Seit 2008 ist alles anders. In dem Jahr präsentierte Marvel Studios den ersten eigenen Film. Man ging eine große Wette ein, nahm einen mehrere hundert Millionen Dollar umfassenden Kredit auf und begann mit der Produktion von „Iron Man“ (2008), mit dem man nicht nur der Konkurrenz zeigen wollte, wie Superheldenfilme aussehen sollen, sondern das erfolgreiche Konzept der Comics auf die Welt des Kinos übertragen wollte.

Die Zukunft

Geplant war ein eigenes Universum, eine starke Verzahnung aller kommenden Filme, so dass man zwar jeden für sich sehen und genießen konnte, aber erst durch Sichtung aller auch wirklich den komplett umfassenden Überblick erhielt. Damit veränderte Marvel das Gesicht des heutigen Kinos. Franchises gab es auch vorher schon, das Konzept des „shared universe“ wurde jedoch erst durch Marvel salonfähig – und das so sehr, dass nun die unmöglichsten Stoffe ähnlich behandelt werden sollen.

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Dabei waren die Anfänge vergleichsweise bescheiden. Dass man Iron Man wählte, um an den Start zu gehen, hatte einen einfachen Grund: Ein paar der besten Figuren hatte man schon anderweitig lizenziert, so „Spider-Man“ oder die „X-Men“. Daraus ergab sich aber auch eine Chance. Das heutige Marvel-Universum könnte anders, vielleicht auch weniger aufregend aussehen, wenn man mit den ganz sicheren Figuren an den Start gegangen wäre. Aber Iron Man war ein Risiko. Eins, das sich auszahlte.

Dabei profitierte man vom Hauptdarsteller, den man ursprünglich gar nicht wollte. Robert Downey Jr. galt damals als unsicherer Kandidat, nachdem er unzählige Rehas hinter sich hatte. Jon Favreau, der den Film inszenieren wollte, setzte aber auf ihn und konnte auch Marvel überzeugen, dass er der ideale Mann war, um Tony Stark zu spielen.

Der Film erzählt die Ursprungsgeschichte von Iron Man, natürlich modernisiert. Neben viel Spektakel lebt der Film vor allem auch von Downey und dessen umwerfenden Humor. „Iron Man“ wurde ein Spaß-Blockbuster, der erfolgreich lief, so dass man sich schnell daran machte, einen zweiten Teil zu produzieren. Schon mit dem ersten Film führte man jedoch etwas ein, das seitdem alle Marvel-Filme auszeichnet und auch von anderen Studios kopiert wurde: Nach dem Abspann gibt es eine Szene, die auf ein späteres Marvel-Abenteuer verweist.

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Nur zwei Jahre später kam „Iron Man 2“ (2010), der erneut von Favreau inszeniert worden war. Allerdings war es eine chaotische Produktion, bei der das Drehbuch bei Drehbeginn noch nicht stand, viel über Bord geworfen und improvisiert wurde, und Favreau sich mit Einmischungen auseinandersetzen musste, die ihm den Spaß am Stoff vergälten.

Im zweiten Teil bekommt Tony Unterstützung, denn hier debütiert auch War Machine, während als Gegner Mickey Rourke in die Rolle des Whiplash schlüpfte. Rourke wurde ein lächerlich kleines Honorar bezahlt, was dieser akzeptierte, da er damit rechnete, dass der Erfolg des Films seine Karriere neu beleben könnte. Ein erstaunlich kleines Salär erhielt auch Scarlett Johansson, die als Black Widow debütierte (und Emily Blunt ersetzte, die eigentlich für die Rolle vorgesehen war).

Marvel Cinematic Universe - Als die Comic-Bilder laufen lernten – Teil 4 (2008 bis 2015)

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Mit ihm fing die Zukunft der Superheldenfilme an: Iron Man.
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Zudem war es ein Vertrag, der vorsah, dass sie in einer ganzen Reihe von Marvel-Produktionen mitwirken musste. Das Kalkül für die Schauspieler: Kinoerfolge, die es erlauben, andere große und kleine Stoffe realisieren zu können.

