In Deutschland haben es die Filme von Jeff Nichols nicht leicht. Sein Regiedebüt „Shotgun Stories“ wartet hierzulande noch immer auf eine angemessene Veröffentlichung, dem hochgeschätzten Nachfolger „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ wurde immerhin etwas größere Aufmerksamkeit zuteil. Mit „Mud – Kein Ausweg“ erscheint Nichols’ dritter Film nun lediglich auf DVD und Blu-ray, womit einmal mehr Ausnahmekino auf den heimischen Bildschirm verbannt wird.

Mud - Kein Ausweg - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Auf den Spuren von Mark Twain

Trotz einer zugkräftigen Starbesetzung kämpfte „Mud“ jedoch selbst in den USA mit Vertriebsschwierigkeiten. Nach der Weltpremiere auf dem Filmfestival von Cannes fand sich zunächst kein einziger Verleih, der sich die Rechte an der Independent-Produktion für den amerikanischen Markt sichern wollte. Nichols bedauerte, die Studios hätten schlicht nicht gewusst, was sie mit dem Film anfangen sollten. Obwohl er eine ganz einfache, in seiner Form durchaus konventionelle Geschichte erzählt.

Mud - Kein Ausweg - Matthew McConaughey trifft Huckleberry Finn

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Der liebeskranke Outlaw: Mud (Matthew McConaughey) flüchtet auf eine kleine Insel am Mississippi River, doch den Dämonen der Vergangenheit kann er nicht entkommen.
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Diese ist, wie auch von der Kritik einhellig festgestellt, ganz wesentlich an Mark Twains Jugenderzählungen geschult. Eine Südstaatenballade kleiner und großer Jungen, die pubertäre Erweckung an unbekümmerte Abenteuerlust, gefahrenvolle Ereignisse und nicht zuletzt soziale Realitäten bindet. Ein filmischer Coming-of-Age-Roman Twainscher Prägung, der in seiner seltsamen Beziehung zwischen mysteriösem Mörder und jugendlichem Helden aber auch den Klassiker „Die Nacht des Jägers“ in Erinnerung ruft.

Der Mörder, Mud (Matthew McConaughey) sein Name, hat sich hier auf eine kleine Insel am Mississippi River zurückgezogen. Nicht nur die Polizei ist ihm auf den Fersen, auch die Familie jenes Mannes, den er aus Liebe zu seiner Jugendfreundin Juniper (Reese Witherspoon) erschossen hat, ruft nach Vergeltung. Es braucht ein wenig Zeit, ehe sich das alles lediglich als Nebenschauplatz offenbart, mit dem Jeff Nichols an die Vendetta-Melancholie seines ebenso in Arkansas verorteten Erstlings anknüpft.

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Stiehlt allen die Show: Tye Sheridan in der eigentlichen Hauptrolle des Films.
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Tatsächlich interessiert „Mud“ sich weniger für die Western-Motive seiner Geschichte, für den Fremden und dessen mit Pistolen ausgetragene Männerkonflikte. Sondern lässt uns diese ja doch ziemlich kinoartige Raubeinigkeit, mit ihrem territorialen und sexistischen Verteidigungsgetue, vielmehr durch die Augen des vierzähnjährigen Ellis (Tye Sheridan) bestaunen. Ein Junge, der vom romantisch beseelten Mud zunächst ungemein fasziniert ist.

Ellis begegnet dem flüchtigen Outlaw auf der kleinen Flussinsel wie einst Huckleberry Finn dem entlaufenen Jim. Um Mud die Flucht zu ermöglichen, überbringt er Juniper Zettelnachrichten, gerät an den sich zu Land formierenden Lynchmob und bekommt schließlich auch Ärger mit seinen Eltern (Ray McKinnon und Sarah Paulson), deren Ehekrise den Jungen stark belastet. Ellis’ Verbundenheit zu Mud, das stellt der Film klar, ist auch ein Ventil seiner eigenen Mannswerdung.

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Im Ballungszentrum männlicher Gewalt: Juniper (Reese Witherspoon).
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Lügner, Schläger, Mörder

So leidet er schrecklich am gefühlsarmen Verhältnis zum Vater (auf dessen Frage, ob Ellis wisse, dass er ihn lieb habe, der Junge mit „Ja, Sir“ antwortet) und fürchtet den Verlust des Hausbootes, den die elterliche Scheidung mit sich bringen würde. Die auf Ebene der Erwachsenen gewalttätig verhandelten Motive des Films (Besitzanspruch, Liebesbeziehungen, Wertvorstellungen) spiegeln sich in der Erfahrungswelt des 14jährigen Ellis als Irritationen eines Reifeprozesses.

Nichols arbeitet die Parallelen des Jungen und seines idealisierten Ersatzvaters sorgfältig, vielleicht sogar etwas zu gefällig heraus. Alles entwickelt sich hier sehr gradlinig, erzählerisch einfach gehalten, ein stückweit auch absehbar. Über das allzu genregerechte Finale mag man möglicherweise sogar streiten können. Andererseits bleibt der Film dabei vollkommen transparent, leugnet nie seine Absichten, aus dem Verhältnis von Ellis und Mud auch einen größeren Zusammenhang herleiten zu wollen.

Eine sensible Geschichte über das Erwachsenwerden, unaufgeregt erzählt und wunderbar gespielt. Jeff Nichsols hat das Zeug zum nächsten Terrence Malick.Fazit lesen

Mud, der zum geistigen und später auch ganz körperlichen Retter des Jungen gerinnt, ist ein ebenso falsches wie für den Film und seinen Entwurf von Männlichkeit entscheidendes Vorbild: So sehr Ellis – der seinerseits für ein älteres Mädchen schwärmt – die Ereignisse auf eine jugendliche Idee von Liebe herunter brechen mag (dass Mud für Juniper sogar über Leichen ging, ist für ihn offenbar nicht entscheidend), so schmerzlich muss er sich allmählich von dieser Vorstellung verabschieden.

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Helfen einem flüchtigen Mörder: Der vierzehnjährige Ellis und sein bester Freund Neckbone (Jacob Lofland).
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Die Männer in diesem Film nämlich, sie sind Lügner, Schläger und Mörder, sind gescheitert an jedweden romantischen Cowboy-Idealen, und vor allem daran, gute Ehemänner und Väter zu sein. Eine wehmütige, aber unausweichliche Erkenntnis, erst recht nach Nichols’ letztem Film: In dessen „Take Shelter“ ließ sich die Kernfamilie schließlich nur noch unter Androhung von Gewalt, im Luftschutzbunker einer vom Mann imaginierten Apokalypse, einigermaßen zusammenhalten.

Dass Nichols dieses Ringen um falsche Ideale und überkommenen Chauvinismus genau wie sein heimliches Vorbild Terrence Malick vor atemberaubenden Naturkulissen anordnet, ist kein Widerspruch: Nur in der unwirklich vergilbten Schönheit modriger Sümpfe, endloser Flüsse und kleiner Inseln der Hoffnung finden die konfliktgebeutelten Figuren noch Zuflucht – wenn sie als Männer gescheitert sind, als Menschen versagt haben. „Kein Ausweg“, so der deutsche Untertitel zu „Mud“, verkündet dann eben doch nur die halbe Wahrheit.