Endlich habe Nicolas Cage wieder zu alter Form gefunden, feierten die allermeisten Filmkritiken das Südstaatendrama „Joe“. Gemeint ist offenbar jene Form, mit der Cage sich in Award-Kontur 1996 einen Oscar für „Leaving Las Vegas“ erspielte. Schauspieler wie er also, wollen solche Kommentare vielleicht betonen, seien nur in der Ernsthaftigkeit preiswürdigen Themenkinos gut aufgehoben.

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König Cage

Nun nahm die Karriere des stets sonderbar frisierten Stars nach respektablen Auftritten in Filmen von David Lynch oder der Gebrüder Coen bekanntlich einen merkwürdigen Dreh. Dem Oscargewinn folgten nicht etwa Prestige-Produktionen nach Academy-Art, sondern mehrere gegen den Erwartungsstrich gebürstete High-Concept-Actionfilme. Fortan galt Cage als jemand, der sein Talent an minderwertige Fließbandware verschwende.

Joe - Die Rache ist sein - Nicolas Cage in alter Form?

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Möchte sich von seiner blutigen Vergangenheit lösen: Joe (Nicolas Cage).
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Natürlich aber ist das Blödsinn. Die von Häme gesättigte Mär des angeblich im Muff der Videomärkte versumpften Schauspielers erwies sich immer schon als bedauerlich resistent gegenüber dessen vielseitigen Leinwandwahnsinns, der glücklicherweise nie Unterschiede zwischen anstandsgemäßem Oscar- und vor Verrücktheiten sprudelndem Genrekino machen wollte. Da steht ein generischer Actionthriller wie „Pakt der Rache“ eben völlig widerspruchsfrei neben einem Mainstream-Experimentalfilm wie „Bad Lieutenant“.

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Dass „Joe“ nun wiederum einen zurückgenommenen, eher weniger im Modus anfallsartigen Mega-Actings operierenden Cage präsentiert, bestätigt ebendiesen Eindruck. Seine in schönster Regelmäßigkeit veröffentlichten Filme sind nicht weniger als eine Art Autorenkino auf Schauspielebene: Von Cage und Wahnsinn beseelt, freilich nicht immer geglückt, aber in der Regel doch hochinteressant.

Geschenkt also, wenn es erst einen Festivalhit wie diesen braucht, damit auch die Filmkritik das begreift. Mit der Geschichte von Vergeltung und Freundschaft macht es „Joe“ einem allerdings auch ziemlich einfach. Im White-Trash-Milieu der Südstaaten, wie es zuletzt „Winter’s Bone“, „The Paperboy“ oder auch die HBO-Serie „True Detective“ ausreichend bemühten, lassen sich schnell emotionale Anknüpfungspunkte finden.

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15 Jahre jung und bereits schwer vom Leben gezeichnet: Gary (Tye Sheridan) leidet unter einem tyrannischen Vater und der Ausweglosigkeit seines Milieus.
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Kein bequemer Schauplatz natürlich, und auch „Joe“ läuft mitunter Gefahr, die Darstellung seiner Verderblichkeiten, der sozialen Spannungen und bitteren Armutszustände soweit zu forcieren, dass das Elend zum Entertainment wird. Folglich träumt der 15jährige Gary (Tye Sheridan) hier von einem besseren Leben, das ihm Waldarbeiter Joe (Cage) mit einem Kräfte zerrenden Job in Aussicht stellt.

Nicolas Cage lässt die Schwächen eines Films vergessen, der sich als White-Trash-Drama auf etwas ausgetretenen Pfaden bewegt.Fazit lesen

Der raue Süden

„You don’t need to call me Sir all the time“, stellt der Ex-Sträfling umgehend klar. Familiäre Machtgefüge sind ihm zuwider, Widerstand gegen Autoritäten brachte ihn schließlich zuvor ins Gefängnis. Zügig entwickelt Joe deshalb väterliche Gefühle für den angeknacksten Jungen, der unter der Gewalttätigkeit seines ungleich weniger fürsorglichen Vaters leidet (großartig gespielt vom seinerzeit wohnungslosen Laiendarsteller Gary Poulter, der kurz nach Ende der Dreharbeiten verstarb).

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Annäherung eines seltsamen Gespanns: Joe sieht in Gary eine Art Ersatzsohn, wohlwissend, dass ihm diese Rolle noch zum Verhängnis wird.
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Als eine – an Western-Stereotypen geschulte – Rivalität mit dem örtlichen Rowdy Willie-Russell (Ronnie Gene Blevins) zu eskalieren droht, muss Joe sich entscheiden, ob er Gary schützen oder neuerlichem Ärger mit der Polizei aus dem Weg gehen möchte. Den Kampf wird er selbstverständlich aufnehmen, das macht allein die Art deutlich, wie uns der Film zuvor an diesen Joe heranführte.

Da zeigt Regisseur David Gordon Green ebenso demonstrativ die Schweißarbeit zu Tage wie das öde Sofarumgammeln am Abend. Und zeichnet er Joe vor allem als trägen Einzelgänger mit festen Ritualen: Immer mal wieder etwas Spannungsabbau im Provinzpuff, dann zum Bierkippen in die Kneipe. Das kann ihm gewiss kein erfüllendes Leben sein, und möglicherweise sehnte sich Joe sogar nach jemandem wie Gary, dessen Probleme seiner Aggressivität ein passendes (Samariter-)Ventil bieten.

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Rückkehr in alte Muster: Joe und die Gewalten des rauen Südens. Bühne frei also für Crazy-Cage, der in diesem Film sonst weitgehend unter Verschluss liegt.
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Joes Arbeit als selbstständiger Leiter eines etwas dubiosen (und damit seinem Streben nach Rechtschaffenheit zuwiderlaufenden) Betriebes, der gesunden Bäumen Gift injiziert, damit Landbesitzer sie fällen dürfen, eignet sich auch nicht zufällig als entsprechendes Sinnbild vergifteter Seelen, die dem Niedergang geweiht sind. Solcherlei Unausweichlich- oder gar Dringlichkeit des Scheiterns ist jedem Bild in „Joe“ fest eingeschrieben.

Allein Nicolas Cages raubeinigem Charme wegen ist das gewiss kein unspannender Film, aber in der soundsovielten Nachempfindung ärmlicher Südstaatenmilieus und einer leider sehr üblichen Figurenkonstellation wirkt „Joe“ zu simpel gestrickt, um seine Prämisse nicht auch merklich verbraucht nennen zu müssen. Obgleich einen das im Schwarz der Nacht affektiv zugespitzte finale Duell dann doch mit einigen Schwächen versöhnt.