Lars von Triers „Nmph()maniac“ beginnt so, wie „Melancholia“ endete: in absoluter Schwärze. Der Ausnahmeregisseur fängt mit der Dunkelheit an, unterlegt nur vom konstanten Geräusch tropfenden Wassers. Die Kamera fährt über die Kanten und Ecken einer heruntergekommenen Straße, sie zeigt en detail den Verfall, bevor sie auf einer am Boden liegenden Frau zu ruhen kommt. Wer sie ist, warum sie dort liegt? Das weiß man nicht, als ein Rammstein-Song einsetzt, der den Anfangs- und Schlusspunkt des Films markiert, aber nicht seine Stimmung wiedergibt. Er ist ein harter Kontrast zu dem, was kommt.

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Gefunden wird Joe (Charlotte Gainsbourg) von Seligman (Stellan Skarsgard), der sie mit in seine Wohnung bringt. Dort soll sie sich ausruhen, bekommt Tee und beginnt, ihrem Retter von ihrem Leben zu erzählen. Einem Leben, das nach ihrer Auffassung das eines schlechten Menschen ist. Seligman will das nicht glauben. Er ist ein interessierter, kluger Zuhörer, dem es auch immer wieder gelingt, dem Gehörten neue Bedeutung zu verleihen.

Nymphomaniac 1 - Skandalfilm oder nicht, das ist hier die Frage

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Seligman lauscht der Geschichte von Joe.
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So lernt auch Joe etwas über sich, während sie Seligman davon erzählt, wie sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen hatte, wie sie mit einer Freundin in einem Wettbewerb so viele Ficks wie möglich in einem Zug abgezogen hat, wie sie dem Sterben ihres Vaters beiwohnte und wie sie ein Familienleben zerstörte.

All das sind Facetten ihres Lebens, eine Chronologie ihrer sexuellen Entwicklung, weg vom Gefühl, hin zur reinen Lust. Eine Revolution gegen die Liebe, wie sie Seligman erklärt, aber eine, bei der sie letzten Endes alleine blieb, da all ihre Mitstreiterinnen die geheime Ingredienz gefunden haben, die Sex wirklich magisch werden lässt: Liebe.

Fünf Kapitel

Im ersten Teil seines Films erzählt Lars von Trier die ersten fünf Kapitel. Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, allesamt durch die sexuelle Gier der Hauptfigur verbunden, aber in ihrer Wirkung höchst unterschiedlich. Bisweilen wird es gar zur Groteske, was von Trier hier bietet, so im dritten Kapitel, als Joe einem alten Liebhaber, den sie loswerden will sagt, dass er seine Frau nie verlassen wird, weswegen sie mit ihm Schluss machen muss. Dumm nur, dass der Mann keine Stunde später mit Sack und Pack vor der Tür steht, allerdings die Frau und die drei Kinder im Schlepptau.

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Das Leben einer Nymphomanin.
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Uma Thurman spielt die hysterische Frau, die einen psychologischen Krieg vom Zaun bricht, den man so noch nicht gesehen hat. Sie ist wie ein Wirbelwind, während alles um sie herum erstarrt, wie ein Reh, das vom Scheinwerferlicht eingefangen wird und sich nicht mehr bewegt. So mutet es an, wie Joe, der Ehemann und ihr just hinzugekommene anderer Lover auf die resolute Mrs. H reagieren.

Nur die erste Hälfte einer Geschichte, aber schon jetzt ein großer Film!Fazit lesen

Momente wie diese sind es, die „Nymph()maniac“ auszeichnen und unterstreichen, dass hier ein Werk geboten ist, das wie das Leben selbst in alle Richtungen gehen und mit jederlei Gefühl spielen kann. Dabei erreicht der Film bisweilen eine Leichtigkeit, die man angesichts der Geschichte nicht wirklich vermutet hätte.

Kein Skandal

Angeblich wird Lars von Triers Director’s Cut – die zweiteilige Fassung ist „nur“ autorisiert – in der Darstellung der sexuellen Elemente expliziter. Wirklich notwendig hätte das der Film nicht, denn er ist auch so schon recht offenherzig und beinhaltet pornographische Szenen. Für einen handfesten Skandal reicht es aber nicht. Ja, ein paar der Schauspieler (beziehungsweise Body Doubles) ergehen sich in echtem Sex. So spektakulär, wie sich das vielleicht anhört, ist es aber bei weitem nicht.

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Nymphomaniac 2 kommt am 03.04.2014 in die Kinos.
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Bisweilen hat man das Gefühl, dass Elemente des Films fehlen. Es ist so, als wollte von Trier andeuten, dass er Szenen entfernen musste, um den Film auf eine Spiellänge von etwa zwei Stunden zu bringen. Das verleiht dem Werke einen rauen Charme. Er wirkt weniger geschliffen, als das beispielsweise bei „Melancholia“ der Fall war.

Mit der Form der Rahmenhandlung bekommt der Film auch eine episodische Struktur. Zwar erzählt Joe chronologisch, die Zeitsprünge sind aber teils enorm, so dass man die Lücken selbst füllen muss. Zugleich ist der Film ein immenses Zitatenspiel, nicht nur was von Triers eigenes Werk, sondern auch sein eigenes Leben betrifft. Er kommentiert, wie andere auf ihn reagieren, so in der Szene, als er Seligman davon sprechen lässt, was Anti-Zionismus ist.

Darüber hinaus ist „Nymph()maniac“ sehr verspielt, sowohl, was den Schnitt mit Benutzung von Archivmaterial, aber auch die Einblendung von Elementen wie Buchstaben oder geometrischen Formen betrifft. Die geschliffenen Dialoge spiegeln das wieder. Sie wirken auf seltsame Art und Weise künstlich, schöner in der Wahl der Worte, als man es bei normalen Gesprächen in der Regel beobachten kann. Und sie tauchen tief in Themen ab, die eine weitere Bedeutungsebene für den Film aufbauen, so wie der Cantus Firmus im Werk von Johann Sebastian Bach.