Der zweite Teil war inhaltlich eine Enttäuschung, die Frische und Originalität des Erstlings war vorüber, aber mit dem dritten Film sollte sich das ändern. Downey holte seinen Kumpel Shane Black hinzu, mit dem er zuvor „Kiss Kiss Bang Bang“ gemacht hatte. Black inszenierte „Iron Man 3“ (2013) mit sicherer Hand und kehrte zu alter Größe zurück. Die Geschichte um den von Ben Kingsley gespielten Mandarin ist nicht nur amüsant und actionreich, sondern auch durchaus überraschend. Dazu gibt es eine Reihe humoriger Szenen, aber auch Story-Elemente, die für das gesamte filmische Marvel-Universum wichtig sind, vor allem aber auch der Fernsehserie „Agents of S.H.I.E.L.D.“ half. Die inhaltliche Verzahnung war 2013 einfach schon sehr weit gediehen.

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Grün

Der zweite Film, den Marvel produzierte, war „Der unglaubliche Hulk“ (2008). Man setzte hier darauf, dass Ang Lees „Hulk“, der für Universal entstanden war, nicht allzu großen Schaden angerichtet hatte. Alle Figuren wurden neu besetzt – Edward Norton war nun Bruce Banner und Liv Tyler spielte Betty Ross.

Darüber hinaus wollte man näher am Comic bleiben. Man setzte darum auf das Monster Abomination, mit dem sich der Hulk einen Schlagabtausch leisten kann.

Packshot zu Marvel Cinematic UniverseMarvel Cinematic Universe

Der Film, der die Ursprungsgeschichte im Vorspann kurz abhandelte, war nicht so erfolgreich wie gedacht, weswegen ein Sequel ausblieb. Darüber hinaus gab es auch Streit zwischen Edward Norton und dem Marvel-Produzenten Kevin Feige, der sich öffentlich äußerte und dabei recht stillos vorging.

Der Film selbst war deutlich besser als sein Vorgänger und hatte eine Nachklappe zu bieten, die Iron-Man-Fans verzückt, denn auch Robert Downey Jr. ist kurz zu sehen.

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Die lebende Legende

Im Jahr 2011 schickte man dann eine weitere Figur aus dem reichhaltigen Marvel-Oeuvre ins Kino: Captain America. Im Deutschen trug das Werk den Titel „The First Avenger“, da man vermeiden wollte, Zuschauer zu verlieren, denen das Ganze mit dem Originalnamen zu patriotisch erscheinen könnte.

Mit diesem Streifen konnte man eine neue Farbe im Marvel-Universum zeigen. Denn im Grunde ist „The First Avenger“ ein Kriegsfilm, der zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs spielt. Man erlebt mit, wie aus dem schmächtigen Steve Rogers der Supersoldat Captain America wird und wie er gegen sein Nazi-Pendant, den Red Skull, kämpft.

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Der von Joe Johnston inszenierte Film hat dabei weniger Superhelden- als Kriegsfilmflair, was dem Ganzen sehr gut getan hat. Darüber hinaus lernt man hier Hayley Atwell als Peggy Carter kennen, die später mit „Agent Carter“ ihre eigene Fernsehserie erhalten hat.

Am Ende des Films stürzt Steve Rogers im ewigen Eis ab und wird Jahrzehnte später wiederbelebt. „Return of the First Avenger“ (2013) befasst sich folgerichtig auch mit der Frage, wie ein aus der Zeit gerissener Mann sich in der Moderne zurechtfindet. Darüber hinaus orientierte man sich bei dem Film an einem der größten Comics rund um Captain America überhaupt und brachte den Winter Soldier ins Spiel, der einst Caps Partner Bucky Barnes war.

Das Ergebnis ist nicht nur ein grandioser Actionfilm, „Return of the First Avenger“ hat weit mehr zu bieten, ist er doch auch ein politischer Thriller und zeigt auf recht subversive Art und Weise, wie Angst eine Nation lähmen kann. Er stellt erstaunlich unbequeme Fragen, die man bei einem Superheldenfilm nicht erwartet hätte.

