Der Film kommt gerade richtig. Erzählt er doch die Geschichte des US-Journalisten Gary Webb, der 1996 in einer kontroversen Artikelserie den angestiegenen Drogenhandel Kaliforniens mit geheimen CIA-Operationen verknüpfte – und so vor allem hiesige Mainstream-Medien gegen sich aufbrachte. Willkommenes Material für verschwörungsgläubige Kritiker einer angeblichen Systempresse, dem leider ungeheuerliche Tatsachen zugrunde liegen. „Kill the Messenger“ rekonstruiert sie.

Kill the Messenger - Official Trailer #1

Dunkle Allianz

Alles beginnt mit einem Telefonanruf im Redaktionsbüro. Gary Webb (noch nie so gefordert wie hier: Jeremy Renner) schreibt für die auflagenschwache Lokalzeitung San Jose Mercury News und hat einen Artikel über die unrechtmäßige staatliche Behandlung mutmaßlicher Drogenhändler veröffentlicht. Eine Frau kontaktiert Webb und spielt ihm Dokumente zu, die beweisen sollen, dass ein hochrangiger nicaraguanischer CIA-Informant sich im großen Stil als Kokain-Dealer verdingt.

Webbs Recherchen führen ihn nach Zentralamerika. Ihm gelingt es, Verbindungen zwischen den von der US-Regierung unterstützten Contra-Rebellen und dem Anstieg des kalifornischen Drogenhandels Mitte der 80er Jahre nachzuweisen. Deren Kokainschmuggel in die USA habe den Guerillakrieg gegen die Sandinisten finanziert und sei von der CIA gebilligt worden. Im Kampf gegen den Kommunismus, mag man meinen, ist Ronald Reagan alles recht gewesen.

Kill the Messenger - #NSA-Skandal, #Verschwörung, #Lügenpresse

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 26/291/29
Von der Suche nach Wahrheit getrieben wie einst „Die Unbestechlichen“: Gary Webb (Jeremy Renner) kommt einer fatalen Vertuschungsaktion der Regierung auf die Spur.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Du hast keine Vorstellung, auf was du dich einlässt“, warnt ein Kongressabgeordneter (Michael Sheen) den Investigativjournalisten. Und fügt noch hinzu: „Manche Wahrheiten sind einfach zu wahr, um erzählt werden zu können“. Große Worte natürlich, die der Film da in die Ereignisse schreibt, aber sie verfehlen nicht ihre Wirkung. Gary Webb druckt seine brisante Story schließlich unter dem Titel „Dark Alliance“ in drei Teilen. Sie wird sein Leben verändern.

Was der Film nicht erzählt, aber zur historischen Wahrheit gehört: Bereits zehn Jahre zuvor hatte es einen Artikel der Associated Press gegeben, den der damalige Senator John Kerry zum Anlass einer breiten Untersuchung nahm, nachdem Reagans Regierung den paramilitärischen Contras trotz eines gegenteiligen Kongressbeschlusses weiterhin finanzielle Hilfe zukommen ließ (über ein Urteil des Internationalen Gerichtshofes setzte sie sich ebenfalls hinweg).

Kill the Messenger - #NSA-Skandal, #Verschwörung, #Lügenpresse

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Eine der vielen hervorragend besetzten Nebenrollen: Oliver Platt als Zeitungsherausgeber, der vor dem medialen und politischen Druck einknicken wird.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Späte Gerechtigkeit

Webb berichtete also nicht als erster Journalist über die später und auch nie in Gänze aufgeklärten Verstrickungen, aber er tat es im noch jungen Internetzeitalter – seine Artikelreihe dürfte als erster Enthüllungsreport gelten, der eine virale Online-Verbreitung fand. „Kill the Messenger“ zeichnet diesen Aufruhr akribisch nach und rückt dabei auch das journalistische Establishment in einen unrühmlichen Mittelpunkt: Es bezeichnete die Bekanntmachungen als spekulativ und diskreditierte sie öffentlich.

Spannende Mischung aus Politthriller und Biopic, die berechtigte Systemzweifel aktiviert und doch auf dem Boden der Tatsachen bleibt.Fazit lesen

Insbesondere zentrale Organe des profilierten US-Journalismus (Washington Post, Los Angeles Times) drucken zweifelhafte Gegendarstellungen und berufen sich dabei ausgerechnet auf CIA-Quellen. Webbs streitbarer Stil und seine teilweise fehlerhaften Einschätzungen werden hochgespielt, private Details ausgeschlachtet. „Es geht nicht mehr um die Story, es geht um dich“, sagt Webbs Chefredakteurin (Mary Elizabeth Winstead), die ihm zunehmend weniger Rückendeckung gibt.

Kill the Messenger - #NSA-Skandal, #Verschwörung, #Lügenpresse

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 26/291/29
Lebensgefährlicher Investigativjournalismus: Zuerst kommen Gary Webb nicaraguanische Contra-Rebellen in die Quere, später bedroht und verfolgt ihn auch die CIA.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dieses mediale Ablenkungsmanöver (das sich übrigens einige Jahre später wiederholte, als die Berichterstattung über die offiziellen und den Skandal bestätigenden Aufsichtsberichte der CIA im Trubel um die Lewinsky-Affäre untergingen) wird Regisseur Michael Cuesta ( „Homeland“) dazu inspiriert haben, sich mindestens so sehr auf Webbs Familie zu konzentrieren wie auf dessen Enthüllungen. Sein Film also ist nicht nur Thriller, sondern auch biographisches Drama.

Die ohnehin kriselnde Beziehung zu Ehefrau Sue (Rosemarie DeWitt) droht unter der Schmähkampagne zu zerbrechen, das Verhältnis zum ältesten Sohn Ian (Lucas Hedges) wird auf eine Probe gestellt. Der Film lässt keinen Zweifel an Webbs beruflichem Ethos und inszeniert das brutale Ende seiner Karriere mit einem manchmal etwas arg melodramatischen Verlangen nach Anteilnahme und später Gerechtigkeit. Man kann ihm das nachsehen, aber es droht mitunter den Fokus aufs Wesentliche zu verstellen.

Jack Ryan: Shadow Recruit - James Bond, Jack Ryan und ihre Kumpels: Die größten Agenten der Filmgeschichte

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (36 Bilder)

Denn was Gary Webb persönlich widerfuhr, mag ein politischer Skandal sein, aber was er aufdeckte oder zumindest in einen Diskurs brachte, ist ein noch wesentlich größerer. In seinen stärksten Momenten, und davon gibt es einige in diesem Film, schildert „Kill the Messenger“ das brutale Versagen von Regierungs-, Geheimdienst- und Medienapparat – und erinnert nicht zuletzt daran, dass die politische Wahrheit leider auch Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheorien sein kann.