Wie wär's denn mal zur Abwechslung mit der aufwändigen Verfilmung eines erfolgreichen Buches? Ridley Scott produziert, die Besetzung, angeführt von Tom Hardy und Noomi Rapace, ist ein A-listiger Traum und das fruchtbare Handlungsumfeld ist die Sowjetunion der fünfziger Jahre, gedüngt zum Beispiel mit Paranoia, Kommunismus, Pflicht versus Menschlichkeit und einem auf kleine Jungs spezialisierten Serienkiller. Oscars, ick hör dir trapsen – zumindest bis sich dann die ungelenke Misere des Films über die Zuschauer auskübelt.

Kind 44 - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Mord ist eine kapitalistische Krankheit

Das Knirschen im filmischen Gebälk beruht vor allem auf der pompösen Überambition, die hier für jeden Handschlag eine Allegorie bereithält und die Grundaussage, dass das System brutaler ist als jeder Serienkiller, mit einer Art Wettbewerb in Sachen trister Ziellosigkeit umrahmt. In der Sowjetunion der fünfziger Jahre trägt man grau, geht zum Lachen in den Keller und wird allzeit überwacht. Jeder ist ein potentieller Verräter, und drastische Mörder, die überhaupt nicht in die paradiesische Propaganda passen, dürfen auf extra-schlampige Strafverfolgung hoffen.

Kind 44 - Mad Tom (Hardy) jagt einen russischen Serienkiller

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Vorbild Stalin – auch für Joel Kinnaman.
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Nein, es war kein Zuckerschlecken damals, doch immerhin sind so kontroverse Emotionen gesichert, die unweigerlich auf moralische Grundsatzentscheidungen à la „soll ich meine Frau als Verräterin bloßstellen?“ hinauslaufen. Das System propagiert unmenschliche Ausbeutung, das Gewissen fungiert dazu als Sympathiekompass, der sich entweder „gegen alle Widerstände“ (TM) aufbäumt oder so richtig fies einen auf „Fähnchen im Wind“ macht. Jeder hier hat eine motivierende Vergangenheit ... und jeder hier spricht mit „Borat“-würdigem ruhssischän Slang – der die finstere Agenda mehr als einmal ein bisschen lächerlich macht.

Irgendwie schon etwas komisch, dass ein Film in Russland spielt und dann alle Hauptdarsteller so tun müssen als wären sie Russen. Tom Hardy zum Beispiel, der hier einen hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter namens Leo Demidov spielt, ist so plakativ „typisch“ wie es wahrscheinlich niemals einen Russen gegeben hat. Ein satter Seitenscheitel, eine tiefe, monotone Stimme, absolut linientreu – einfach ein Berg von einem Mann. Der sich allerdings für seine Frau entscheidet, als diese in Spionageverdacht gerät, und demzufolge in die Provinz versetzt wird. Wo er an den bereits erwähnten Serienkiller gerät. Dessen laxe Strafverfolgung natürlich auch wieder für Abrieb an dem Mannberg sorgt.

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Grau, braun und Liebe – zwischen Leo (Tom Hardy) und Raisa (Noomi Rapace).
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Zuhause im Paradies

Reibungsflächen, je sturer und unmenschlicher desto besser. Bei Kind 44 wimmelt es nur so vor liberalen Angriffspunkten, die in ihrer mäßig subtilen Ausschlachtung immer wieder emotionale Knöpfe drücken. Die literarische Vorlage von Tom Rob Smith bringt das ziemlich effektiv und plausibel auf den Punkt, doch der Film muss alles dreimal unterstreichen, auf eine bedeutungsschwangere Größe aufblasen und immer wieder mit Enthüllungen gebrochener Persönlichkeiten auffächern. So etwas ist entweder komplex oder, wenn der Serienkiller als Kinderblut trinkender Nazi-Gefangener geoutet wird, aufgesetzt.

Na ja, beziehungsweise bei Bildern kleiner, ausgeweideter Jungen: würg. "Kind 44" ist vor allem schwere Kost, ein tristes Epos über alle möglichen menschlichen Eckpfeiler, wie zum Beispiel Schuld, Moral oder Liebe, die dann mittels vielschichtiger Motivationen durch einen zähen dramatischen Sumpf gezerrt werden. Anders als das Buch verkürzt der Film etliche Male und bleibt dabei immer in einer gräulichen Nebelwand, die Hoffnung, auch für den Zuschauer, zu einem unerreichbaren Ziel macht.

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Zwei Männer, ein Friseur: Gary Oldman und Tom Hardy.
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Eine Möglichkeit, den Zug nach unten zu lockern, wäre das Mystery-Element des Serientäters, der aber bereits früh als unscheinbarer Normalo „entlarvt“ wird, eine andere Möglichkeit zügige Actionszenen, die jedoch dank Regisseur Daniel Espinosa, der schon bei „Safe House“ mehr Chaos als Dynamik verursachte, in konfusem Durcheinander enden. Kind 44 fehlt eine klare Linie, das Buch hätte mal besser entrümpelt und dafür tiefgründiger umgesetzt werden sollen.

Gegen Ende, als es dann doch mal primär darum geht, den Mörder zu stoppen, grätscht auf einmal Vasili (Joel Kinnaman), ein karrieregeiler Kollege von Leo, dazwischen und möchte die Lösung des Falls verhindern. Warum, wieso, weshalb? Das bleibt weitgehend unklar...und erinnert nicht zum ersten Mal daran, dass das Drehbuch ein, zwei Rewrite-Runden zu früh grünes Licht erhalten hat.

Kind 44 - Exklusive Szenenbilder zum Thriller

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© Concorde Filmverleih 2015/ Larry Horricks

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