So etwas nennt man wohl Treffsicherheit: Erst zehn Kinofilme hat das Animationsstudio Pixar produziert und dabei Hit um Hit gelandet. „Oben“, die Mär eines alten Mannes, der sich auf eine gigantische Reise begibt, macht da keine Ausnahme. „Gleich den vielen bunten Ballons steigt auch „Oben“ ganz nach oben. Der nächste Pixar-Film, das nächste Meisterwerk!“, konstatierten wir in unserer Filmkritik.

Anlässlich des Kinostarts haben wir uns in Berlin mit den Machern von „Oben“ getroffen. Regisseur Pete Docter (Die Monster AG) und Produzent Jonas Rivera plaudern fröhlich über die Arbeit bei Pixar und den Fakt, dass sie es seit fünfzehn Jahren stetig schaffen, aus purem Kassengift die größten Blockbuster des Kinojahres zu schustern. Wie und warum? Lest ihr auf den folgenden Seiten.

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Aus Kassengift wird Kassengold

gamona: Hallo Pete, hallo Jonas. Zuerst die wichtigste Frage: Woher nehmt ihr eigentlich solch skurrile Ausgangsideen wie im Fall von „Oben“?

Pete Docter: Während der Arbeit an „Die Monster AG“ saß ich mit Bob Petersen zusammen und wir hatten diese spannende Idee. Ein Haus, das davon schwebt. Wir sind dieser Idee dann gefolgt, haben uns überlegt, wer in diesem Haus leben könnte und kamen dann auf diesen alten Herren, der ziemlich grummelig ist. Das war der Ursprung von „Oben“.

Oben - "Für jeden Lacher eine Träne" - Die Macher des Meisterwerks im Interview

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Pixar-Größen unter sich - Links: Produzent Jonas Rivera. Rechts: Regisseur Pete Docter.
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gamona: Das ist interessant zu wissen, denn im Grunde sind viele eurer Ideen – wie auch die zu „Oben“ – ja pures Kassengift. Ein alter Mann, der kaum gerade stehen kann und ein dicker, nerviger Junge. Beides Dinge, die sich nicht unbedingt vermarkten lassen. Wie schafft ihr es immer wieder, daraus Kassengold zu machen?

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Pete Docter: Schon als wir die ersten Skizzen von Carl anfertigten merkten wir, dass er ziemlich witzig ist. Ständig mies gelaunt und immer ein mürrischer Kommentar auf den Lippen. Wir wussten, dass Carl ein toller Charakter ist. Und das ist im Prinzip das große Geheimnis der Animation: Die Suche nach tollen Charakteren. Nehmt zum Beispiel die sieben Zwerge in Schneewittchen – alles sehr einzigartige Charaktere mit besonderen Eigenheiten.

Jonas Rivera: Wir haben es dem Studio eher als großes Märchen präsentiert. Unsere Chancen den Film zu machen wären sicherlich ungleich kleiner gewesen, wenn wir die Idee mit den Worten „Alter Mann trifft fettes Kind“ angepriesen hätten. Stattdessen erzählten wir von einem schwebenden Haus, das nur der Ausgangspunkt für ein viel größeres Abenteuer ist.

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"Wir lieben Hayao Myazaki - wir haben uns durch seine Filme inspirieren lassen."
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gamona: Das schwebende Haus erinnert in Punkto Gestaltung an die japanische Zeichentrick-Kultur, am ehesten an die Werke von Hayao Myazaki (Prinzessin Mononoke, Chihiro).

Jonas Rivera: Ja, wir lieben Myazaki. Seine Spezialität ist es, seinen Filmen stets genügend Luft zum atmen zu geben. Viele Momente in seinen Filmen würden in amerikanischen Produktionen aufgrund mangelnden Tempos einfach rausgeschnitten werden. Er lässt sich Zeit und davon haben wir uns inspirieren lassen. Es gibt einige Szenen in „Oben“, die einfach nur durch Musik oder bestimmte Bilder eine spezielle Stimmung erzeugen.

