Schon in den 80er Jahren gab es Bestrebungen, das von Cameron Mackintosh produzierte Musical „Les Misérables“ auf die Leinwand zu bringen. Nun hat es doch ein Vierteljahrhundert gedauert, aber Tom Hooper („The King’s Speech“) hat den Wunsch vieler Musical-Fans Wirklichkeit werden lassen – und das mit enormer Starbesetzung.

Jean Valjean (Hugh Jackman) wird nach 19 Jahren aus der Haft entlassen. Er ist auf lebenslanger Bewährung, die er fast verwirkt, als er einem Priester Silber stiehlt. Doch als Valjean gefasst wird, erfährt er einen Akt der Güte. Der Priester erklärt, er habe Valjean das Silber geschenkt. Er fordert von Valjean jedoch, dass er es nutzt, um ein besserer Mensch zu werden.

Die Jahre vergehen, Valjean hat seinen Namen abgelegt und ist Bürgermeister einer Stadt. Er ist ein guter Mensch geworden, als Inspektor Javert (Russell Crowe) auftaucht. Javert erkennt in dem Bürgermeister Valjean, kann es aber nicht beweisen. Valjean wiederum ist bereit, sich vor Gericht zu offenbaren, als ein anderer für ihn den Kopf hinhalten soll. Und er schwört der von ihm enttäuschten Fantine (Anna Hathaway), dass er sich um ihre Tochter Cosette (Amanda Seyfried) kümmern wird. Das tut er auch, doch über all die Jahre hinweg ist ihm Javert auf den Fersen…

Stärken und Schwächen

Im Vergleich zur Bühneninszenierung hat der Film natürlich den Vorteil, dass er mit der Kamera nahe an die Schauspieler herangehen kann. Das erlaubt es, das Schauspiel wirklich zu genießen, während man im Theater zu weit entfernt ist, um Feinheiten erkennen zu können.

Im Besonderen gilt dies für Hathaway, die in einer der packendsten Sequenzen des Films eines der schönsten Lieder singt und dabei unglaublichen Schmerz für den Zuschauer spürbar werden lässt. Hier wird eine Intimität aufgebaut, die auf der Bühne nicht umsetzbar wäre. Zudem ist Hathaway einer der ganz großen Aktivposten des Films, auch wenn ihre Rolle vergleichsweise klein ist.

Les Misérables - Elend mit Starbesetzung?

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Der Film basiert auf dem Musical, das wiederum auf dem Roman von Victor Hugo basiert.
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Allerdings leidet der Film an denselben Schwächen, die auch das Bühnenstück plagen. So mancher mag es als Stärke ansehen, für jeden gilt dies aber sicherlich nicht: Selbst die Dialoge werden hier gesungen – in einer Art Sprechgesang, der im Vergleich zu den eindringlichen musikalischen Stücken des Films deutlich abfällt.

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Ein weiterer Vorteil des Films ist hingegen, dass er das Bühnenbild viel weiter aufziehen kann. Wo die Bühne nur allzu oft sehr spartanisch daherkommt, ist Hoopers Film ein Ausstattungstraum, der mit packender Kamera und weiten Einstellungen der Größe der Geschichte gerecht wird.

Hugh vs. Russell

Hugh Jackman überzeugt als Valjean mit feiner Darstellung und unheimlich sanfter Stimme, die man so von ihm gar nicht erwarten würde. Russell Crowe hat ebenfalls eine weiche, aber deutlich männlichere Stimme, die er aber nur selten richtig zur Geltung bringen kann, da Javerts Gesangsteils von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht besonders kraftvoll daherkommt.

Les Misérables - Elend mit Starbesetzung?

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Wie bei Verfilmungen dieser Art üblich ist fast jede Rolle mit einem Star besetzt.
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Das übrige Ensemble schlägt sich gut, wenn auch nicht immer überragend. Amanda Seyfried als erwachsene Cosette hat nur bedingt überzeugendes Stimmvolumen, dafür ist Samantha Barks, die Eponine schon auf der Bühne gespielt hat, eine Entdeckung. Eddie Redmayne ist dann am besten, wenn er innerhalb eines Ensembles aus voller Brust singen darf.

Aufwendige Verfilmung des Bühnenstücks, das eigene Stärken, aber auch Schwächen besitzt.Fazit lesen

Der Zufall führt Regie

Schon Victor Hugos Roman ist zu eigen, dass der Zufall oftmals zu sehr benutzt wird. Wie Javert immer wieder auf Valjean trifft, überspannt die Glaubwürdigkeit von Mal zu Mal mehr. Bühnenstück und Film können sich darüber auch nicht erheben, sondern leiden an den Schwächen des Romans, die man aber natürlich im literaturhistorischen Kontext sehen muss. Hugos Roman ist zu Recht ein Klassiker, lebt aber mehr von der Charakterisierung von Elend und Leben seiner Figuren als von seiner Geschichte.

Diese Form der Erzählung muss man tolerieren, auch wenn bei einer Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden auch reichlich Leerlauf vorhanden ist.