Das Chaos ist perfekt, das Angebot dürftig und die Aussicht düster. Kein Markt für digitale Netzinhalte schippert in Deutschland mit so viel Volldampf am Kunden vorbei wie das Angebot der Film- und Serien-Streams. Netflix wagt gerade den Einstieg und beweist, dass ein großer Name nicht für Qualität bürgt. Zumindest bisher nicht.

In Zeiten der weltweiten Netzanbindung scheint ein Blick über den großen Teich unvermeidlich. Europäische Konsoleros kamen zum Beispiel schon sehr früh mit dem Markennamen Netflix in Berührung, obwohl sie auf den Dienst gar keinen Zugriff hatten. Angesichts des riesigen Angebots in den USA steigt spätestens seit 2010 die Wahrscheinlichkeit stetig, eine Statusmeldung der Marke „Schaut gerade einen Film auf Netflix“ in der Freundesliste zu entdecken. Die Welle der Netzbotschaften erweckte gar den Eindruck, es ginge um das iTunes-Gegenstück für Filmfreunde.

Nun, da Netflix endlich in Deutschland bereitsteht, ist die Enttäuschung um so größer. Von der gigantischen US-Palette fehlt jede Spur. Was bleibt, ist eine kleine Handvoll eher älterer Filme und ein halbwegs repräsentatives Serien-Programm für den Start; alles zusammen in einem ähnlichen Umfang wie beim Launch der Konkurrenten Lovefilm und Co.

Netflix - Keine Rettung für gesetzestreue Filmfans

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Mit Bildern wie diesen wirbt Netflix auch in Deutschland und tatsächlich: für die Familien-Zielgruppe ist das Angebot halbwegs passabel. Film-Fans werden aber nicht glücklich.
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Eine ernüchternde Angelegenheit, die auch noch mangelhaft präsentiert wird. Träge Slider in vorgefertigten Kategorien dröseln alles Erdenkliche auf. Nur das was man sucht, das findet man trotz eines „Geschmacks-Profils“, das Netflix anhand von bisher gesehenen Filmen generiert, keineswegs. Übersicht null, Komfort im Minusbereich.

Nun, eines muss man Neflix zugutehalten: Unterm Strich ist auch dieser Streaming-Service nicht wesentlich schlechter als der der Konkurrenten. Immerhin darf man hier Originalton sowie Untertitel zu beliebiger Zeit zuschalten. Endlich hat es mal einer kapiert! Ich persönlich kann nämlich mit vielen deutschen Dubs wenig anfangen (Stichwort „Schloss Castelystein“ – uargs!), während das Haus-Englisch meiner Frau nicht für komplexe Erzählungen ausreicht. Wir schauen unsere Filme und Serien daher im Originalton mit deutschen Untertiteln.

So viel Auswahl, so wenig Unterschiede

Für den Durchschnittskunden, der einfach nur Filme schauen will, in Deutsch, ganz ohne Firlefanz, ist das natürlich kein stichhaltiges Argument für einen Wechsel. Andererseits besteht kaum ein Grund, einen anderen Service vorzuziehen, sofern man von der schieren Auswahl absieht.

Machen wir uns nichts vor, das vorherrschende Betriebsmodell mit mehreren Anbietern und Exklusivdeals ist gelinde gesagt eine Zumutung. Da kann jeder Einzelne noch so enthusiastisch mit dem „unter zehn Euro“-Abo winken, es wird nicht attraktiver, wenn man am Ende doch mindestens drei Abos abschließen muss, um Zugriff auf eine halbwegs brauchbare Bibliothek zu bekommen.

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Immerhin Breaking Bad gibt es inzwischen bei vielen Anbietern.
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Siehe Sky Snap. Mit 3,99 Einstiegspreis der günstigste Streamingdienst im Bunde, sofern man auf HD-Auflösung verzichten kann, und zugleich die einzige Abo-Partei, die Game of Thrones im Sortiment führt. Allerdings nur die erste Staffel, die inzwischen mehrere Jahre auf dem Buckel hat und Fans längst bekannt ist. Aktuelle Episoden aus dem vierten Jahr stehen nur bei Amazon Prime zur Verfügung und können nicht im Abo abgerufen werden. Hier zahlt man jede Episode einzeln oder bestellt die komplette Season für knapp über 30 Euro.

Angesichts der verminderten, weil stark komprimierten Bild- und Ton-Qualität eigentlich nicht konkurrenzfähig, wäre da nicht der kleine Schönheitsfehler des Exklusivvertriebs. Die nur unwesentlich teurere Blu-ray-Fassung ist nämlich noch gar nicht erhältlich, während hiesige Fernsehsender nur wöchentlich tröpfchenweise senden, was gerade bei einem komplexen Stoff wie Game of Thrones nachteilhaft sein kann. Wer genau jetzt wissen will, wie es weiter geht, muss für einen qualitativ mäßiges Produkt tief in die Tasche greifen und macht sich beim Kauf eventuell von einem Internet-Format abhängig, das in zehn Jahren keinen Wert mehr haben könnte.