Pete Docter: Das Haus selbst haben wir in Oakland gefunden. Wir sind dort durch die Ortschaften gefahren und haben einige schöne Häuser entdeckt. Wichtig war, dass es leicht genug wirkt, um beim Zuschauer die Vorstellung zu erzeugen, dass es wirklich fliegt. Keine Ziegelsteine oder ähnliches, nur Holz. Wenn man das Haus von vorne betrachtet, sieht das Haus wie ein Viereck aus - genau wie Carl.

Für jeden Lacher eine Träne

gamona: John Lasseter sagte einst in einem Interview, dass es bei allen großen Pixar-Erfolgen immer einen Moment gab, an dem man sich nicht sicher war, ob der Film wirklich funktionieren würde. Gab es den auch bei „Oben“?

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Docter und Rivera bei den Filmfestspielen in Cannes.
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Pete Docter: Definitiv. Vor allem zu Beginn. Unsere schwärzesten Tage hatten wir, als wir versuchten herauszufinden, wie unsere Ideen zusammenfinden sollen und zugleich eine brauchbare Geschichte mit glaubhaften Charakteren daraus wird. Wir wussten, dass wir den Leuten um uns herum etwas zeigen müssen, konnten diese aber nicht ewig hinhalten, damit sie nicht das Interesse an unserem Projekt verlieren. Wir erschufen dann relativ früh die Verbindung zwischen Carl und seiner Frau als emotionale Stütze. Viele Leute fragten uns daraufhin: „Muss der Film so traurig und düster sein.“ Wir wussten jedoch, dass wir genügend Lacher hatten, um dies auszugleichen. Ganz im Sinne der Disney-Maxime: Für jede Träne, einen Lacher.

gamona: Es soll aber Leute geben, denen der Film zu emotional und nicht intellektuell genug war.

Pete Docter: In Amerika haben viele Menschen scheinbar Angst vor Emotionen. Es gibt diese Tendenz, Gefühle einfach wegzulachen. Immer dann, wenn es zu emotional wird, kommt irgendein Furzwitz und macht sich darüber lustig. „Oben“ ist in eine Rückkehr zu älteren Filmen wie den frühen Disney-Klassikern oder „Ist das Leben nicht schön?“.

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"Für die Recherche haben wir extra einen lebenden Strauß ins Studio bringen lassen."
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Jonas Rivera: Genau, Diese Filme waren niemals zynisch, sondern rührend und herzergreifend, trotzdem aber stets intellektuell.

gamona: Was uns an den Pixar-Filmen stets gefiel, ist die immense Genauigkeit bei der Recherche. Es heißt, dass für die Vorbereitung auf „Ratatouille“ zum Beispiel jedes Crewmitglied zumindest ein wenig Kochen lernen musste. Gab es solche Vorbereitungen auch bei „Oben“?

Pete Docter: Ja, sogar eine ganze Menge. Für fast jedes Element des Films, selbst kleinste Dinge. Für Kevin zum Beispiel, den Vogel, haben wir extra einen echten Strauß ins Studio geholt. Jeder konnte seine Zeichnungen machen oder dem Straußenhalter Fragen stellen. Nennt man das eigentlich so? Straußenhalter?

Jonas Rivera: Vielleicht Straußologe

Peter Docter: Der Ort, wo Carl und Russel in der Mitte des Films landen, existiert tatsächlich. In Südamerika gibt es diesen wunderschönen, exotischen Ort. Das gesamte Team ist dort hingeflogen, um sich inspirieren zu lassen. Wir verbrachten eine ganze Woche dort und zeichneten uns die Finger wund.

3D als Zukunft?

gamona: Inwieweit hat die Entscheidung, den Film in 3D zu produzieren, eigentlich eure Geschichte beeinflusst?

