Es begann nicht mit einem Namen. Den hatte Mark Millar nämlich nicht. Er versteigerte den Zivilnamen seines neuen Helden Kick-Ass für wohltätige Zwecke. So kam Dave Lizewski, die Comic-Figur, zu seinem Namen – durch Dave Lizewski, den echten Menschen, der gerne im Comic verewigt werden wollte.

Erst kam der Comic, dann der Film, dann zwei weitere Comic-Miniserien und nun schließlich der zweite Film. Schluss ist damit noch nicht, denn erst die dritte Miniserie, die gerade in den USA gestartet ist, soll das Real-Life-Superhero-Epos konsequent zu Ende führen – und natürlich im optimalen Fall die Vorlage für weitere Filme liefern. Aber das Ende könnte so manchem nicht schmecken, am wenigsten dem Filmstudio, denn auf die Frage, ob die Hauptfiguren sterben, antwortete Mark Millar nur: „Vielleicht. Das hier ist eine realistische Superhelden-Geschichte.“

Ein ganz normaler Superheld

Erzählt wird die Geschichte von Dave Lizewski, einem typischen Comic-Book-Geek, der davon träumt, wie es wäre, ein Superheld zu sein. Nur dass er nicht nur davon träumt, sondern diesen Traum auch Realität werden lässt. Er ist der erste Real-Life-Superheld, der auf die Straße hinausgeht und gegen das Böse kämpft. Und bei seinem ersten Einsatz wird er fast umgebracht. Aber Kick-Ass, wie er sich fortan nennt, hat Blut geleckt. Es ist wie eine Sucht und so kehrt er nach monatelanger Rekonvaleszenz auf die Straßen zurück und inspiriert andere, ebenfalls ins Superhelden-Geschäft einzusteigen.

Er bildet mit Red Mist ein Team. Und er lernt Big Daddy und das zehnjährige Hit-Girl kennen, das ihn aus prekärer Lage rettet und fünf Typen brutal und blutig kalt macht. Big Daddy und Hit-Girl haben es auf die Mafia abgesehen. Und sie wollen Kick-Ass und Red Mist für ihren Kampf rekrutieren, doch sie geraten in eine Falle. Einer stirbt, einem werden die Eier mit Strom malträtiert und eine schlägt wie eine Furie um sich. Was folgt, ist ein Kampf auf Leben und Tod. Und die Geburt eines Superschurken.

Kick-Ass 2 - Vom Comic zum Film: Anfänge, Unterschiede, Ausblicke

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Was Mark Millar hier macht, ist, den ewigen Fanboy-Traum zu nehmen und zu untersuchen, wie er in der Realität aussähe. Im besonderen Maße gilt dies für die ersten beiden Hefte der Geschichte, wenn man miterlebt, wie Dave als Superheld fast getötet wird und wie auch seine weiteren Gehversuche als Kick-Ass eher fragwürdiger Natur sind. Dies ist, wie das Leben eines Real-Life-Superheros aussehen würde.

Danach dreht Millar aber richtig auf und präsentiert eine übersteigerte Gewaltorgie, die nur noch bedingt realistisch ist. Denn die Ausbildung von Hit-Girl ist ebenso wie der Kampf gegen die Mafia wohl kaum noch das, was einem Superhelden im wahren Leben widerfahren würde. Aber: Auch innerhalb dieser Geschichte hat KICK-ASS Bodenhaftung. Und sei es nur, weil Big Daddys Origin kaum anders ist als die von Kick-Ass.

Packshot zu Kick-Ass 2Kick-Ass 2

Was Millar mit „Kick-Ass“ unterstreicht, ist der ewige Kreislauf. Wo es einen Superhelden gibt, muss es auch einen Superschurken geben. „Unbreakable“ hat dies als Film sehr schön illustriert und Frank Millers „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ hat es als Comic beeindruckend umgesetzt. Die Existenz des einen bedingt immer die Existenz des anderen. Ein Held ohne Nemesis ist nichts, ein Schurke ohne Widersacher ebenso. So hat Dave Lizewski nicht nur das Zeitalter der Superhelden ausgelöst, sondern auch gleichzeitig das der Superschurken eingeleitet. Und ob die Welt dadurch ein besserer Ort wird?