Aus demselben Grund kann ich vom vollen Erwerb von Filmen in den Online-Angeboten der Spielkonsolen nur abraten, und zwar dringlichst. Mal angenommen, Sony oder Microsoft erwischt es irgendwann wie Sega. Was, wenn das Format einfach aufhört zu existieren? Dann besitzt man eine Lizenz, mit der man nichts anfangen kann. Eine Blu-ray, ja selbst ein uraltes VHS-Tape funktioniert auch noch in 30 Jahren, passender Player vorausgesetzt.

Für Filmfreaks? Eher nicht!

Im Auswahlverfahren kommt erschwerend hinzu, dass jeder Dienst seine ganz eigenen Kniffe zur Kundenbindung hat. Netflix dreht zum Beispiel eigene Serien, die in den USA ganz gut ankommen, sich hier aber noch beweisen müssen. Außerdem darf man – sofern man einen Euro mehr auf das normale Sieben-Euro-Abo-Drauflegt – mehrere Endgeräte zur gleichen Zeit verwenden.

Klingt sinnlos? Ist es aber nicht! Unter amerikanischen Xbox-360-Besitzern ist es nicht unüblich, Filme gemeinsam an zwei verschiedenen Orten zu schauen und sich per Sprachchat darüber zu unterhalten. Oder denkt mal an eine Geschäftsreise. Während der eine Ehepartner zuhause das Sofa belegt und sich genüsslich eine Folge Breaking Bad reinzieht, kann die zweite Partei den gleichen Inhalt auf dem Hotelbett genießen, ohne dem anderen in den Zeitplan zu funken. Diese Funktion ist an die HD-Ausgabe gekoppelt. Wer auf hohe Auflösung besteht, bekommt das Zwei-Geräte-Feature also frei Haus. Gar nicht mal übel, diese Strategie.

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Nö, wir haben nicht versehentlich das Bild von Seite 1 erneut eingebaut. Die großen Anbieter inszenieren sich nur gern erschreckend ähnlich.
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Ändert aber kaum etwas an der Ausgangssituation. Echte Filmfans werden mit einem einzelnen Abo nicht glücklich, egal ob bei Lovefilm, Watchever, Sky Snap oder Netflix. Am Ende zählt doch nur bare Münze beim Einzelerwerb auf Maxdome und Amazon Prime. Lizenzen ohne handfesten Gegenwert? Nein danke!

Wobei zu klären wäre, was unter einem Filmfan zu verstehen ist. Ihr wollt einfach nur Zeit vor der Flimmerkiste totschlagen? Steht vornehmlich auf Kino-Blockbuster oder typische TV-Serien und gebt euch mit einem Repertoire zufrieden, das schone in paar Jahre auf dem Buckel hat? In dem Fall ist es egal, wem ihr den Zuschlag gebt. Ein großer Teil der Film-und-Serienpalette deckt sich sowieso bei allen Anbietern.

Aber was ist mit den echten Zelluloid-Liebhabern, den Serien-Junkies, den wandelnden Hollywood-Enzyklopädien? Nun, die knirschen sowieso schon mit den Zähnen angesichts der audiovisuellen Qualität. Mittelmäßig bis gut codierte Disc-Rips hauen wahrlich nicht vom Hocker. Wertvolle Filmklassiker sucht man zudem vergebens.

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Ausgerechnet Game of Thrones gibt es lediglich bei Sky und selbst da nur die erste Staffel. Wer aktuelle Folgen sehen will, muss pro Folge zahlen.
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Jarmusch? Kann man das essen? Wo ist die zeitlich gestaffelte Filmographie eines Lars van Trier, von Scorsese, von Hitchcock, Coppola? Warum kann ich, wenn es hoch kommt, gerade mal nach Genres sortieren und nicht nach mindestens 20 anderen Kategorien? Oder anders ausgedrückt: Warum werde ich in der Werbung für solche Dienste als Quasi-Filmfan angesprochen, aber wie ein sesselpupsender, anspruchsloser TV-Konsument behandelt?

Aber was red' ich da. Bei manchen ist es ja schon zu viel verlangt, den Titel eines Films lesbar an die Coverbildchen zu hängen. Mensch, nach 20 Jahren Internet selbst eine so einfache (aus dem Print bekannte) Regel wie „Mach deinen Mist lesbar“ zu ignorieren, wirkt dilettantisch. Wollen diese Anbieter wirklich mal so groß und wichtig werden wie iTunes im Musikbusiness, oder bin ich hier im Kasperletheater? Soll ich gemolken oder bedient werden? Fragen über Fragen! Nur eins ist klar: Das Problem der illegalen Streaming-Seiten wird man mit solch halbherzigen Versuchen nicht los.