Jonas Rivera: Gar nicht. John kam vor einiger Zeit zu uns, nachdem er „Bolt“ bei Disney gesehen hatte und meinte, dass wir „Oben“ ebenfalls als 3D-Film konzipieren sollten. Das machte Sinn, allein schon aufgrund des Settings. Wir wussten aber immer genau, was wir nicht wollten: Wir wollten nicht, dass es die Leute ablenkt oder ihnen ständig etwas ins Auge springt. Unser Job als Filmemacher ist es doch, die Zuschauer vergessen zu lassen, dass sie gerade einen Film sieht. Wenn man ihnen aber ständig etwas ins Auge pieksen will, erinnern sie sich daran, dass sie gerade Brillen tragen. „Oben“ sollte vor allem in 2D und 3D gleichermaßen funktionieren. Der 3D-Effekt ist cool, keine Frage, er lässt das Kinoerlebnis etwas immersiver erscheinen, aber die Technik darf niemals im Vordergrund stehen.

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Neulich in Berlin: Docter und Rivera mit den deutschen Sprechern, Dirk Bach und Karlheinz Böhm.
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gamona: Ökonomisch gesehen funktionierte 3D ja ohnehin bisher noch nie. In den 50ern gab es Versuche, in den 80ern gab es sie. Durchsetzen konnte sich die Technik nie. Warum sollte es jetzt klappen?

Jonas Rivera: Gute Frage. In den 80ern hat es wahrscheinlich nicht funktioniert, weil damals Filme wie „Der weiße Hai 3-D“ in die Kinos kamen.

gamona: Aber in den 50ern gab es auch tolle 3D-Filme wie „House Of Wax“ oder Hitchcocks „Bei Anruf Mord“.

Pete Docter: Stimmt. Im Endeffekt wird ohnehin das das Publikum entscheiden, ob sich die Technik durchsetzt. Es ist ein tolles Feature – manche Filme profitieren sehr dadurch, viele Filme aber eben auch nicht. Es sollte nicht zur zwanghaften Standardprozedur verkommen, sondern bewusst eingesetzt werden.

gamona: Könnt ihr euch eigentlich selbst erklären, warum Pixar eine der wenigen Firmen in Hollywood ist, die sich noch etwas traut. Nehmen wir die typische Hollywood-Produktion mit Tom Cruise in der Hauptrolle, bei der sowieso jeder vorher weiß, was letztlich passiert und dass Cruise ohnehin nicht stirbt – das langweilt uns zu Tode. Bei „Wall-E“ jedoch haben wir plötzlich einen Film, wo in den ersten 45 Minuten kein Wort gesprochen wird. Bei „Oben“ ist die Ausgangsidee nicht gewagt. Wieso geht ihr so viel Risiko ein?

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Einzigartiges Experiment: Mit riesigen Luftballons wurde Dirk Bach in die Luft gehoben.
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Pete Docter: Uns ist es zunächst einmal wichtig, dass wir uns nicht wiederholen. Wir wollen immer wieder etwas Neues machen – und jedes Mal, wenn wir merken, dass sich Routine einschleichen könnte, setzen wir uns zusammen und beratschlagen, wie wir einen frischeren Ansatz wählen können. Das wird natürlich mit jedem Film schwieriger, weil wir schon einige gemacht haben. Der Zusammenhalt in unserem Team ist ohne Zweifel ein großer Faktor. Es gibt diese Meetings, wo jeder Regisseur seine Ideen den anderen vorstellt. Da sitzen dann John Lasseter, Brad Bird und Co. und alle hören sich deine Ideen an, geben Tipps und schmettern niemals einen Vorschlag ab, ohne klare Argumente anzuführen. Und wenn du es schaffst eine Idee zu präsentieren, so abwegig sie auch zunächst erscheinen mag, die diesen Jungs gefällt – dann gefällt sie auch einem Millionenpublikum.

Jonas Rivera: Pixar ist zum Glück eine Firma, die diese Eigenständigkeit duldet, sogar voraussetzt. Es gab z.B. niemals einen Moment an dem es hieß: „Alter Mann? Verkauft sich nicht! Macht ihn jünger!“ Wir glauben, dass man mit zu vielen Graphen und Analysen all das kaputt macht, worauf es bei Filmen ankommt – die Emotionen. Bei Pixar steht niemand an einer Powerpoint-Folie und sagt „Die Leute mögen am liebsten rote Farben – streicht as Haus rot!“ Unsere Filme werden nicht von Marktanalysen vorangetrieben, sondern von uns.

gamona: Danke für das Gespräch.