Mit offenbar großer Erleichterung feierte die Film- und Festivalkritik Nicolas Cage in der Titelrolle des launischen Waldarbeiters „Joe – Die Rache ist sein“, als habe sie nur verzweifelt auf eine Rückkehr des Tausendsassas ins dramatische Fach gewartet. Nach vielen schwachen Filmen sei der Oscarpreisträger, wie es im Englischen immer so schön heißt, endlich „back on track“. Aber war er denn überhaupt je weg?

Es wäre schade, würde man Nicolas Cage nur auf seine vordergründig anspruchsvollen Rollen reduzieren – beziehungsweise jenen Facetten des Wahnsinns, die er in vermeintlichen Trashfilmen erprobt, jeglichen Anspruch absprechen. Nicht zuletzt zahlreiche YouTube-Supercuts dokumentieren Cages berühmt-berüchtigtes Mega-Acting, das längst ein stilistisches Prinzip ist.

Wie kaum einem anderen amerikanischen Schauspieler gelingt es Nicolas Cage seit über 30 Jahren, Rolle für Rolle und Film für Film ein vollständig unberechenbares Schaffenswerk zu kreieren. Glaubt man dem allgemeinen Tenor, so habe dessen Karriere zwar erst nach dem Oscargewinn für „Leaving Las Vegas“ eine rätselhafte Kurve eingeschlagen. Tatsächlich aber ist Cages Filmographie schon vor 1996 ein Quell heiterer Widerspruche und grenzenlosen Irrsinns.

Da stehen ganz selbstverständlich Publikums- und Kritikerlieblinge neben ausgemachten Kassenflops, vorzeigbare Oscarerfolge neben untergegangenen Low-Budget-Produktionen, erlesen Hochkarätiges neben augenscheinlich Minderwertigem. Filme von höchst unterschiedlicher Qualität – und doch gibt Nicolas Cage in ihnen alles.

Er ist ein Raging Bull des Kinos. Ein Madman der Filmkunst. Ein Vollblutschauspieler durch und durch. Und seine unbedingte Lust, über all diese Rollen einen Figurenvorrat anzufertigen, der nicht allein vor Fratzen und Monstrositäten überquirlt, sondern eine schauspielerische Bandbreite ganz unabhängig von langweiligen Qualitätsurteilen ausreizt, hat auch etwas ganz wundervoll Rührendes.

Wir präsentieren euch deshalb die unverwechselbarsten und verrücktesten Nicolas-Cage-Rollen! Garantiert ohne blöde Ironie, aber umso mehr Liebe.

„Love me tender, love me sweet”

(Sailor Ripley in „Wild at Heart”)

David Lynchs wüstes Roadmovie gilt noch heute als einer der umstrittensten Gewinner der Goldenen Palme, die er 1991 trotz zahlreicher Kritikerproteste in Cannes gewann. Zwischen radikalem Abgesang der 50er-Jahre-Popkultur und vulgärer Hommage an den „Zauberer von Oz“ gibt Nicolas Cage hier eine brutal-romantische Elvis-Imitation in Schlangenlederjacke und (damals noch untoupierter!) Rockabilly-Tolle.

Sein Sailor Ripley ist infantil, gefährlich, liebenswürdig, vor allem aber ein Relikt vergangener Tage, das nun irgendwie in die schreckliche Postmoderne der Neunziger aufbrechen muss. Wenn Cage hier als ehemaliger Gangsterchauffeur und nun verliebter Ausreißer zum Thrash Metal von Powermad Körper und Geist in undefinierbare Bewegungen versetzt (Kung-Fu-Headbanging!), pumpt das Crazy-Cage-Herz unentwegt auf Anschlag.

Und das im – endgültig wirklichkeitsentrückten, aber umso abseitigeren – Finale mit gebrochener Nase intonierte „Love Me Tender“ ist beinahe schon ein Kinomoment vom anderen Stern.

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„Nennt mich Hi.”

(H.I. McDunnough in „Arizona Junior”)

Sie waren wohl die ersten, die 1987 auch Nicolas Cages ziemlich durchgedrehtes Potenzial erkannten: Unter der Regie der Gebrüder Joel und Ethan Coen spielte Cage in „Arizona Junior“ nicht nur eine seiner Paraderollen, sondern verstand es auch erstmals – wenngleich noch leicht zögerlich – sein komödiantisches Talent auf Anschlag zu drehen.

Als unbeholfener, zugleich etwas doofer wie auch charmanter Trottel sehnt sich H.I. McDunnough („Nennt mich Hi.“) nach nichts weniger als Harmonie und Zufriedenheit, nur eben zu ganz bestimmten Bedingungen. Und alles, was ihm, dem Ex-Knacki, und seiner Frau, der ehemaligen Gefängniswärterin, zum Glück noch fehlt, ist ein liebreizendes Kind.

