Wie konnte sich doch früher eine eindimensionale Ideologiekritik aufregen über Steven Spielbergs Filme, die manchmal komplexe historische Zusammenhänge angeblich verkitschten und der dann wieder, Gott bewahre, pures Unterhaltungskino machte! Mit seinem Biopic über die letzten Monate im Leben von Abraham Lincoln wählt der häufig Gescholtene jedenfalls einen erzählerischen Mittelweg, der viele Zuschauer zumal in Europa einigermaßen kalt lassen dürfte.

Bloß nichts falsch machen: Spielberg wollte ganz offensichtlich den 16. US-Präsidenten, der um den Preis eines blutigen Bürgerkrieges die Sklaverei abschaffte, jenseits aller Heroisierung als einen Mann zeichnen, dem Krisen und Selbstzweifel wohl bekannt waren – aber dies natürlich, ohne dessen Verdienste zu schmälern. Er wollte einen Heldenfilm ohne Helden, eine patriotische Geschichte mit möglichst wenig Pathos. Kann das gutgehen?

Das Ergebnis ist zumindest kein Fiasko. Spielbergs „Lincoln“ ist typisches, wie es die Amerikaner nennen, „middle brow entertainment“, ja nicht anspruchslos, aber auch ja nicht zu sperrig, und damit selbstredend prächtiges Oscar-Material. Man muss nicht immer bemerken, an welchen Stellen Tony Kushners Drehbuch Shakespeare, zumal den „Hamlet“, zitieren lässt, um das private und politische Dilemma der Hauptfigur zu verstehen. Man muss die Schauplätze von Schlachten und Verhandlungen nicht in einen chronologischen Kontext einordnen, um die Bedeutung des jeweiligen Geschehens zu erkennen.

Und man muss auch nicht die Feinheiten des parlamentarischen Systems der USA kennen – wobei solche Hintergrundinfos zwischenzeitlich durchaus hilfreich sind –, weil Lincolns Frau Molly (Sally Field) bei der entscheidenden Abstimmung eine nützliche Liste erstellt, die in regelmäßigen Großaufnahmen zeigt: Wie viele fehlen uns noch?

Lincoln - Steven Spielberg enthüllt: War Abraham Lincoln gar kein Vampirjäger?

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Abraham Lincoln in bekannten Posen.
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Liberale gegen „Nigger“-Hasser

Abgestimmt wird Ende Januar 1865 über den 13. Zusatz zur Verfassung, mit dem Lincoln die Sklaverei ein für alle Mal verbieten will. Dem Süden, der militärisch ohnehin schon am Boden liegt, würde das den Todesstoß versetzen – und nur dieses Argument könnte womöglich auch die konservativen Republikaner zur Zustimmung bewegen. Die oppositionellen Demokraten, damals im amerikanischen Parteiensystem noch für den Rassismus zuständig, müssten allerdings mit anderen Mitteln überzeugt werden, damit die Gesetzesvorlage auf die nötige Zweidrittelmehrheit kommt.

Während also mit dem Segen des Präsidenten fleißig Posten an mögliche Umfaller verschachert werden, werfen im Repräsentantenhaus die fundamentalistischen „Nigger“-Hasser um Fernando Wood (Lee Pace) und die radikalen Sklaverei-Gegner um den knorrigen Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) einander Beleidigungen an den Kopf, angesichts deren Intensität die heutzutage schon mehr als überhitzt scheinende politische Rhetorik der USA geradezu gemäßigt erscheint.

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Politik als Machtspiel.
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Als wäre all dies noch nicht genug, muss Lincoln auch noch unbedingt verschleiern, dass eine Delegation aus dem Süden bereits unterwegs ist, um die Kapitulationsbedingungen zu verhandeln – würde das bekannt, wären zahlreiche Stimmen aus dem eigenen Lager futsch. Der Plot, der auf Teilen von Doris Kearns Goodwins‘ Buch „Team of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln“ basiert, ist als bisweilen etwas unstrukturiertes Zapping konstruiert, das zwischen Familienszenen, Beratungen Lincolns mit Kabinett und Ministern, Einschüben von der Front und den Clashs im Parlament hin- und her wechselt.

Dabei erweist es sich als geradezu aufdringliche erzählerische Strategie, die große Geste, das Pathos und das Kämpferische da zu verorten, wo es nach Maßstäben der Demokratie auch hingehört: in den parlamentarischen Diskurs.

Der Präsident war Zicke und kein Donnergott

Lincoln selbst erscheint beinahe wie ein Gefangener in den mit wenig künstlichem Licht erhellten Innenräumen, den sprichwörtlichen Hinterzimmern der Politik, in denen er mühevoll Interessen abwägt und Kompromisse aushandelt – wenn er seine Gesprächspartner nicht gerade mit langen anekdotischen Monologen verunsichert.

Die Erdung einer Legende – mit interessanten Ansätzen, aber letztlich nicht mutig genug und nur leidlich unterhaltsam.Fazit lesen

Daniel Day-Lewis spielt ihn als einen buckligen, aber aufrechten Mann, sparsam mit seinen Bewegungen und ein wenig steif – als jemanden, der sich auf gar keinen Fall von der Last seines Amtes niederdrücken lassen will. Wenn Lincoln seine sanfte Stimme einmal zu einem Zornesausbruch erhebt, klingt das faszinierend angestrengt und deplatziert. Kein Donnergott hat da gegrollt, sondern ein Intellektueller, dem nichts Kluges mehr einfällt, hat gezickt.

Seiner Umgebung ist ohnehin die Farbe entzogen, in depressivem Graubraun erstrecken sich selbst die selten zu sehenden offenen Landschaften vor dem Zuschauer, und die eine Schlachtenszene des Films, ein dreckiges, tödliches Wühlen im Matsch, ohnehin. Selbst Spielbergs Hauskomponist John Williams lässt es erst gegen Ende ein wenig bombastischer krachen. „Lincoln“ ist ganz ohne Frage konsequent inszeniert, mit einem klaren Konzept. „Down to earth“ sollte der Über-Präsident geholt werden.

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Spielbergs Versuch, die Ikone Lincoln vom Thron zu hieven, gelingt nicht ganz.
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In seinem Heimatland mag das auch ganz wunderbar funktionieren, allein: Um jemanden vom Sockel stoßen zu können, muss er erst einmal auf einem stehen. Und wie Spielberg sich dann doch nicht traut, auf das Spektakel, das erhabene Schaudern zu verzichten, sondern es in seinem Film lediglich von der Hauptfigur weg in eine Parallelhandlung zu verlagern, das ist dann paradoxerweise doch wieder: der typische alte Steve. Würden jedenfalls die Ideologiekritiker sagen.