Wer Regisseur Takashi Miike schon an milden Mainstream verloren glaubte, den straft Japans unvergleichliche Skandalnudel mit „Lesson of the Evil“ gehörig Lügen. Sein irrsinniger High-School-Splatterfilm räumt vorerst alle Bedenken aus, nach denen Miike nun im sanftmütigen Alterswerk angekommen sei. So erbarmungslos wie hier mussten unschuldige Schüler seit „Battle Royale“ nicht mehr um ihre Leben fürchten!

Lesson of the Evil - Deutscher Trailer

Tatort Klassenraum

Im Gegensatz zu Kinji Fukasakus multimedialem Survival-Schultrip müssen sich die ahnungslosen Jugendlichen in „Lesson of the Evil“ allerdings nicht gegenseitig attackieren, wofür ihnen der ebenso beliebte wie engagierte Englischlehrer Hasumi (Hideaki Ito) auch überhaupt keine Zeit lässt. Er nutzt stattdessen einen friedvollen Projektabend seiner Schüler, um sie – böse ließe sich sagen: interdisziplinär – ganz einfach abschlachten zu können.

Lesson of the Evil - Ein abgrundtief böser Film

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Wolf im Schafspelz: Englischlehrer Hasumi (Hideaki Ito) ist beliebt, smart, gut aussehend. Und leider auch ein…
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Diesen blutrünstigen Höhepunkt bereitet der Film mit rücklings geradezu perfider Hand vor. Über eine Stunde lang erzählt Miike beinahe quälend gelassen von den Alltagsbanalitäten seiner Protagonisten. Wenig deutet auf das orgiastische Schlussdrittel hin. Und noch weniger auf die Brutalität, mit der hier ein quasi umgedrehter Schulamoklauf als surreales Inferno jenseits der Geschmacksgrenze inszeniert wird.

Vor einem Jahr kam der beherzt auftretende Hasumi an die Tokioer Oberschule, nachdem sich an seinem vorherigen Arbeitsplatz ein rätselhafter Massensuizid ereignete. Hasumis Schüler ahnen nichts von der dunklen Vergangenheit ihres Lehrers, dem sie ihre Sorgen und Nöte anvertrauen. In seiner generösen Betulichkeit fühlt sich insbesondere Miya (Erina Mizuno) geborgen, die mit Hasumi ein heikles Liebesverhältnis eingeht.

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…mörderischer Psychopath, der von surrealen Wahnvorstellungen heimgesucht wird.
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Zu den reichlich garstigen Einfällen des Films zählt dann auch deren erste gemeinsame Nacht, für die sich Hasumi im Haus eines Kollegen einquartiert. Ihn erpresst er ausgerechnet mit dessen Beziehung zu einem Schüler, die er so „asozial“ und „pervers“ findet, dass er auch gleich zwei passende Sündenböcke für seinen nahenden Feldzug auserkoren hat. Und das sind lediglich die ersten Anzeichen von Hasumis sardonischer Lehrstunde des Bösen.

Einzig dem verschüchterten Lehrer Tsurii (Mitsuru Fukikoshi, bekannt aus Sion Sonos „Cold Fish“) ist die, wie er sagt, „glitzernde Oberfläche“ des angesehenen Kollegen mehr als ungeheuer. Er stößt in Hasumis Lebenslauf schließlich auf diverse Ungereimtheiten und muss diese Skepsis umgehend mit seinem Leben bezahlen. Niemand wird das finale Drama abwenden können. Hasumis Schüler sind ihrem psychopathischen Mentor ausgeliefert.

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Neofarbener Amoklauf: Hasumi mutiert zum Hobo with a Shotgun.
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Eine Lektion in Zynismus

Nachdem er sich mit der Videospielverfilmung „Phoenix Wright - Ace Attorney“ schon fast in die Gefilde familienfreundlicher Unterhaltung vorwagte, wirkt „Lesson of the Evil“ im arbeitswütigen Output seines Regisseurs wie ein radikaler Befreiungsschlag. Der Film ist so gradlinig (und fatalistisch) im unausweichlichen Zynismus des Plots, dass Miike seine jüngeren Weltkino-Ambitionen auch gleich mit einem dicken „Fuck You“ hätte überschreiben können.

Fans feierten das Serienkillergemetzel als Rückkehr zu exzessiver Brutalpoesie in Tradition von Miikes „Ichi the Killer“, derweil die internationale Kritik den Film vor allem mit Blick auf reale Amokläufe harsch anging. Dennoch dürfte es kaum zu einem weiteren ausgemachten Skandalwerk im Oeuvre des japanischen Kinoprovokateurs reichen. Seinen ihm eigenen Humor hält Miike in „Lesson of the Evil“ nämlich nicht unter Verschluss.

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Die hilflosen Schüler erstarren vor Schock. Sie laufen nicht, sie weinen nur.
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Das letzte Drittel dieses mit 130 Minuten Laufzeit etwas sehr großzügig bemessenen Films ist durchsetzt von surrealen Heiterkeiten und unangenehm-vergnüglichen Einsprengseln. So mutiert Hasumis Schrotflinte in dessen verzerrter Wahrnehmung zum quasselnden Matschauge eines früheren Killer-Kompagnons, während dazu eine beschwingte Jazzversion von Bertolt Brechts bzw. Kurt Weills „Mackie Messer“-Bänkellied aus der Dreigroschenoper ertönt!

Der Titel ist Programm. Ein so gemeiner wie rabiater Film, mit dem Takashi Miike sich wieder einmal als Grandseigneur der Provokation behauptet.Fazit lesen

Und überhaupt: das Finale. Gleichwohl Miikes mit Blutfontänen und zerschossenen Teenagerleibern inszenierter Mordrausch ganz fürchterlich (und durchaus nicht ganz unbedenklich) anmuten mag, verweist er mit dem stilistischen Geschick betötender Neonfarben sowie außerordentlich durchdachter Breitwandphotographie auch auf die betonte Künstlichkeit seines Films. Und stellt vieles darin sogar eindeutig als Comic Relief aus.

Eine wie auch immer geartete Psychologisierung, selbst noch den Hauch eines Subtextes enthält Miike dem Publikum dabei konsequent vor. Kein moralisches Motiv wie im ebenfalls in einer Schule verorteten, äußerst hinterlistigen Psychothriller „Geständnisse – Confessions“, kein gesellschaftskritisches Pipapo, wie es die Brutalität von „Battle Royale“ zumindest geistreich absicherte. Nur Hass, unerklärlicher Hass scheint Hasumi zu treiben. Und den Film damit natürlich umso angreifbarer zu machen.