„Arizona Junior“ hält seinen Antihelden merklich auf Trab: Gleich mehrfach muss Cage hier um sein Leben rennen – gern auch mal windelbepackt – und sich mit staatlichen Behörden, entflohenen Zellengenossen sowie einem hundsgefährlichen Kopfgeldjäger herumschlagen. Von allen gibt’s auf die Mütze, nicht einmal seine Frau dankt ihm den aufopferungsvollen Einsatz für die Familie.

Einen wirklichen Crazy-Cage-Höhepunkt behält sich der Film zwar vor, dennoch ist die Performance ausreichend überdreht, vor allem aber absolut energisch, dass sie hier einfach nicht fehlen darf.

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„Mein Vater ist tot, mein Vater ist tot!”

(Little Junior in „Kiss of Death”)

Ein Jahr, bevor Nicolas Cage 1996 seinen ersten und bislang einzigen Oscar gewann, spielte er in Barbet Schroeders Remake von „Kiss of Death“ den durchgedrehten Sohn eines Gangsterbosses. Als dieser das Zeitliche segnet und Little Junior damit zu Big Junior aufsteigt, gewinnt die New Yorker Unterwelt sicherlich eines ihrer wahnsinnigsten Führungsmitglieder.

Zwar spielt Cage hier neben David Caruso und Samuel L. Jackson lediglich eine Nebenrolle, doch nutzt er jede Sekunde Screentime, als gehöre die Leinwand nur ihm allein. Müßig zu erwähnen, dass er das Ensemble des Films narrensicher an die Wand spielt.

Sein von hypernervösen Regungen und explosionsartiger Gewalttätigkeit gezeichneter Nachtclubbesitzer ist so unterentwickelt wie unberechenbar und so aberwitzig wie gefährlich. Statt Gewichte hebt Little Junior Frauen, statt Smoking trägt er einen Jogginganzug, statt coole Reden hält er Ansprachen auf dem Niveau eines Vorschülers.

In die mit großem Abstand verrückteste Szene schneidet der Film genauso schnell hinein wie auch wieder hinaus: Ohne ersichtlichen Grund hüpft Nicolas Cage wie von einer Tarantel gestochen auf der Stelle herum und verprügelt einen Mann, der ihn (berechtigterweise) fragt, was eigentlich los sei. „My father is dead, my father is dead!“ – und schon wird wieder gehüpft und gehüpft und gehüpft. Ein grotesker Auftritt, durch und durch.

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„Pissed… BLOOD!”

Roy Waller in „Tricks”

Die Figur des neurotischen Trickbetrügers Roy Waller scheint Nicolas Cage wie auf den Leib geschrieben: Er lebt ein von hochnervösen Kontrollmechanismen gesteuertes Leben in sozialer Isolation, ist unfähig, emotionale Verbindungen zu anderen Menschen herzustellen – und tickt regelmäßig schon bei kleinsten Abweichungen der Alltagsroutine aus.

Ridley Scotts charmante Gaunerkomödie im klassischen Hollywoodstil bietet Crazy Cage zwar nur gelegentlich eine Bühne zur freien Entfaltung, tut dies an entscheidenden Stellen dafür aber umso beherzter. Und setzt gezielte Spitzen puren Irrsinns, die Cage natürlich dankbar verwandelt.

Als seinem Roy Waller einmal die Psychopharmaka ausgehen (bei denen es sich ohnehin nur um Placebos handelt, was in diesem Kontext ein schönes Randdetail ist), stürmt er am Rande des Nervenzusammenbruchs die örtliche Drogerie und verlangt sein Medikament trotz fehlenden Rezepts.

Leider erdreistet sich dabei ein Mann in der Warteschlange, den drängelnden Hyper-Roy zurechtzuweisen („Hey buddy, ever heard a line?“), was umgehend einen der anfallsartig-besten Crazy-Cage-Momente provoziert: „Have you ever been dragged to the sidewalk and beaten till you PISSED... BLOOD!?!”

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„Hi-fucking-YA!“

(Eddie in „Deadfall”)

Jeder Versuch, Nicolas Cages Darstellung des kleinkriminellen Eddie in „Deadfall“ einigermaßen angemessen zu beschreiben, muss zwangsläufig scheitern: am Ringen nach Fassung, wenn man sie erst einmal hat durchstehen dürfen oder müssen, und an irgendwie adäquaten Worten ohnehin – es gibt sie einfach nicht. Noch nicht, vielleicht.

„Deadfall“ scheint zu den kaum bekannten Cage-Filmen zu zählen, und man kann nicht behaupten, dem mehr als seltsamen Thriller von Christopher Coppola (im Übrigen Cages Bruder) sei mit der Vielzahl an Verrissen 1993 Unrecht getan worden. Nur eines, das hat die Rezeption wahrlich übersehen: Jene aberwitzige Performance, die Nicolas Cage mit sagenhaft hässlicher Perücke, ebenso grauslichem Schnauzer und überaus schlecht aufgetragener Bräunungscreme gibt.

Wie er hier unentwegt flucht, speit und piept, wie er mal in eigenwilligem Spanisch, dann unidentifizierbarem Englisch vor sich hin stammelt, kreischt, sogar hemmungslos weint, das hat gewiss wenig mit Over-, aber dafür eigentlich alles mit Mega-Acting zu tun.