Marvel Cinematic Universe - Als die Comic-Bilder laufen lernten – Teil 4 (2008 bis 2015)

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Vielleicht bisher der beste Film des Marvel Cinematic Universe: "Captain America - The Winter Soldier".
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Zu dem Zeitpunkt hatte Chris Evans die Rolle des Captain America nicht nur in den beiden Filmen, sondern auch in „The Avengers“ gespielt und einen kleinen Auftritt in „Thor: The Dark World“ absolviert. Sein Vertrag sieht sieben Filme, wobei das anfängliche Salär sehr gering war, so dass Nachverhandlungen stattfanden. Dies betraf übrigens nicht nur Chris Evans, sondern auch seinen Kollegen Chris Hemsworth, der als Thor einen ähnlich unvorteilhaften Deal eingegangen war und sogar die Agentur wechselte, da eine neue mehr für ihn herausholen sollte.

Die Marvel-Gleichung, dass diese Filme den Stars auch bei ihrer Karriere helfen, gilt eben nur zur Hälfte. Ebenso wie die Argumentation, dass die Rollen, nicht die Schauspieler die Stars des Films sind. Dass das nicht funktioniert, musste das Studio unlängst mit „Ant-Man“ erfahren, aber dazu später mehr.

Es gab Nachverhandlungen, bei denen auch Robert Downey Jr. federführend war, der als Gallionsfigur des filmischen Marvel-Univesums für das Studio zum jetzigen Zeitpunkt unverzichtbar ist.

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Ein Gott unter Menschen

Mit „Thor“ (2011) brachte man abermals eine neue Farbe ins Marvel-Universum. Die Welt der Magie zog ein, auch wenn in Asgard Wissenschaft und Magie ein und dasselbe sind. Als Regisseur holte man Kenneth Branagh, der dem Film eine opernhafte Schwere verlieh, dem aber auch vor allem die Sequenzen in Asgard gefallen haben, wie es scheint. Die übrige Handlung ist weniger überragend, ist der Destroyer als Gegner, der eine Wüstenstadt plattmacht, doch auch nicht gerade umwerfend.

Mit dabei war auch Natalie Portman als Thors Liebe Jane Foster. Eingeführt wurde zudem Hawkeye, der von Jeremy Renner gespielt wurde.

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Der zweite Teil ging schnell in Produktion, Branagh weigerte sich aber, zurückzukehren. Ein Problem, das es bei Marvel häufiger gibt. Dort ist man sehr stark involviert, so dass der Regisseur nur allzu oft zum Erfüllungsgehilfen verkommt. Eine Position, die weder Joe Johnston noch Kenneth Branagh ein zweites Mal einnehmen wollten.

„Thor: The Dark World“ (2013) ist größer und spektakulärer als der Vorgänger, weil er mit den Dunkelelfen unter Führung von Malekith auch eine viel interessantere Bedrohung aufbaut. Darüber hinaus wird Asgard ausgebaut und ist nicht länger nur die goldene Halle, die man im Erstling sehen konnte, sondern geht mehr in Richtung Fantasy-Sujet á la „Game of Thrones“. Das ist wiederum keine Überraschung, verpflichtete man doch Alan Taylor, der bei der Serie viele Episoden inszeniert hat – und die Marvel-Einmischungen auch so wenig mochte, dass er erklärte, nicht mehr für das Studio arbeiten zu wollen.

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Das große Treffen

Alle Marvel-Produktionen haben auf ein Ziel zugearbeitet: das erste Aufeinandertreffen der Avengers. Im Jahr 2012 war es dann soweit. Unter Regie von Joss Whedon debütierte „Avengers“ und wurde zum gigantischen Erfolg. Er brachte es bis auf Platz 3 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten und wurde erst dieses Jahr von „Jurassic World“ auf Platz 4 verwiesen.

Inhaltlich war eigentlich nicht viel geboten. Im Grunde das übliche Aufeinandereinprügeln der Helden, bis sie merken, dass sie auf derselben Seite stehen und dann das Bewältigen der Bedrohung. In diesem Fall war diese sowohl Thors Halbbruder Loki als auch die außerirdische Streitmacht der Chitauri.

