einer launischen Schauspielerin, deren Webseite er leitet. Als das Treffen kurzerhand abgesagt wird, bekommt Nick die Stimme von Simon Chord (Neil Maskell) zu hören. Genährt durch die Enttäuschung über die Absage, gestattet er ihm die Installation einiger Tools auf seinem Laptop, die zum Beispiel Jills Telefon hacken...und den armen Mann schon bald in Lebensgefahr bringen.

Open Windows - Sasha Grey entblößt: ein Laptop, sie zu knechten

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Die Überraschung hält sich in Grenzen: Der Bademantel wird fallen.
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Nick möchte eigentlich nur Jill nahe sein, doch auf einmal wird er zur Marionette von Simon, der der Frau offensichtlich nach dem Leben trachtet. Und dabei auch etwas „Spaß“ haben möchte, zum Beispiel in der zugleich intensivsten und fiesesten Sequenz des Films, als Jills Freund gefoltert wird und Nick der völlig konsternierten Frau befehlen muss, sich vor der Kamera langsam auszuziehen. Die schöne neue Pop-Up-Welt als digitale Bedrohung, psychologischer Terror auf der Grundlage sowohl totaler als auch anfälliger Vernetzung.

Tatort Laptop

„Open Windows“ ist alles andere als ein konventioneller Film, er bedient sich vielmehr des Kodex digitaler Kommunikation und funktioniert über eine Abfolge von Pop-Up-Fenstern, die das Geschehen aus verschiedenen Sichtweisen wiedergeben, beziehungsweise verschiedene Handlungsorte zeigen. Nick sitzt vor dem Laptop, Jill geht gerade ins Bad, eine Datei installiert sich, Jills Telefonbuch ist geöffnet und Simons Stimme drängt Nick immer weiter in die Ecke. Was Regisseur Nacho Vigalondo hier vom Zaun bricht, ist Brian de Palmas Splitscreen-Affinität 2.0 – und dabei komischerweise nicht chaotisch, sondern ungemein dicht und spannend.

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Splitscreen 2.0: Mit jedem Kästchen steigt die Spannung ein bisschen mehr.
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Vigalondo findet über einen schnellen Schnitt und die zügige Verschiebung einzelner Fenster, plus immer wieder den gesamten Bildschirm füllende Aufnahmen eine dynamische Bildsprache, die weit über ihren anfänglichen Gimmickgeruch hinaus funktioniert. Der Laptop als vielschichtiger Tatort, an dem Verbrechen eine ganz neue digitale Dimension erhalten. Der Regisseur wird hier eher zu einem Choreograph, der die zahlreichen Informationen gewichten muss und entsprechend der Handlungsentwicklung Schwerpunkte setzt. „Das Fenster zum Hof“, gesehen durch die „Watch_Dogs“-Brille.

Die Grenzen des Mediums

„Open Windows“ ist Nacho Vigalondos erster englischsprachiger Film und gegenüber seinen beiden anderen Regiearbeiten, „Timecrimes“ und „Extraterrestrial“, ein gewaltiger Schritt nach vorne. So ein Konzept kann auch ganz schnell furchtbar nervig werden, doch hier entfacht es so viel manipulativen Zug, dass man unweigerlich kribbelige Spannung in den Fingerspitzen spürt. Der Film behält den Überblick und nutzt seine Möglichkeiten nicht für eine Überfrachtung der Handlung, sondern einfach eine Erhöhung der Perspektiven – zumindest bis zum Auftauchen dreier mysteriöser französischer Hacker. Die dann mehr oder weniger den Start dafür markieren, dass ein paar Regiesynapsen zu viel durchbrennen.

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Vom Nerd zum Lebensretter: Nick Chambers (Elijah Wood).
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Und darüber das zuvor zu virtuos errichtete Konstrukt in viel zu weit gefasste Dimensionen schießt; Dimensionen, die bis in den Science-Fiction-Bereich reichen, einen unglaubwürdigen Twist nach dem anderem rauspeitschen und bei allem die schöne innere Logik der Handlung auf dem Scheiterhaufen behaupteter Cleverness opfern. Eigentlich möchte „Open Windows“ ein bei aller Technik realistischer Echtzeit-Thriller sein, doch das war Nacho Vigalondo auf lange Sicht anscheinend zu wenig.

Analog zu seinen anderen beiden Filmen, die ebenfalls gegen Ende nach Luft hecheln, die gar nicht vorhanden ist, ist auch hier zum Showdown zu viel möglich. Von einem kleinen Laptop zur weltumspannenden digitalen Krise, in Echtzeit gezaubertes 3D-Rendering gerne inklusive. Den Spruch mit der wahren Größe, die sich erst im Wissen um die eigenen Grenzen bewahrheitet, sollte man Vigalondo aufs Kopfkissen sticken.