Ich packe meine Arche und nehme mit … Zwei Löwen, zwei Tauben, zwei Flamingos, zwei Eichhörnchen, zwei Schnabeltiere, zwei Schabrackentapire, zwei ... Diese Auflistung könnte noch ellenlang so weitergehen, wenn man Noah heißt. Dass biblischer Stoff nie out wird, beweist nach „Son of God“ nun auch „Noah“, der als bildgewaltiges Action-Epos die 3D-Kinosäle erobern will.

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Die Geschichte um Noah und seine Arche ist nicht neu. Sie ist sogar schon sehr alt und steht im Buch der Bücher: der Bibel. Dass sich die Erzählungen aus dem meistverkauften Buch der Welt bestens für Verfilmungen eignen, wissen wir schon lange. So dienten nicht nur Kapitel aus dem Neuen Testament als Vorlage für zahlreiche Film-, Serien- und Comicadaptionen, sondern auch einige Stellen aus dem Alten Testament, wie zum Beispiel die über Noah.

Noah - Ein archetypischer Blockbuster

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Der Film startet bei uns am 03.04.2014 in den Kinos.
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In der Bibel wird die Geschichte um den gottesfürchtigen Mann, der vom Schöpfer einen wichtigen Auftrag erhält, recht kurz gehalten. Doch spornt sie dazu an, aus ihr ein bildgewaltiges Epos zu schaffen, das mit den Elementen „tödliche Sintflut“, „Zerstörung der Welt“ und „Überlebenskampf“ auch aus der Feder von Roland Emmerich hätte stammen können.

Bibel-Blockbuster

Diesmal kümmert sich allerdings Regisseur Darren Aronofsky um die Verfilmung des biblischen Stoffes, der schon für oscarnominierte Filme wie „Black Swan“, „The Wrestler“ und „Requiem For A Dream“ verantwortlich war. Im Gegensatz zu den anderen ist „Noah“ jedoch kein Drama, in dem die schauspielerische Darstellung von psychologisch tiefgründigen Charakteren im Mittelpunkt steht, sondern ein typischer Actionblockbuster.

Diese Tendenz entsteht schon durch die Vorlage, deren Geschichte sicher jedem bekannt ist: Gott kann sich das Schauspiel auf der von ihm erschaffenen Erde nicht länger ansehen. Die Menschen zerstören sein Werk, plündern, morden, misshandeln einander und nehmen sich alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Nur noch einer lebt gänzlich nach Gottes Willen: Noah (Russell Crowe). Darum wählt der Schöpfer ihn aus, alles irdische Leben vor der Apokalypse zu retten, damit sein Schaffen nicht ganz umsonst war.

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Emma Watson als Ila.
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Gott möchte die Erde nun nämlich von allem Übel reinigen, weswegen er eine tödliche Sintflut über die ganze Welt schickt. Um diese zu überleben, erhält Noah die Aufgabe, eine gigantische Arche zu bauen und zwei Lebewesen von jeder Art an Bord zu holen, je ein Weibchen und ein Männchen, damit sich diese nach der Katastrophe erneut vermehren können. Die Menschheit jedoch soll ausgerottet werden, denn dieses Schicksal darf sich nicht wiederholen.

Und Aronofsky sah, dass es gut war. Was der Kinobesucher darin sieht, bleibt ihm jedoch selbst überlassen.Fazit lesen

Die Sintflut und andere Probleme

Da trifft es sich gut, dass Noah und seine Frau Naameh (Jennifer Connelly) nur drei Söhne haben (Sem, Ham und Jafet) und das Mädchen Ila (Emma Watson), dem sie sich einst annahmen und das nun die Zuneigung von Sem erfährt, durch eine Verwundung unfruchtbar ist. Somit bliebe als einziger Konflikt weiterhin lediglich die alles verschlingende Sintflut. Doch das reicht dem verwöhnten Kinopublikum von heute natürlich nicht, weswegen schnell weitere Probleme heraufbeschworen werden.

In der Welt von Aronofskys Noah gibt es nämlich nicht nur einen überirdischen, erbosten Gott, sondern auch Magie. Und ebendiese kann Noahs Großvater Methusalem (Sir Anthony Hopkins) wirken. Auf Naamehs Wunsch hin, heilt er mit seiner Zauberkraft Ilas Unfruchtbarkeit, damit die Menschheit entgegen Gottes – und dadurch auch Noahs – Willen weiterbesteht. Als der „Archetekt“ von der – für Sem und Ila – frohen Botschaft erfährt, droht er sofort damit, das Kind, sollte es ein Mädchen werden, zu töten, sobald es das Licht der Welt erblickt.

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Emma machte auch auf der Europapremiere eine gute Figur.
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Aber auch andere fordern Tote: Tubal-Kain (Ray Winstone) ist ein Abkömmling Kains, der durch die Tötung seines Bruders Abel zum ersten Mörder der biblischen Geschichte wurde, und somit die Schlechtigkeit und Verdorbenheit der Menschen darstellt. Tubal-Kain schlägt mit seinen Untertanen vor Noahs Arche sein Lager auf, in dem Frauen vergewaltigt, Tiere lebendig zerrissen und Behausungen in Brand gesteckt werden. Rücksichtslosigkeit wird dort groß geschrieben, man raubt und plündert und fügt einander Gewalt zu.

Als die Bilder laufen lernten

Aronofsky schafft mit diesem Lager ein verblüffend schreckliches Bild der Menschheit, bringt die schlechtesten Eigenschaften dieser zu Tage und ballt sie auf einem kleinen Gebiet, in dem nur fürchterliche Gräueltaten geschehen. Ein Sodom und Gomorra im Miniaturformat. Mit solchen Szenen gelingt dem Regisseur ein beeindruckendes Leinwandspektakel, bei dem der Zuschauer teilweise mitleiden muss.

