Mit „Drive“ hatte Nicolas Winding Refn einen Film abgeliefert, der – für seine Verhältnisse – stark dem Mainstream zugeneigt war. Damit hat er sich auch neue Fans erschlossen, denen er nun mit „Only God Forgives“ einen Schlag in die Magengrube versetzt. Sein Hauptdarsteller ist derselbe geblieben, aber erzählerisch und tonal könnten beide Filme nicht weiter voneinander entfernt sein.

Only God Forgives - UK Trailer #23 weitere Videos

Dass „Only God Forgives“ Alejandro Jodorowsky (Montana Sacra, El Topo) gewidmet ist, überrascht nicht im Mindesten, sind dessen Arbeiten doch vom gleichen Schlag wie Nicolas Winding Refns neuester Film. Er ist eine Verbeugung vor Jodorowskys filmischen Werk, eine metaphorische Reise in die Hölle, die narrative Konventionen links liegen lässt. Kein massenkompatibler Film, sondern ein Werk, das stark polarisiert.

Only God Forgives - Der neue Film des „Drive“-Regisseurs

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Wieder mit dabei, aber ganz anders: Ryan Gosling.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Julian (Ryan Gosling) betreibt in Bangkok einen Thai-Box-Club. Aber das ist nur Fassade, denn eigentlich ist er Drogenschmuggler und für seine Mutter tätig. Ihm zur Seite steht sein Bruder Billy, der gerne mal ein richtig junges Mädchen ficken würde. Er macht seinen Traum auch wahr, muss dafür aber einen Preis bezahlen. Denn er vergewaltigt die 16-jährige nicht nur, sondern tötet sie auch. Darum nimmt der Vater des Mädchens an ihm Rache.

Um ihren toten Sohn nach Hause zu bringen, kommt Crystal (Kristin Scott Thomas) nach Bangkok. Sie will aber noch mehr: Vergeltung. Der Asiate, der ihren Erstgeborenen erschlagen hat, soll sterben. Aber damit nicht genug. Auch der Polizist Chang (Vithaja Pansringarm) soll dran glauben, aber er überlebt den Anschlag und sinnt nun ebenfalls nach Rache.

Zelebrieren der Langsamkeit

Nicolas Winding Refn erhöht das Minimalistische zur Kunst. Er erzählt eine ganz kleine Geschichte, die er in Bildern einfängt, die nachwirken. Die Dialoge hat er auf ein notwendiges Minimum verringert. Wirkung soll der Film durch seine Bilder, aber auch das durchgehende Tieffrequenz-Brummen und die tranceartigen Synthesizerklänge erlangen. Dabei taucht Winding Refn sein Werk in eine geradezu höllische Farbpalette. Vor allem regieren Rottöne, die „Only God Forgives“ wirken lassen, als würde sich der ganze Film im Red Room aus David Lynchs „Twin Peaks“ abspielen.

Only God Forgives - Der neue Film des „Drive“-Regisseurs

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Stil und Gewalt in voller Konsequenz.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der Regisseur entreißt die Geschichte auch durch die unwirkliche Farbgestaltung der Realität. Er erhebt nicht mehr den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, die so stattfinden könnte. Stattdessen erhöht er das Kämpfen und Leiden seiner Hauptfiguren zur mythischen Erzählung, deren Ende so konsequent wie unangenehm ist – und mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Im Moment ausharren

Die Kamera verharrt auf dem Geschehen. Beinahe erstarrt sie, so sehr ist Winding Refn in seine Bilder verliebt. Es scheint ihm dabei egal, ob sein Publikum ihm in diesen Moloch der Verkommenheit folgen will. Er kümmert sich nicht darum, wie zugänglich sein Film ist, solange er der eigenen Vision folgen kann.

Dabei erschafft er Bilder, die nicht klar formuliert sind, sondern die Interpretationsfähigkeit des Zuschauers fordern. Momente exzessiver Gewalt explodieren auf der Leinwand. Winding Refn blendet nicht ab, er hält drauf, was „Only God Forgives“ zur Belastungsprobe für den Zuschauer werden lässt. Das Unschöne, das Hässliche, das Brutale fängt er mit einer Ästhetik ein, die wunderschön ist. Über die inhaltliche Ausrichtung des Films kann man vortrefflich diskutieren, die bloße Präsentation gehört jedoch zum Eindringlichsten, was in diesem Jahr im Kino geboten ist.

Wer von Nicolas Winding Refn nur Drive kennt, der sollte sich genau überlegen, ob er diesen Film sehen will. Aber: Brillantes, metaphorisches Arthaus-Kino.Fazit lesen

Obschon eine gänzlich andere Geschichte, erinnert der Film mit seinem Rhythmus, aber auch der Schonungslosigkeit, mit der er den Zuschauer attackiert, an Gaspar Noes „Enter the Void“. Auch in „Only God Forgives“ gibt es eine Leere, die einfach nicht gefüllt werden kann. Sie zeichnet sich in den Gesichtern der Protagonisten ab und ist beredter, als es jeder Dialog sein könnte.

Only God Forgives - Der neue Film des „Drive“-Regisseurs

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Only God forgives zitiert Alejandro Jodorowsky und David Lynch.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Jodorowsky trifft Lynch

„Only God Forgives“ ist wohl Nicolas Winding Refns unzugänglichster Film. Er macht es dem Zuschauer nicht leicht und stößt darum wohl auch eine Mehrheit des Publikums vor den Kopf. Dies ist Arthaus-Kino, das sich frei von allen Konventionen gebärdet, in dem das Karaoke-Singen von Thai-Schlagern ebenso selbstverständlich ist wie das Ausstechen von Augen.

Man könnte dem Film Misogynie vorwerfen, aber er ist nicht so sehr frauenfeindlich, als dass er vielmehr menschenfeindlich ist. Er präsentiert eine Welt, die die Hölle auf Erden ist, in der es inmitten eines Meers aus Leid allenfalls kurze Momente gibt, in denen Menschlichkeit aufblitzt.