„Oculus: Chapter 3 – The Man with the Plan” hieß ein Kurzfilm von rund 30 Minuten Spielzeit, der seinem Regisseur Mike Flanagan 2006 einige Preise und vor allem erhöhte Aufmerksamkeit einbrachte. Aus dem Kammerspiel um einen uralten übernatürlichen Spiegel bastelte Flanagan eine Langversion in Tradition klassischer Geisterfilme – leider aber auch klassischer Geisterfilmklischees.

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Schaurige Verheißungen

Reflektierende Spiegelflächen haben den Menschen seit jeher zu verschiedensten unheilvollen Hypothesen inspiriert. Von der in griechischen Mythenerzählungen beschriebenen Fähigkeit seelischer Gefangennahme bis hin zum Einfahrtsweg jenseitiger Welten ist der Spiegel immer auch ein psychologisches Refugium, das dem eigenen Abbild ebenso tröstende wie verderbliche Qualitäten zuschieben kann.

Oculus - Spieglein, Spieglein an der Wand, wer setzt das Horrorkino in den Sand?

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Mit diesem Spiegel haben Kaylie (Karen Gillan) und Tim (Brenton Thwaites) bereits böse Erfahrungen gemacht. Elf Jahre später wollen sie es trotzdem noch einmal wissen.
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Eine der fantasievollsten filmischen Beschäftigungen mit dem Motiv bildet Jean Cocteaus „Orpheus”, der Spiegel als Zu- und Ausgänge des Irrealen nutzte, um eine Begegnung zwischen Künstler und Tod zu illustrieren. In „Candymans Fluch” beschwören Spiegel die Legende eines racherfüllten Romantikers herauf, der südkoreanische Horrorfilm „Into the Mirror” konfrontiert seine Figuren mit dem mörderischen Eigenleben ihrer Spiegelbilder.

Auch „Oculus“ heftet sich allerhand Bärte symbolistischer Spiegelallegorien an, zunächst nicht ohne Reiz. Das abergläubige Narrativ vom zerbrochenen, Unglück entfachenden Spiegel verkehrt der Film etwa in ein ziemlich garstiges Gegenteil: Reichlich verzweifelt setzt ein Geschwisterpaar hier alles daran, die todbringenden Kräfte eines jahrhundertealten Spiegels zu bewältigen, der sich einfach nicht zerstören lassen will.

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Dämonische Mächte: Auch Mutter Marie (Katee Sackhoff) fiel dem prächtigen Wandspiegel einst zum Opfer. Der Film erzählt dies parallel in Rückblenden.
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Seit Kaylie (Karen Gillan) ihre Eltern an dessen Schrecken verlor, sinnt sie auf eine Fortsetzung des einst gescheiterten Bezwingungsversuches. Als Tim (Brenton Thwaites) nach 11 Jahren aus einer Nervenheilanstalt entlassen wird, kehren beide zurück in das einstige Familienhaus. Während ihr Bruder die Ereignisse erfolgreich verdrängt hat, plant Kaylie den wieder aufgespürten Spiegel ein letztes Mal herauszufordern.

An und für sich ist das erstmal eine schöne Prämisse, die Idee mit dem eigenwilligen Relikt, den verzagten Geschwistern, den ominösen Details: Pflanzen, die in Nähe des Spiegels eingehen, Menschen, die in seinen Bann geraten können, unbemerkte Änderungen der Wahrnehmung, sobald dessen Geistergriffel in die Wirklichkeit ausstrecken. Doch den schaurigen Verheißungen möchte „Oculus“ offenbar unbedingt widerstehen.

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Kaylie und Tim in jungen Jahren. Schon damals nützte ihnen ihr geschwisterlicher Zusammenhalt leider herzlich wenig. Hätten sie es doch nur besser gewusst…
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Echos bekannter Vorgänger

Wohliges Gruseln mag sich hier zumindest überhaupt nicht einstellen. Zwar bewahrt sich der Film manches Geheimnis, so Mike Flanagan weder Spiegel noch Ursprung des übernatürlichen Grauens logisch zu erklären (und damit eventuell zu entmystifizieren) versucht, übt jedoch in der künstlichen Verschachtelung der Geschichte ungleich weniger Zurückhaltung.

Nachdem Kaylie zu Beginn ihrer sorgfältig vorbereiteten Vergeltungsaktion einen nicht enden wollenden Monolog über die bisherigen Opfer des Spiegels hält (Show, don’t tell – daran scheint Flanagan nicht glauben zu wollen), spaltet sich die Handlung in Gegenwarts- und Vergangenheitserzählung der beiden Figuren auf, bei der die Zeitebenen sich plötzlich munter durchkreuzen.

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Bisschen Blut gibt’s auch. In geringen Dosen, versteht sich. (hübsche Zahnprothese aber!)
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Statt kunstvoll verwoben wirken die fortan nicht gerade spannungsförderlich übereinander gelegten Erzählstränge allerdings eher willkürlich zusammengepappt. In ausdauernden Parallelmontagen mischt „Oculus“ damaligen und jetzigen Spiegelhorror der Geschwister derart beliebig, dass die gezielten Irritationen des Plotverlaufs vielleicht nur kaschieren wollen, wie schwer es sich der Film mit seiner lediglich kurzfilmtauglichen Idee macht.

Nach einem viel versprechenden Einstieg baut der Film kontinuierlich ab – und opfert seine schaurige Idee konfusem Hokuspokus.Fazit lesen

Einen angesichts allerlei tiefer Griffe in die Rumpelkiste des Genres zu befürchtenden Indianerfriedhof erspart sich der Film immerhin, abgehangene Klischees bemüht Flanagan dennoch zahlreich: Der allmählich dem Wahnsinn verfallene Vater ist ein müdes Echo bekannter Vorgänger (von „The Amityville Horror“ bis „Shining“), die per Videoband nachgereichte Erkenntnis übernatürlicher Manipulation besaß wiederum schon in „Blair Witch 2“ drehbuchdünnen Mogelcharakter.

Vielleicht mögen diese Versatzstücke einigermaßen bei Laune halten, über wesentliche Fragen aber trösten sie nicht hinweg: Warum sich das Geschwisterpaar den ganzen Horror eigentlich überhaupt noch ein zweites Mal antut – oder wieso es nicht einfach auf Kaylies automatische Zerstörungsvorrichtung vertraut und davonläuft. Aber dann wäre man wohl wieder beim Kurzfilm, und das möchte „Oculus“ ja so umständlich wie möglich verhindern.