Ironie oder Schicksal: Ohne „Need for Speed“ kein „Fast & Furious“ kein „Need for Speed“. Die Verfilmung eines der erfolgreichsten und langlebigsten Videospiel-Franchises ist eng verzahnt mit dem Erfolg der F&F-Kinoreihe, gleichwohl genau diese anfangs nicht unerheblich von der EA-Rennspielserie beeinflusst schien. Den Vergleich aber entscheidet nun zumindest auf der großen Leinwand das Original für sich – „Need for Speed“ ist überraschenderweise hochkompetent gemachtes Actionkino.

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Hand- und fußgemachte Action

So vielfältig und unbegrenzt die Möglichkeiten digitaler Effektspektakel auch sein mögen, Wahrscheinlichkeiten auszuhebeln, Welten zu kreieren, ästhetisches Neuland zu beschreiten, so sehr gilt es mindestens im Actionfilm den Verlust von „Haptik“, von wirklicher Actioninszenierung, zu bedauern. Das hat mit Purismus erst einmal gar nicht viel zu tun (eher mit Klassizismus, ein bisschen auch mit Nostalgie, klar), umso mehr aber mit Irritationen (im lästigen Sinne), wie sie computergenerierte „realistische“ Action immer noch hervorruft.

Need for Speed - Kino der Attraktionen, voller Verlangen nach Geschwindigkeit

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Muscle Cars sind sein Leben: Mechaniker Tobey Marshall (Aaron Paul).
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Es gibt einige Gründe dafür, dass im Kino heute zum Beispiel selbst einfachste Autofahrten (beziehungsweise deren Innenansichten) vor Green-Screen stattfinden, oder dass Actionszenen oft nur noch (per Mausklick oder Schnitt) suggeriert, statt tatsächlich in Szene gesetzt werden. Ökonomische Abwägungen, Praktikabilität, Sicherheitsbedenken, alles völlig einleuchtend. Warum denn auch einen Hubschrauber in eine Häuserschlucht manövrieren, wenn dieser auch (photorealistisch) ins Geschehen animiert werden kann.

Weil man, nun ja, den Unterschied in der Regel eben doch noch wahrnehmen kann. Weil Bewegungen - und Actionkino ist immer auch Bewegungskino - digitale Tricks zumeist immer noch überführen. Und weil CG-Action, zumindest in Kombination mit Menschen, Orten und Gegenständen (mit „Realem“) nie wirklich ihren imaginativen Charakter verhehlen kann. Das Fehlen von Anknüpfungspunkten, an deren Stelle ein Pixelersatz tritt, kann dem physischen Erlebnis Actionfilm sehr abträglich sein.

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Julia (Imogen Poots) räumt auf ihre Art mit einem allzu bekannten Vorurteil auf.
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Das heißt mitnichten, etwa eine halsbrecherische Verfolgungsjagd auch tatsächlich lebensgefährlich (und vernunftwidrig) durchführen zu müssen, aber doch zumindest eine überzeugende Illusion herzustellen. Dies gelang den Actionfilmen der späten 60er und frühen 70er Jahre meisterhaft. Bis heute, also bis ins digitale Kinozeitalter hinein, haben die Autostunts und Crashspektakel aus „Bullit“, „French Connection“ oder den frühen James-Bond-Filmen nicht an Faszination eingebüßt.

Need for Speed“. Darauf will das alles hinaus, huldigt genau diesem Actionkino – und vereint einige der spektakulärsten Autorennszenen der jüngeren Filmgeschichte auf sich. Das kann man ihm nicht hoch genug anrechnen, das lässt das Actionherz höher schlagen (weil nicht nur inner-, sondern auch außerfilmische Gefahrensituationen abzeichnen) und das entschädigt auch für viele Schwächen. Für die eindimensionalen Figuren, für den funktionalen, uninteressanten Plot, für die mit 130 Minuten völlig überveranschlagte Laufzeit.

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Enorm aufwändige Actionszenen ganz ohne Pixelsalat: Allein für die vielen hand- oder vielmehr fußgemachten Autorennen lohnt der Kinobesuch.
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Kino der Attraktionen

Breaking Bad“-Star Aaron Paul, diesmal ganz ohne „Yo“-Jargon, aber wie gewohnt raubeinig-sympathisch, will sich nun als Leading Man im Mainstream-Kino beweisen. Er spielt Tobey Marshall, einen Mechaniker und Street Racer, der nach dem Unfalltod eines jüngeren Freundes unschuldig ins Gefängnis wandert. Über ihn, wie auch über seine Freunde und Unterstützer aus der Werkstatt, erfährt man sonst allerdings wenig bis gar nichts – das ganze Plotdrama ist also eigentlich nicht der Rede wert.

Aber sei’s drum: Nach seiner Entlassung setzt Tobey nun alles daran, nicht nur an einem großen, vom sogenannten Monarch (Michael Keaton) organisierten illegalen Autorennen teilnehmen zu können, sondern auch seinen Erzrivalen Dino Brewster (Dominic Cooper) zu überführen – dem wahren Verantwortlichen für den verheerenden Carcrash, der Tobeys Schützling Little Pete (Harrison Gilbertson) einst das Leben kostete.

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Dino Brewster (Dominic Cooper) ist nicht der übliche Schmierlappenbösewicht, sondern ein smarter Fiesling, der sich auch noch Tobeys Ex-Freundin angeln musste.
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Auf der Flucht vor Brewsters Schergen (sowie natürlich der Polizei) rast Tobey mit der Britin Julia (Imogen Poots) quer durch die USA, um rechtzeitig zum geheimen Start des Rennens Vergeltung üben zu können. Sie hinterlassen dabei ein zünftiges Chaos, in dessen Verlauf auch diverse gewöhnliche Verkehrsteilnehmer zu Schaden kommen – was den dramatischen Höhepunkt des Films, an dem sich Julia den Arm bricht (!), reichlich absurd erscheinen lässt. Kriminelle Helden sind immer noch kriminell.

Figuren und Plot vom Reißbrett, aber die mit Abstand bestinszenierten Autorennszenen und Verfolgungsjagden seit einer Ewigkeit. Und das ohne Digitalschnickschnack.Fazit lesen

Halb Road-Movie, halb Rennfahreraction, nutzt die „Need for Speed“-Realverfilmung ihre notdürftige Handlung vor allem ausgiebig dafür, diverse schnieke Autos (Shelby Mustang, Ford Torino, Chevrolet Camaro, Pontiac GTO etc.) unterzubringen, die meisten von ihnen wohlbekannt aus den Spielen. Sie wurden für den Film und seine eben nicht digital getricksten Stunts allesamt nachgebaut und kamerafreundlich modifiziert, um die teils unbezahlbaren Originalmodelle nicht schrottreif fahren zu müssen.

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Need for Speed, genug gesagt.
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Diese Stunts, ausgeführt in höchst eindrucksvollen Verfolgungsjagden, autoakrobatischen Crash-Performances und schier spektakulären Fahrmanövern, bilden das Herz eines Films, der nicht nur, aber doch vor allem als Hommage an klassisches Actionkino große Freude bereitet. Und der in einigen Sequenzen, genannt seien allein die aus der Fahrerperspektive ausgeführten, Bildtiefe maximierenden (Digital-)Zooms, sogar beinahe Schwindelgefühle heraufbeschwört.