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Joss Whedon inszenierte auch „Avengers: Age of Ultron“ (2015), musste hier aber weit mehr Einmischungen von Marvel erdulden. Die Geschichte wurde komplett vorgegeben, eigene Ideen konnte er nur bedingt einbringen. Das sorgte auch dafür, dass er nach diesem Film seinen Hut nahm – oder rausgeschmissen wurde, je nachdem, wem man zuhört.

Das Ergebnis war leider bescheiden. Die Geschichte hätte durchaus Potenzial gehabt, aber sie wurde so extrem glattgebügelt, dass nichts blieb. Im Grunde ist sie nur ein Katalysator für viel Action, die teilweise nett anzusehen ist, vor allem aber ermüdend daherkommt. Die Bedrohung durch den von James Spader gesprochenen Roboter Ultron ist lapidar, das Finale halbgar. Viel Geld machte auch dieser Film, aber weit weniger als sein Vorgänger. Und inhaltlich enttäuschte er auf ganzer Linie.

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Die ungewöhnlichen Helden

Was sich aus einem obskuren Marvel-Stoff herausholen lässt, zeigte James Gunn mit „Guardians of the Galaxy“ (2014), dessen Drehbuch er massiv umschrieb, seinen eigenen, nicht immer mainstreamigen Humor einbrachte und einen Film ablieferte, der auf ganzer Linie unterhält. Es ist keine Superheldengeschichte, sondern eine Space Opera, die er hier präsentiert.

Das Ergebnis ist der spaßigste, schnellste, schrägste und coolste Film, den Marvel je hervorgebracht hat. Dass zwei Sequels angekündigt wurden, ist da nur folgerichtig.

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In ähnliche Richtung hätte auch „Ant-Man“ (2015) gehen können, aber der Rauswurf von Edgar Wright, der jahrelang an dem Projekt gearbeitet hatte, hinterließ Spuren. Wright wollte nicht umsetzen, was Marvel vorschwebte, sein Ersatz Peyton Reed aber schon. Herausgekommen ist ein Film ohne Ecken und Kanten. Bei Wright wäre das anders gewesen. Der spielte sogar mit der Idee, den Ant-Man nicht zu einem Menschen zu machen, der die Größe einer Ameise annehmen kann, sondern zu einer Ameise, die zum Menschen werden kann.

Bei einer Figur wie dieser wäre es notwendig gewesen, Konventionen zu sprengen. Das hat nicht stattgefunden. Stattdessen spult man das übliche Programm ab, muss nun aber auch erleben, dass eben nicht jede Marvel-Figur für Kinoeinspielergebnisse von 600 und mehr Millionen Dollar gut ist. „Ant-Man“ muss sich anstrengen, auch nur die Hälfte zu erreichen, und ist damit ein Flop.

Bei Marvel wird man darum auch umdenken müssen. Dahingehend, ob man den Filmemachern nicht mehr Freiheiten überlässt, wie es bei James Gunn der Fall war. Und auch darüber, was man mit den obskursten Figuren anfangen will. Ein „Black Panther“- oder „Captain Marvel“-Film kann darum auch weit hinter den Erwartungen des Studios zurückbleiben.

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Die „Phase 2“ des Studios ist nun beendet, im nächsten Jahr startet „Phase 3“ mit „Captain America: Civil War“, mit dem auch Spider-Man ins MCU zurückkehrt. Darüber hinaus bereitet man auch weitere Figuren vor, die ihr Filmdebüt erst noch geben müssen, darunter „Doctor Strange“. Spannend wird es gerade bei diesen Filmen sein, ob Marvel aus „Ant-Man“ Konsequenzen gezogen hat. Aber eines ist klar: Das Marvel Cinematic Universe wächst in den nächsten fünf Jahren noch schneller als bisher. Das Goldene Zeitalter der Superhelden ist jetzt!

Als die Comic-Bilder laufen lernten – Teil 3 (2000 bis 2015)
Als die Comic-Bilder laufen lernten – Teil 2 (1988-2000)
Als die Comic-Bilder laufen lernten – Teil 1 (1944-1987)