Sherlock Holmes, das ist vor allem ein draufgängerischer Meisterdetektiv, ein brillanter Kombinationskönig, der selbst kniffligste Fälle zu einer überraschenden Lösung führen kann. Doch was passiert, wenn Holmes ins Rentenalter kommt? Was passiert, wenn sich die flashigen Knobel-Stunts, die unter anderem die TV-Serie mit Benedict Cumberbatch so perfekt in Szene setzt, als Fantasiegespinste von Dr. Watson entpuppen? Was passiert... wenn jemand auf die Idee kommt, all das, was Sherlock Holmes so spannend macht, gegen eine vorwiegend elegische Biographie namens „Mr. Holmes“ einzutauschen?

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Bienen und Wespen

Dann ist Sitzfleisch gefragt, denn dann tut ein Film erstmal nichts anderes, als einen Mythos zu brechen und darauf aufbauend - zum Glück - auch eine eigenständige Richtung einzuschlagen. „Mr. Holmes“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Mitch Cullin und zeigt Sherlock Holmes (Ian McKellen) zunächst einmal als alten Mann, der in seinem Landhaus lebt, Bienen züchtet und mit aufkommender Demenz kämpft. Nichts ist mehr geblieben vom neunmalklugen Draufgänger, stattdessen sehen wir einen schwächelnden Misanthropen, der seiner Haushälterin (Laura Linney) das Leben schwer macht und nur zögerlich deren Sohn (Milo Parker) näherkommt.

Mr. Holmes - Kombiniere: Auch Sherlock wird älter

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Mr. Holmes ganz privat, zusammen mit seinem jungen Protegé.
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Der Unterschied zwischen Bienen und Wespen, erklärt er ihm einmal, ist, dass Bienen ihren Stachel zurücklassen – eine Aussage, die als Metapher für die weitere Handlung dient, denn Holmes ist natürlich eine Biene... aber möchte nicht einfach so enden. Die Demenz wird bekämpft durch die schriftliche Erinnerung an seinen letzten Fall, ein Mysterium um eine junge, depressive Dame (Hattie Morahan), das nie wirklich gelöst werden konnte. Parallel zu den Erinnerungslücken unterbricht sich auch die Erzählung des Kriminalfalls immer wieder. Dazu gibt es noch eine dritte Erzählebene, die vor der eigentlichen Handlung spielt und Holmes nach Japan führt. Dort soll ihm ein Industrieller (Hiroyuki Sanada) Zugang zu einer das Erinnerungsvermögen fördernden Pflanze gewähren.

Spannung und Lücken

Es ist viel los in „Mr. Holmes“, für manche wahrscheinlich zu viel. Im weiteren Sinne klassischer Sherlock-Holmes-Stoff ist lediglich die zweite Ebene, die losgelöst eine interessante „Sherlock“-Folge abgeben würde. Der Rest hingegen arbeitet praktisch gegen die Spannung des Falls und möchte viel lieber den Menschen hinter der Kunstfigur zeigen. Dass der große Bogen dann doch vieles zusammenführt, was zunächst gegensätzlich scheint, mag am Ende versöhnlich wirken, aber der beiläufige Fan wird trotzdem ein bisschen gähnen. Ganz im Gegensatz zu dem beinharten Fan, der sich so sehr mit dem Meisterdetektiv auskennt, dass der entlarvende Blick hinter die Kulissen mehr wiegt als die oftmals behäbige, geradezu umständliche Erzählweise.

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In Japan treibt sich Sherlock auch herum, vor allem wegen Hiroyuki Sanada.
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Klassische Spannung braucht man bei „Mr. Holmes“ nicht zu erwarten, im Vordergrund steht ein Drama, das Hauptdarsteller Ian McKellen eine nuancierte, ungemein vielschichtige und auch ironisch gebrochene Interpretation seiner Figur ermöglicht. Der Film schlägt ein ruhiges Tempo an und erinnert dabei nicht von ungefähr an „Gods and Monsters“. Dabei handelt es sich nicht nur ebenfalls um eine Biographie (in diesem Fall die letzten Tage von „Frankenstein“-Regisseur James Whale), sondern auch um die erste Zusammenarbeit zwischen Regisseur Bill Condon und Ian McKellen. Eine alternde Berühmtheit, ein junger Protegé und eine strenge Haushälterin – check, check und nochmal check. Nach wahrscheinlich nicht erfüllenden Mainstream-Ausflügen des Regisseurs (auf sein Konto gehen unter anderem die beiden finalen „Twilight“-Filme und „Inside WikiLeaks“) macht es auf jeden Fall Sinn, einen Gang herunterzuschalten und erneut auf das Konzept seines ersten großen Erfolgs zurückzugreifen.