Wer eine narrative Struktur oder gar eine stringente Erzählung erwartet, wer seine Filme klar geordnet und leicht konsumierbar will, der ist bei Ryan Goslings Regiedebüt „Lost River“ ganz falsch aufgehoben. Gosling, der schon als Schauspieler ein Faible für das abseitigere Kino hat, dreht als Regisseur noch mehr auf.

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Dass Gosling es schätzt, mit Nicolas Winding Refn zu arbeiten, merkt man seinem Debüt nun auch an. Obwohl eine gänzlich andere Geschichte, fühlt man sich an „Only God Forgives“ erinnert, gestaltet sich diese Mixtur aus Fantasy und Drama doch wie ein fiebriger, halluzinatorischer Traum, der nie ganz greifbar, aber auch nicht leicht abzuschütteln ist.

Eine unwirkliche Welt

Man kann eine Geschichte aus dem irrlichternden Treiben herausschälen, aber sie ist nur peripher vorhanden, man gleitet in sie hinein und wieder raus, eben wie bei einem Traum, der meist ohne Anfang und Ende daherkommt.

Lost River - Ryan Goslings Regiedebüt: was für ein Trip!

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Der Film startet am 28.05.2015 in den deutschen Kinos.
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Lost River war einst eine blühende Gemeinde, ist nun aber eine verwahrloste Geisterstadt, in der kaum noch jemand lebt. Die Finanzkrise hat zugeschlagen, wer kann, der verlässt die Stadt und sucht wo anders sein Glück. Billy ist eine der wenigen, die noch geblieben ist. Nicht, weil sie will, sondern weil sie keine Wahl hat. Sie ist pleite, muss aber Geld auftreiben, um das von der Bank finanzierte Haus nicht zu verlieren.

Ihr Bankberater vermittelt sie an einen zwielichtigen Nachtclub, in dem sie die mysteriöse Cat kennenlernt. Billy wird Teil der Performance, die weit jenseits normaler Konvention ist.

Ihr Sohn Bones hat derweil Probleme mit einer gewalttätigen Gang. Er freundet sich mit dem Mädchen Ratte an, die bei ihrer Großmutter lebt. Diese hat seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr gesprochen und sieht sich nur noch alte, gemeinsame Filme an.

Packshot zu Lost RiverLost River

Ratte berichtet Bones, dass der See in der Nähe einst als Trinkwasserreservoir angelegt worden ist – aber mit ihm hat man auch eine Siedlung versenkt. Sie ist überzeugt, dass ein Fluch auf Lost River liegt, der nur gebrochen werden kann, man etwas vom Grund dieser Seestadt holt…

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Alternativtitel: "How to Catch a Monster".
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Höllische Visionen

Ryan Gosling teilt mit Nicolas Winding Refn dieselben Phantasien. Darum ergänzen sie sich als Schauspieler und Regisseur auch so sehr, aber Gosling versteht es, seine eigene Qualität unter Beweis zu stellen. Man merkt „Lost River“ schon an, dass es auch ein Film sein könnte, wie ihn Refn gestalten würde, aber er besitzt auch ganz eigene Sensibilitäten.

Was Gosling hier abliefert, ist Film in seiner pursten Form. Dies ist keine Geschichte, die sich in Form eines Romans erzählen ließe, das von Gosling gewählte Medium ist das einzige, mit dem die Story wirklich umsetzbar ist. Weil er Bilder ersinnt, die sich ins Gedächtnis einbrennen, weil er Visionen präsentiert, die von immenser Schönheit sind.

Visionärer Trip, der wie ein Traum anmutet.Fazit lesen

Gosling spielt mit den Farben, er wendet sich ab von einer realistischen Palette und präsentiert fiebrige Farbkaskaden, deren Faszination man sich nicht entziehen kann. „Lost River“ ist nichts, das man verstehen könnte – oder sollte. Man muss ihn fühlen, erleben, spüren, in sich aufnehmen.

Das geht nirgendwo besser als in der Dunkelheit eines Kinosaals, wenn alle anderen Sinnesausdrücke ausgeschaltet sind. Das Spiel der Farben, in Symbiose mit dem suggestiven Score von Johnny Jewel ist eine Verbeugung vor den ganz großen Visionären des Mindfuck-Kinos. Was Gosling hier abliefert, erinnert in seinen besten Momenten an die großen Werke eines David Lynch.

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Ein Film, den man nicht gänzlich verstehen kann.
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Das Ende der Welt

„Lost River“ ist weniger verständlich, als vielmehr ein modernes Märchen, das von einer verheerten Welt erzählt, in der Banken ohne Vorwarnung Wohnhäuser demolieren lassen, aber sie nicht in Grund und Boden stampfen, sondern sie als bizarre Ungeheuer zurücklassen.

Faszinierend sind auch die Sequenzen auf der Bühne, bei denen man den verlorenen Existenzen von „Lost River“ eine Show der Extreme bietet. Gosling lässt hier das Grand-Guignol-Theater aufleben, mit all seinen schauerlichen Bildern, und in perfekter Technik. Wenn sich Christina Hendricks die Haut vom Gesicht abzieht, dann muss man schon schlucken!