Luc Besson macht einen Film über eine Frau, die die Grenzen des menschlichen Seins hinter sich lässt und zu etwas neuem, etwas anderem wird. Und niemand fragt sich, wie der Film wohl wird, was das Drehbuch bereit hält oder welche schauspielerischen Fähigkeiten Hauptdarstellerin Scarlett Johansson auf die Bretter legt. Nein, stattdessen wird jeder zum Hobby-Philosophen und verpestet das Web mit seiner unpassenden Internetschläue. Danke hierfür.

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Eine Frau wird Gott

Eine junge Frau wird von der Mafia gezwungen, eine neue Droge über die Grenzen zu schmuggeln. Eingenäht in ihren Bauch üben die blau leuchtenden Kristalle einen ständigen Druck auf Lucy aus und zehren an ihren Nerven. Einige verstörende Bilder später kommt der Tritt in die Magengrube. Das Päckchen platzt. Die Droge ist in ihrem Körper. Und ihre Hirnaktivität nimmt plötzlich rapide zu.

Lucy kennt jetzt nur noch ein Ziel: die restlichen Päckchen der Droge finden und ihre Hirnaktivität auf 100% ausweiten. Natürlich ist das Quatsch. Denn der Film geht davon aus, dass jeder Mensch nur durchschnittlich 10% seines Gehirns aktiv nutzt und der Rest ungeahnte Möglichkeiten bereit hält. Möglichkeiten, die Lucy nun zur Verfügung stehen.

Lucy - Vom 10%-Schwachsinn und größeren Problemen: Scarlett Johansson wird zu Gott

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Die ziemlich uninteressante Göttin Lucy (Scarlett Johansson).
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Aufklärungsstunde

In Wirklichkeit nutzen wir aber das ganze Spektrum unserer Möglichkeiten. Halt nur nie auf einen Schlag. Immer nur die Bereiche des Hirns, die wir gerade auch benötigen. Das ist wirtschaftlicher und sorgt dafür, dass wir uns keinen „Kurzen“ fangen. Es gibt nur eine bekannte Situation, in der wir tatsächlich die gesamten 100% nutzen, aber die ist keinem zu empfehlen. Spreche ich hier doch von einem epileptischen Anfall.

Nun, diese Information ist für euch vielleicht nicht neu. Sie ist eine der wenigen urbanen Legenden, die im ganzen Internet verbreitet und aufgelöst wurden und die jeder betrunkene Extrovertierte gerne nutzt, um in einer Bar mit seiner Internetschläue anzugeben. Stolz berichtet die breite Masse, dass das ganze Gerede um die 10% natürlich nur Quatsch ist. Danke, Herr Hirnprofessor.

Packshot zu LucyLucy

Aber warum ist das so unfassbar wichtig? Wieso ist bereits im Vorfeld – wenn noch nichtmal mehr als ein einzelner Trailer zu sehen ist – die Frage nach dem Sinn der Erklärung so ausschlaggebend? Wollen wir als nächstes über die Zeitreise-Problematik in Terminator reden? Oder warum Superman auf der Erde fliegen kann? Die Erklärungen sind allesamt Mist. Die Filme dazu großartig. Also wieso verwehrt man Lucy schon ab der ersten Sekunde die Chance, ein guter Film zu sein?

Lucy - Vom 10%-Schwachsinn und größeren Problemen: Scarlett Johansson wird zu Gott

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Der ziemlich uninteressante Gegenspieler Mr. Jang (Min-sik Choi).
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Damit man mit seinem Wissen angeben kann? Scheinbar. Hat das der Film verdient? Nun, ja. Ein bisschen schon, andererseits auch wieder nicht. Eine dumme Begründung für die Superkräfte des Protagonisten sollte eigentlich niemanden stören. Nicht in Zeiten, wo normale Bürger in Fässer voller radioaktivem Müll landen und als Superhelden wieder herauskommen.

Zum Film

Doch hat diese Form der Mundpropaganda für Lucy auch etwas positives, denn dadurch blieb der Film im Gespräch. Sollte er dies nach Release durch seine sonstige Geschichte, sein Drehbuch oder seine Handlungsabläufe erreichen wollen, wäre er hoffnungslos verloren.

Visuell bombastisch. Der Rest... *Hier 10%-Witz einbauen"Fazit lesen

Lucy hat einige wirklich beeindruckende Szenen zu bieten und ist in visueller Hinsicht eine Meisterleistung, die auf der Zunge zergeht. Alles andere ist jedoch ausgemachter Mist. Bildschnipsel, die das Gesehene untermalen und mit der Komplexität des Seins/Universums/Leben in Einklang bringen sollen, stattdessen aber nur aus dem Erzählfluss reißen und sich nicht einzuordnen wissen.

Lucy - Vom 10%-Schwachsinn und größeren Problemen: Scarlett Johansson wird zu Gott

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Der ziemlich uninteressante Gehirnfoscher Professor Norman (Morgan Freeman).
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Lucy läuft ausdruckslos von 'A' nach 'B' und macht ihr Ding. Alle anderen – Verbündete, Feinde, Freunde – werden zu absoluten Nebendarstellern, die die junge Frau im Grunde nur auf ihrem Weg zum finalen Ziel begleiten. Wirkliche Spannung kommt dabei nie auf, da Lucy quasi unantastbar ist und man ab der ersten Minute sicher ist, dass sie ihr Ziel auch erreicht.

Der Film überrascht nicht. Abgesehen von ein/zwei super umgesetzten Szenen, die abermals nur visuell bombastisch sind, jedoch aus storytechnischer Sicht lauwarm wie Spucke anmuten. Dazu kommt ein Morgan Freeman, der jedem South-Park-Witz gerecht wird und mit deutlicher Lustlosigkeit den Plot erklären muss. Leider sind seine Erklärungen ziemlicher Bullshit.

Selbst der durchschnittlichste Superheldenfilm, der mit einer ähnlich beknackten Origin-Story daherkommt wie die 10%-Gehirn-Geschichte, schafft es, in seinem eigenen Universum – für sich selbst – Sinn zu machen. Diese Mühe macht sich Lucy jedoch nicht. Alle Erklärungen und Ausführungen, die später nach und nach folgen, sind ziemlicher Blödsinn und wirken, wie frisch aus der Nase gezogener Popel.

Lucy - Vom 10%-Schwachsinn und größeren Problemen: Scarlett Johansson wird zu Gott

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Der Typ war so uninteressant, seinen Namen haben wir gleich wieder vergessen.
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Die schauspielerischen Leistungen finden nie zu mehr, als zu durchschnittlichem Theater. Die Nebencharaktere sind Schubladen von Charakteren, Freeman wirkt zu jeder Sekunde, als hätte er schon lange keine Lust mehr und Zugpferd Scarlett Johansson hat keine Chance, die durchaus aussagekräftige schauspielerische Leistung der ersten Filmminuten weiterzuführen. Schlichtweg, weil ihre Rolle nicht mehr hergibt, als Ausdruckslos durch die Gegend zu watscheln.