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„Kick-Ass“ ist die vielleicht ungewöhnlichste Superhelden-Geschichte, die man sich nur vorstellen kann. Und mit einem Gewaltgrad, der wirklich seinesgleichen sucht. Und das gilt umso mehr, da die wüstesten Verstümmelungen und Ermordungen von einem zehnjährigen Mädchen verübt werden, das seine Gegner mal ganz schnell als "Fotzen" bezeichnet, bevor es ihnen den Garaus macht. Das ist total überzogen und in seiner Wirkung so übersteigert, dass man nicht anders kann als zu lachen, wenn Hit-Girl zuschlägt und wieder drei Köpfe rollen. Es ist, wie es der Comic als Werbespruch nutzte, "kranke Gewalt, wie man sie liebt."

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Es war alles andere als selbstverständlich, dass dieser Gewaltgrad auch im Comic gegeben ist. Aber er ist es, und er verschafft dem Fan, wie es Dave im Comic so schön ausdrückt, einen „Nerdgasmus“.

Nahe an der Vorlage und doch anders

Der Film beginnt wie der Comic. Mit einem Off-Erzähler, dem Alter Ego von Kick-Ass, und dem "Superhelden", der in den Tod springt. Auch danach bleibt der Film nahe an der Vorlage und nimmt sich kleinere Freiheiten wie beim ersten Einsatz von Kick-Ass. Im Laufe der Geschichte findet der Film dann aber seinen eigenen Weg und geht in teils gänzlich andere Richtung als der Comic.

Nicht falsch verstehen, die Grundhandlung ist gleich, nur das "Wie" ist anders. Etwa in Bezug auf Red Mist, der Falle für Kick-Ass, Big Daddy und Hit-Girl, dem brennenden Haus und der Foltersequenz. Das ist nicht weiter tragisch, für Kenner des Comics sogar erfrischend, weil es Neues zu entdecken gibt.

In zwei Bereichen weicht der Film jedoch stark vom Comic ab. In Bezug auf die Backstory von Big Daddy und in Hinblick auf Daves Freundin Katie. Im Comic ist Big Daddy nicht der coole Cop, der aus Rache gegen die Mafia in den Krieg zieht. Er ist wie Dave ein Arschloch, das Superheld spielt - wenn auch auf höherem Niveau. Er ist Buchhalter, der sich alles nur ausgedacht hat. Im Film ist die Backstory wahr. Das verändert die Aussage.

Die Doppelbödigkeit der Vorlage ist unterminiert. Der Clou am Comic ist, dass es eben keine große Rache-Geschichte gibt, die einen Helden - in dem Fall Big Daddy - antreibt. Es ist der (vielleicht irre) Wille, Gutes zu tun. Der Film ist im Endeffekt näher an dem, was ein Superheldenstoff in der Regel ist. Immerhin gelingt es dem Film aber, die Beweggründe von Kick-Ass besser herauszuarbeiten. Die Szene, in der er vor dem Café einen Mann rettet, ist der Schlüssel. Er ist bereit, für einen Wildfremden zu sterben, zu helfen, wenn andere nur zusehen. Weil diese Welt ein beschissener Ort ist, gerade weil jeder gafft, aber niemand einschreitet.

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Für die Geschichte mit Dave und Katie gilt praktisch dasselbe. Im Comic gesteht er ihr, dass er nicht schwul ist und sie schickt ihn zum Teufel. Mehr noch, sie demütigt ihn, indem sie ihm ein Handy-Video schickt, das zeigt, wie sie einem anderen den Schwanz lutscht. Und er demütigt sich selbst, indem er sich darauf einen runterholt. Im Film ist das anders. Es ist die klassische Herangehensweise, sozusagen die Geschichte von Spider-Man, der seine Mary-Jane bekommt. Denn Dave offenbart sich seiner Angebeteten nicht nur, indem er ihr erklärt, dass er hetero- und nicht homosexuell ist, sondern auch als Kick-Ass.