Hierzu trägt auch der 3D-Effekt bei, der sehr gut eingesetzt wird und das Kinopublikum noch stärker in den Bann der Handlung zieht. Egal ob monströse Flutwellen, Vogelflüge oder ein brennendes Dorf – die 3D-Technik weiß in „Noah“ rundum zu überzeugen.

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Anthony Hopkins als alter Magier.
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Auch sonst spielt der Film exzellent mit den Möglichkeiten, die Kino zu bieten hat. Man ließ sich hier einiges einfallen, um die alte biblische Geschichte abwechslungsreich zu gestalten und aufzupeppen. So werden verschiedene, kurze Episoden unterschiedlich inszeniert, Aronofsky bedient sich hier diverser Darstellungsformen.

Von comichaften Stilmitteln über daumenkinoartige Bilder bis hin zum modernen Animationsfilm – die Entstehung der Welt wird mit der Entstehung des Kinos verglichen, wie die Lebewesen laufen lernten, lernten auch die Bilder laufen. Das ist natürlich eine sehr kunstvolle und interessante Herangehensweise, die beim Zusehen Spaß macht und das actionlastige Epos auflockert.

Schauspielerische Einbahnstraße

Dass dieser Regisseur gerne experimentiert, sah man auch schon an seinen anderen Werken. Anders jedoch sind in „Noah“ die Charakterformung und –entwicklung und die damit zusammenhängenden schauspielerischen Höchstleistungen, auf die Aronofsky in seinen vorherigen Filmen sonst mehr Wert legte.

Russell Crowe und Anthony Hopkins, die ohne Frage fantastische Schauspieler sind, bleibt kaum Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen – zu einfach bleiben ihre Rollen gestrickt, zu wenig Abwechslung bieten ihre Gemütszustände, zu festgesteckt sind die Grenzen ihrer Spielräume, in denen sie sich bewegen können.

Jennifer Connelly weiß schauspielerisch allerdings mehr zu überzeugen, wohingegen ihre Maskenbildner absolut versagen. Während Noah im Verlauf der Geschichte stets altert, scheint Naameh vom ewigen Jungbrunnen getrunken zu haben.

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Wir waren bei der Deutschlandpremiere live dabei.
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Als am Ende Noah als alter Mann vor das Kinopublikum tritt, hat Connelly immer noch kein einziges weißes Haar am Haupt. Emma Watson gelingt es immerhin stellenweise ihr Hermine-Image abzulegen, auch wenn man ab und zu doch noch darauf wartet, dass Harry Potter und Ron Weasley irgendwann die Szene stürmen und sie aus der Gefahrensituation befreien.

Vorsicht, Spoiler!

Modern ist bei „Noah“ jedoch nicht nur die Inszenierung, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem biblischen Stoff, die jedoch eher unterschwellig passiert. In der biblischen Geschichte durften Noahs Söhne ihre Ehefrauen mitnehmen, die Namen der weiblichen Reisenden wurden aber nicht aufgelistet.

Dadurch war ein Fortbestehen des menschlichen Geschlechts natürlich gesichert. Die folgenden Menschen sollten wohl auf Noahs Wurzeln zurückgreifen, da dieser gottesfürchtig war, denn die Nachkommen Kains hatten diese Tugend scheinbar verlernt.

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Die Bibelverfilmung wurde recht actionreich inszeniert.
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Aronofsky stellt sich jedoch die Frage: Wenn die Menschheit für alles Übel auf der Welt verantwortlich ist und deswegen die Erde einmal ordentlich gereinigt und durchgespült werden soll, warum vernichtet man das menschliche Geschlecht dann nicht komplett? Sobald sich die Menschen wieder vermehren, würde der ganze Spuk ja von vorne losgehen?

Aus diesem Grund möchte der Film-Noah dafür sorgen, dass das Lebewesen „Mensch“ mit seinen Söhnen ausstirbt. Doch wie man sich denken kann, gelingt dies nicht so ganz. Vom dadurch resultierenden Inzest mal abgesehen, dürfte danach also das ganze Schlamassel wieder von vorne losgehen, weswegen die Ankunft der Arche auf einer blühenden Insel zum Schluss nicht so recht gefeiert wird.

Das ist für uns jedenfalls der einzige Grund, der das Ausbleiben eines klassischen filmischen Höhepunkts plausibel macht. Denn das Ende von „Noah“ ist überaus unbefriedigend und wirkt im Vergleich zur groß inszenierten Weltuntergangsgeschichte sehr fahl. Im Verlauf der Handlung kann der Film nämlich einige tolle Szenen aufweisen.

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Tubal-Kain ist Noahs großer Gegenspieler.
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Diese werden zwar immer wieder, aufgrund der biblischen Vorlage, von veralteten moralischen Wertpredigten abgelöst, wie zum Beispiel dass eine Frau nur dann von wert ist, wenn sie Kinder zur Welt bringen kann oder die Fortpflanzung das einzige Ziel im Leben darstellt, weswegen wir möglichst viele Nachkommen zeugen sollten, man könnte diese Äußerungen aber natürlich auch als Kritik deuten.

Inwieweit der Film die in die Jahre gekommenen Wertvorstellungen jedoch kritisch betrachtet, diese ernst meint oder die damalige Denkweise nur sachlich darstellen möchte, wird nicht verraten, sodass es beim Zuschauer bleibt, dies zu beurteilen.