Eine nette kleine Idee für ein nettes kleines Fernsehspiel im ZDF: Die pure Gewöhnlichkeit wird Thomas Müller zum Verhängnis, weil er ausgerechnet als durchschnittlichster Mensch der Republik den „König von Deutschland“ geben muss. Zum lebenden Versuchsobjekt eines Meinungsforschungsinstituts degradiert, soll das von Olli „Dittsche“ Dittrich gespielte Mittelmaß in Person unter Totalüberwachung die Meinung des Volkes repräsentieren.

König von Deutschland - Offizieller Trailer

Klassisches Fernsehmaterial

Da also Müllers Leben in allen Belangen Durchschnittswerte erfüllt, ist er für Industries Unlimited das optimale Meinungsbarometer. Als die Firma den jüngst gekündigten Autor von Navigationssystemtexten (!) bei sich einstellt, ahnt der noch nicht, mit seiner umfassenden Datenerfassung zum gläsernen Bürger der Marktforschung zu mutieren. Über Kameras, Hautsensoren und jedwede verbale Äußerung des unfreiwilligen Probanden generiert das Institut vermeintliche Trends für Werbung und Politik.

Die Müller-Show im bundesdeutschen Durchschnittswohnzimmer hinterlässt aber zunehmend Spuren der Irritation: Über den Sinn seiner neuen Arbeit – einkaufen gehen, Produkte testen, im leeren Büro herumsitzen – gerät er schnell ins Grübeln. Und auch Ehefrau Sabine (Veronica Ferres) und Sohn Alexander (Jonas Nay) werden von seiner neuen Aufgabe als Meinungsmacher der Nation in Mitleidenschaft gezogen. Als Thomas schließlich hinter die eigentlichen Absichten der Firma kommt, dreht er den Spieß kurzerhand um.

Das erinnert stark an die von Regisseur David Dietl auch offenkundig benannten Ideengeber: Wie bei Harold Crick in „Schräger als Fiktion“ oder Barry Egan in „Punch Drunk Love“ ist der Alltag bei Thomas Müller durch funktionale Neurosen gekennzeichnet, wie Truman Burbank in der „Truman Show“ muss auch er sich aus der eingerichteten Gewöhnlichkeit lösen und zu einem selbstbestimmten Ich finden. Das Zaudern mit dem Zorn bekämpfen.

Die tatsächlich vom kleinen Fernsehspiel im ZDF und arte co-produzierte, doppelt und dreifach geförderte Komödie hat es erstaunlicherweise zu einem Kinostart gebracht, eine beachtliche Leistung für das Debüt eines Regiestudenten. „König von Deutschland“ ist nach den jüngsten Erfolgsgeschichten von „Oh Boy“ und „Das merkwürdige Kätzchen“ ein weiterer Abschlussfilm der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, der voller Hoffnung im Kino ausgewertet wird.

König von Deutschland - Voll normaaaal: Olli Dittrich ist der King

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So normal, dass es schon wieder einzigartig ist: Olli Dittrich als Thomas Müller.
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Dabei ist „König von Deutschland“, trotz seiner in die Breite des Scope-Formats gezwängten Bilder, klassisches Fernsehmaterial. Eine recht deutlich von bekannten Vorbildern inspirierte Geschichte, die in einer ans selige „Familienduell“ auf RTL gemahnenden TV-Show gipfelt, mit Fernsehgesichtern besetzt und merklich kleinteilig in passgenauen 90 Minuten erzählt ist. Die ganz nett, ganz vergnüglich, ganz gewöhnlich ist. Und die auf ihrer Suche nach dem besten Durchschnittswert selbst zur Bekömmlichkeit wird.

Fehlbesetzung Veronica Ferres

Ans Eingemachte geht dieser „König von Deutschland“, auch im komödiantischen Sinne, nicht. Seine natürlich ziemlich boshafte Prämisse löst sich in Gefälligkeiten auf, ohne sie weder satirisch noch emotional auszukosten. Ihm fehlen sowohl kluger Spott (die Machenschaften des Instituts bleiben seltsam unkommentiert) als auch ein spürbares Bewusstsein für die tragische Dimension seines Protagonisten.

„Die Truman Show“ war beides, bissig und bewegend, Dietls Film ist nur harmlos und leicht verdaulich. Was an und für sich okay, aber hier und jetzt, als betuliche deutsche Komödie im Prism- und Tempora-Klima, eben auch nicht sonderlich anregend ist. Vor allem, weil „König von Deutschland“ dem ganz großen Wahnsinn entsagt: Seine Anklage verlegt er ins Menschliche und bleibt damit eher provinziell, statt seine später fest entschlossene Kämpferfigur auch zum Anlass für einen anarchischen Diskurs zu nehmen.

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Beinahe schlimmer wiegt aber die Besetzung von Veronica Ferres. Es gibt womöglich keine deutsche Schauspielerin, der man die einfache ostdeutsche Ehefrau des durchschnittlichsten Bürgers des Landes so wenig abnehmen kann wie ihr. Viel zu verzahnt ist sie mit Rollen in teutonischem Eventfilm-Trash, mit boulevardesken Auftritten als Millionärsgattin, mit der Münchner Schickeria. Ihre Verpflichtung mag als selbstironischer Bruch mit genau dieser Persona gedacht sein, aber man glaubt ihr diese Figur nicht eine Minute.

Olli Dittrich ist famos als durchschnittlichster Mensch Deutschlands, kann den Film aber leider selbst nicht vor allzu gefälligem Mittelmaß retten.Fazit lesen

Wahrscheinlicher ist ohnehin, dass eher ihre Nähe zur Dietl-Familie sie in den Film brachte. Unter der Regie von Helmut Dietl spielte Ferres unter anderem in „Schtonk!“ oder „Rossini“ und kennt seinen Sohn seit dessen Kindheitstagen. Gerade aus dem leicht ranzigen „Dunstkreis“ des bayrischen Filmadels aber hätte sich David Dietl lösen müssen, zumindest hinsichtlich dieser Besetzung, um seinen Entwurf von Durchschnittlichkeit nicht durch derartige Assoziationen zu vereiteln.

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In den Nebenrollen: große und kleine Stars wie Katrin Bauerfeind.
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Einigermaßen vergnüglich ist „König von Deutschland“ letztlich trotzdem, Dank Olli Dittrichs begnadeter Fähigkeit, sich immer wieder in derart verschrobene Charaktere verwandeln zu können. Er schultert den mäßig interessant geschriebenen Film souverän, inklusive einiger herrlich dämlich interpretierter Drehbuchsätze („Dein Vater ist jetzt Opinion Leader!“). Jonas Nay („Homevideo“) und Katrin Bauerfeind („Harald Schmidt Show“), beide erstmals in einem Kinofilm zu sehen, runden das Ensemble ab.