Letzteres mag ausschlaggebend sein, dass sie ihn nicht vor die Tür setzt. Man kann darüber streiten, ob die Entscheidung, die Figurenkonstellation derart zu verändern, schlau ist. Ich finde jedoch schon. Und der Film gibt auch eine Antwort darauf, warum dem so ist. Dave Lizewski ist ein Freak, der zum Superhelden wird, weil die Mischung aus Einsamkeit und Verzweiflung stimmt. Er hat keinen Grund aufzuhören, denn er hat nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Aber er bekommt es in Form von Katie.

Das bereichert die Figur des Dave Lizewski. Zuvor sah man einem Helden zu, der tat, was er tat, weil er sich um nichts scherte. Es war ihm schlichtweg egal, was mit ihm passiert, weil er nichts zu verlieren hatte. Ein Mann ohne Hoffnung ist ein Mann ohne Furcht. Aber jemand, der etwas auf dieser Welt hat, das ihm viel bedeutet, ist verletzlich.

Dies sind die zwei größten Veränderungen bei der Transformation vom Comic zum Film. Sie sind teilweise enorm, aber in sich stimmig. Andere Elemente der Geschichte wie etwa die Tatsache, dass man von Anfang an weiß, was Red Mist im Schilde führt, passen in das Gesamtkonstrukt. Seine Figur erfährt sogar etwas charakterliche Vertiefung, da sie einen erkennbaren Weg vom Quasi-Guten zum Bösen beschreitet, während die Comic-Version schon immer verkommen und korrumpiert war.

Wie der Comic ist auch der Film ein Knaller. KICK-ASS versteht es, ganz böse Humor mit überbordender Gewalt zu vermengen. Die Actionsequenzen sind teils lächerlich realistisch wie im Fall von Kick-Ass selbst, dann wiederum von wahrer Superhelden-Ästhetik geprägt wie bei Big Daddy und Hit-Girl. Sollte man meinen, beides schlösse sich aus, so täuscht man. Es komplimentiert einander sehr gut und spielt - wie der Comic - elegant mit der Frage, wie echte Superhelden aussehen könnten. Es gibt mehr als einen Wow-Moment. Das vor allem auch im Finale, das es mühelos schafft, die Vorlage noch zu toppen.

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Ganz klar am coolsten ist Hit-Girl, die jede Szene stiehlt, in der sie zu sehen ist. Das böse F-Wort ist hier natürlich auch drin (anders übrigens, als in dem deutschen Comic von Panini, wo man die ganze Geschichte in den Dialogen mächtig entschärft hat). Und die kleine Chloe Moretz ist richtig bad ass. Wie sie sich durch die Schurken metzelt, das muss man gesehen haben!

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Comic und Film stehen gleichberechtigt nebeneinander. Jedes Medium nutzt seine Stärken. Der Film ist jedoch in mancher Hinsicht eine etwas andere Vision von KICK-ASS, eine, die hoffnungsvoller in die Welt hinaus blickt. Der Comic ist die Geschichte eines Verlierers, der Film die eines Gewinners.

Zwei Comic-Fortsetzungen

Die direkte Fortsetzung ist „Hit-Girl“, in dem Mindy MacCready im Mittelpunkt steht. Sie lebt bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, der ihr das Versprechen abgenommen hat, das Superheldenkostüm an den Nagel zu hängen, da es ihre Mutter in ihrem angegriffenen Zustand kaum ertragen würde, wenn sie rausfände, was ihre kleine Tochter so treibt.

Doch Hit-Girl ist noch im Geheimen aktiv. Zudem legt sie sich mit dem organisierten Verbrechen an, das seine Häscher nach ihr aussendet. Red Mist kehrt auch zurück, holt sich aber eine Abreibung ab. Und weitere Kostümierte tauchen auf, denen teils ein ganz, ganz übles Schicksal beschieden ist.

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Aber auch Hit-Girl ist nicht zimperlich. Der Gewaltpegel (Stichwort: Vorschlaghammer) ist wieder immens hoch. Darüber hinaus zeigt diese Geschichte, wie Mindys Privatleben verläuft und wie schwer es für sie ist, ein normales Kind zu sein. Als sie von anderen Mädchen geschnitten wird, findet sie auch einen echten Hit-Girl-Weg, sie zu ihren Freundinnen zu machen.

