Die Konvertierung von „Titanic“ demonstrierte im letzten Jahr, dass auch Filme, die nicht in 3-D gedreht, ja nicht einmal gedacht waren, das Format wirkungsvoll nutzen können. Und dies mitunter sogar eindrucksvoller als gegenwärtige 3-D-Spektakel, denen oft ebenfalls nur nachträglich zu Tiefe verholfen wurde. Steven Spielbergs Kinohit „Jurassic Park“ hingegen glich schon bei seiner Veröffentlichung einer Attraktion zum Anfassen, in gewisser Hinsicht einem 3-D-Film ohne 3-D.

Dino-Gott Spielberg

„Ich habe keine Kosten gescheut“, lässt der Multimilliardär John Hammond (Richard Attenborough) im Film immer wieder gebetsmühlenartig verlauten, und so, wie er sich mehrfach mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, über die Neuerschaffung der Dinosaurier Gott zu spielen, so spielte Spielberg hier natürlich tatsächlich Gott, wenn auch nur den Gott des Kinos: Er erweckte die vor 65 Millionen Jahren ausgestorbenen Urzeittiere mittels bis dato nie gesehener computergenerierter Spezialeffekte auf der Leinwand zum Leben.

Und kreierte damit ein Filmevent ungeahnten Ausmaßes, trat eine Welle der Lust und Sehnsucht los, nach einer Erfahrung, die es nur im Kino zu machen galt: Dinos, wie sie scheinbar so real, so anmutig und aber auch verängstigend nirgendwo sonst, nicht in Filmen, Büchern und nicht einmal in Museen zu bestaunen waren. Eine Einladung zum synästhetischen Großereignis, lediglich für den Preis einer Kinokarte. Das versprach der „Jurassic Park“, als er das Kino 1993 in die größte begehbare Attraktion seit „King Kong“ verwandelte.

Jurassic Park 3D - Wie vor 20 Jahren: Der beste Blockbuster des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Nach 20 Jahren öffnet der Dino-Park seine Tore erneut - und hat absolut nichts von seiner Faszination verloren.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Insofern beinhaltete Spielbergs Abenteuer, beziehungsweise die Faszination rundherum, schon immer eine dreidimensionale Qualität, weil der Film nicht nur von einem Freizeitpark erzählte, sondern selbst zum Freizeitpark wurde. Der multimediale Hype um „Jurassic Park“ und seiner entsprechenden „Dino-Mania“, hierzulande gar Aufhänger nachmittäglicher TV-Diskussionsrunden, ließ den Film längst nicht mehr nur Film sein. Er brachte die Dinosaurier ins Kino, auf Kaffeetassen und T-Shirts und erschuf eine (triviale) Ikonographie von Urzeittieren, die zum Massenphänomen wurden.

Beeindruckend, auch in der jetzigen Betrachtung mit einigem zeitlichen Abstand, wie das selbstreflexive, aber nicht zwingend ironische Moment dem Film bereits eingeschrieben ist: Nicht nur spiegelt er die eigene Kommerzialität in der Ausgestaltung seines fiktiven Vergnügungsparks, in dessen Restaurant bereits jene Merchandising-Artikel an den Wänden baumeln, die später alle Kinderzimmer dieser Welt überfluten sollten. Er lässt auch seine Figuren selbst zu Zuschauern der Sensation werden. Er inszeniert nicht nur seinen eigenen Dino-Zoo, sondern auch sein Publikum in ihm.

Jurassic Park 3D - Wie vor 20 Jahren: Der beste Blockbuster des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Hat sich seine Gage in Menschenfleisch auszahlen lassen: der T-Rex.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der 3-D-Effekt also, so sehr es ihn eigentlich auch gar nicht mehr gebraucht hätte, intensiviert das so gekonnte Spielberg-Spiel mit der Erwartungshaltung oder bestätigt es zumindest noch einmal plastisch: Das fassungslose Staunen des Doktorpaares Ellie Sattler (Laura Dern) und Alan Grant (Sam Neill), als sie (und wir) zum ersten Mal die gigantischen Brachiosaurier erblicken (dürfen), die glückselige Freude im Anblick tatsächlicher Dinos, aber auch die Lust am drohenden (für uns freilich bequemlichen) Unheilspektakel, das dieses so verheerende Genexperiment heraufbeschwört.