„Hit-Girl“ ist das Bindeglied zu „Kick-Ass 2“. Ihre Geschichte wird im Film „Kick-Ass 2“ eingebaut. Mindy ist nicht länger eine Superheldin, aber Dave hat neue Mitstreiter gefunden: eine ganze Gruppe von Superhelden, die sich Justice Forever nennt. Gemeinsam geht man nun gegen Gangster aller Couleur vor, doch der wahre Gegner ist der Mother Fucker, ehedem Red Mist, der nun seiner Schurkenrolle wirklich gerecht wird.

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Die Geschichte ist weit größer aufgezogen als beim ersten Comic. Und: Sie ist deutlich überzogener, im Besonderen auch, was den Grad der Gewalt angeht. Wenn der Film sich nahe an die Vorlage hält, wird es für Jim-Carrey-Fans eine ziemlich krasse Überraschung geben. Aber auch in anderer Beziehung könnte der Film diesmal stärker reinhauen als noch beim ersten Mal, was einfach daran liegt, dass Katie am Ende des ersten Films zu Daves Freundin wurde, sich im Comic aber nicht für ihn interessierte.

Die Gewalt, obwohl überdreht, hat bisweilen auch eine gänzlich andere Qualität. Sie kommt entgegen der überbordenden Geschichte nun tatsächlich mehr in der Realität an – auf coole Hit-Girl-Einlagen muss man aber dennoch nicht verzichten.

Zu viel sollte vom Film nicht vorweggenommen werden, zu sagen ist aber, dass es in dieser zweiten Geschichte im Herzen darum geht, was es heißt, ein Held zu sein – widergespiegelt wird das durch Mindy und Dave. Superhelden sind nicht Helden, weil sie Kräfte hätten, sondern weil sie zu Opfern bereit sind. Opfer gibt es in „Kick-Ass 2“ jede Menge. Am Ende dieses Bandes ist nichts mehr, wie es ist.

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Das gewaltstrotzende Finale auf dem Times Square ist damit gar nicht gemeint. Auch wenn die Geschichte weniger stark in der Realität angesiedelt ist, als dies noch beim ersten Band der Fall war, so ist doch auch hier der besondere Reiz, wie Superhelden in der realen Welt funktionieren würden. Dabei wird auch mit Konventionen gebrochen, denn für die Polizei ist ein Kostümierter so gefährlich wie jeder andere Irre auch.

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Wenn der Film sich in seinem Finale an den Comic hält, dann schreit er geradezu nach einem dritten Teil. Der erste „Kick-Ass“ konnte gut für sich stehen, man hätte keinen weiteren Film mehr benötigt. Da sind Comic und Film tatsächlich gleich, nach „Kick-Ass 2“ ist eine Fortsetzung einfach ein Muss.

Kick-Ass 3

Von der dritten und letzten Miniserie ist erst ein Heft erschienen, naturgemäß stellt jede Information darüber aber auch Spoiler für „Kick-Ass 2“ dar. Wer den zweiten Band also noch nicht gelesen hat, sollte nun am besten mit dem Lesen aufhören.

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In diesem ersten Heft tut sich noch nicht viel. Die Schurken haben sich mehrheitlich zurückgezogen, die Helden hängen herum. Eine Aufgabe gäbe es aber: Hit-Girl aus dem Gefängnis zu befreien, wo locker alle anderen Kostümierten auch landen können. Denn das Vigilantentum wird hart bestraft, so dass Kick-Ass nun nicht mehr nur den Gaunern ausweichen, sondern auch vor der Polizei auf der Hut sein muss.

Der folgerichtige Abschluss der „Kick-Ass“-Saga ist, dass Dave, nunmehr erwachsen, sich fragen muss, ob er die richtigen Entscheidungen im Leben getroffen hat – und ob es jetzt vielleicht schon zu spät ist, das Ruder noch herumzureißen. Ob es gelingt, ob am Ende das große Sterben kommt, ob die Bewegung der Real-Life-Superheroes endet, wird man in ein paar Monaten sehen – angesichts der recht behäbigen Veröffentlichungsweise ist die Geschichte wohl nicht vor Frühjahr 2014 zu Ende, stellt aber nun schon die ideale Fortsetzung da, wenn man „Kick-Ass 2“ im Kino gesehen hat und neugierig ist, wie es weiter geht.

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