Noch einmal staunen wie vor 20 Jahren: Spielbergs Dino-Spektakel hat nichts von seiner Wirkung verloren, auch wenn es das nachträgliche 3D gar nicht gebraucht hätte.Fazit lesen

Sogar die Zweifler, die Ungläubigen, bezog Spielberg vorsichtshalber in seine so unbedingt Wirklichkeit werden wollende Kinofantasie mit ein. Die Figur des draufgängerischen Chaostheoretikers Ian Malcolm (Jeff Goldblum) nutzte er vor allem zum Abbau von Hürden, sei es die Skepsis über Dinos im Park (und eben im Kino) oder die wissenschaftliche Standfestigkeit der These von neu erschaffenen Urzeittieren. Und heizte unsere Spannung zusätzlich an: „Gibt es auf eurer Dinosaurier-Tour vielleicht zufällig auch mal einen Dinosaurier zu sehen?“

Eine Tour durch sich selbst

Diese (eigentlich nicht sonderlich komplexe) Strategie beherrscht im Kino niemand so, wie Steven Spielberg sie beherrscht. Es ist eine nervenaufreibende, vor Unterhaltung, Vergnügen und Angst strotzende Tour durch den „Jurassic Park“, und nichts anderes ist dieser Film schließlich: eine Tour durch sich selbst. Für seinen verdichteten Regiestil nimmt er einige ungewöhnliche dramaturgische Schnitzer und Absurditäten in Kauf, was lediglich damit zu erklären ist, dass er diesen Film quasi nebenbei stemmte – seine volle Aufmerksamkeit galt 1993 „Schindlers Liste“.

Dennoch gewinnt ausgerechnet sein etwas unkonzentrierter Dino-Hit im Kontext unseres gegenwärtigen Blockbuster-Kinos noch einmal ganz neue Reize. Er gemahnt an ein Niveau, das die Spektakelauteure nach Spielberg nie wieder zu erreichen imstande waren. Die größte technische Leistung von „Jurassic Park“ ist nicht dessen digitale Inszenierung, sondern der Umgang mit ebendieser: das Warten auf die Schauwerte, die schrittweise und doch nie ultimative Bestätigung aller Attraktionen, das Wissen, wann und vor allem wie es dem Publikum etwas zu zeigen gilt.

Jurassic Park 3D - Wie vor 20 Jahren: Der beste Blockbuster des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Mit aktuellen Blockbustern kann Spielbergs Meisterwerk es ohne Probleme aufnehmen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Spezialeffekte von „Jurassic Park“ beeindrucken nur deshalb nach wie vor, weil Spielberg sie schlicht meisterhaft zum Einsatz bringt. In einer Kombination aus vielen mechanischen und lediglich wenigen tatsächlich vollständig computergenerierten Tricks, in auf maximale Wirkung getrimmten Arrangements, bei denen verschleiernde Hilfsmittel und die Wahl der Einstellungen immer das Gefühl vermitteln, keinen Animatronic- oder ILM-Tüftlern bei der Arbeit, sondern von majestätischen Urzeittieren bedrohten Wissenschaftlern zuzusehen. Und das alles auch gleich mitzuerleben.

Der eigentliche Effekt des Films, nämlich der Effekt des Phantastischen, das im Kino selten so greifbar, so wirklich erschien, ist nicht allein seiner revolutionären Tricktechnik, sondern vor allem Spielbergs Fähigkeit geschuldet, das Publikum so stark an seine (beziehungsweise Michael Crichtons) Fantasie zu binden, dass es von ihr, und sei es nur für zwei Stunden, nicht mehr loskommen kann. Alles an und alles im „Jurassic Park“ ist natürlich reine Manipulation und reines Blendwerk.

Jurassic Park 3D - Wie vor 20 Jahren: Der beste Blockbuster des Jahres

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Das 3-D ist im Grunde zwar unnötig, aber zumindest sehr kompetent gemacht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Um nichts anderes aber geht es im Hollywood-Blockbuster mit seiner immer noch größeren Überwältigung, und keiner hat das so sehr verstanden wie Spielberg auf dem Höhepunkt seines Könnens. Ein Sommerspektakel, das näher am Publikum ist als je zuvor, als alle Kinozerstörungsorgien der Gegenwart sowieso.

Das mit seinen größtmöglichen Spannungsmomenten in Dino-Gehegen und Suppenküchen noch einmal Furcht und Faszination, T-Rex und Velociraptor auf die große Leinwand zurückbringt. Und das an Magie nicht eingebüßt hat.