Da der Film keineswegs guten Gewissens zu empfehlen ist, man als Cage-Connaisseur aber auch unmöglich an ihm vorbeikommt, sei hier auf die vielen sorgfältigen YouTube-Supercuts zu „Deadfall“ verwiesen. Einen entsprechend wahnsinnigen Vorgeschmack bietet der sagenhafte Ausraster seiner Figur in einem Stripclub – „Fuuuuuuuuuccccccckkkkk! Hi-fucking-YA!“:

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„Nicht die Bienen, nicht die Bienen!“

Edward Malus in „Wicker Man – Ritual des Bösen“

In „Wicker Man“, dem sträflich unterschätzten Remake des gleichnamigen britischen Horrorklassikers von 1973, kehrt Regisseur Neil LaBute die patriarchalische Prämisse seines Vorbildes um: Anstelle des Inselpropheten Christopher Lee tritt in der Neuauflage eine messianische Heidin, die Männer zu Funktionsobjekten von Samenspende und ritueller Opferbereitschaft erklärt. Und mittendrin: Nicolas Cage als Polizist auf Irrwegen.

Über weite Strecken ein eher unaufgeregter, fast biederer Film, entfacht der 2006er „Wicker Man“ im letzten Drittel ein bizarres Feuerwerk helllichten Aberwitzes. Insbesondere die im Cage-Kanon längst berühmten, mindestens so rätselhaft wie rabiat erscheinenden Prügelattacken der Hauptfigur gegenüber lieblich bekränzten Inselfrauen haben das Zeug zum ganz großen wundersamen Blödsinn.

Da gibt es dann Cage im Bärenkostüm, Cage in der Bienenfalle, Cage am Rande des Wahnsinns. Cage rennend, Cage Fahrrad fahrend, Cage fröhlich umher schlagend. Der Traum eines jeden Fans und wahrscheinlich sogar Hassers: „Wicker Man“ ist Crazy Cage auf einen grotesken Nenner gebracht – sinnlich, heiter, himmelschreiend. Nicht überzeugt? Dann bitte umgehend das Best-Of goutieren (enthält Spoiler, logisch):

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„Es ist einfach nur geil.“

(Terence McDonagh in „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“)

Und noch ein Remake, natürlich auf die wieder einmal kurioseste Art: Niemand geringeres als Werner Herzog hat Abel Ferraras grimmigen New-York-Film „Bad Lieutenant“ zu einem fiebrigen Südstaatengedicht umgeschrieben, das von tanzenden Seelen, tierischen Weggefährten und infernalisch bekokster Wahrnehmung erzählt.

Selten genug lässt Hollywood sich zu solch formvollendetem Ulk hinreißen, wie ihn Herzog und Cage hier auf höchstem, gewiss maximal psychotronischem Niveau zelebrieren. Cages humpelnder, buckliger, derangiert dreinblickender Bad Lieutenant ist weit mehr als nur ein neuer Herzogscher Kinski, wie dessen fassungslos machende Darstellung zunächst vermuten mag.

Vielmehr wirkt seine ausgesucht exzentrische Performance wie eine Abstraktion von Method Acting: Dieser seltsame Irrtum, jemand könne zu einer Rolle werden, wenn er sich nur ausreichend von sich selbst entferne, wird unter Herzog und Cage bestmöglich widerlegt. Das von ständigen tonalen Wechseln bestimmte Crazy-Cage-Delirium des Films sucht großes Schauspiel einzig in großem Irrsinn – und wird selbstverständlich fündig.

Vielleicht hat kein Regisseur es so konsequent verstanden, die Mega-Acting-Qualitäten von Nicolas Cage derart gegen die Erwartungen eines Publikums zu richten, das mit den Konventionsbrüchen des Films wie auch seines Schauspiels geradezu brachial überfordert sein dürfte. „Es ist einfach geil. Es ist einfach nur geil“. Darauf ein beherztes Lachen:

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„A, B, C, D, E, F, G!“

(Peter Loew in „Vampire’s Kiss“)

Es ist kein Zufall, dass sich das wohl berüchtigste der vielen YouTube-Videos über Nicolas Cage, der sogenannte „Losing His Shit”-Supercut, zu einem Großteil aus Szenen der 1988 gedrehten Großstadtgroteske „Vampire’s Kiss“ zusammensetzt. Beinhaltet dieser ausnahmslos köstliche Film doch wahrlich die Essenz all dessen, was man überhaupt unter Crazy Cage verstehen darf.

„Vampire’s Kiss“ erzählt die vermeintliche Blutsaugerwerdung eines Literaturagenten, aber das ist beinahe irrelevant gegenüber der Art, wie er es tut. Beziehungsweise: Was das, wovon er erzählt, mit seinem Protagonisten anstellt. Lesbar als vollkommenes Zerrbild des 80er-Jahre-Yuppietums, begleitet der Film den Helden vom alltäglichen zum außerordentlichen Wahnsinn. Und zieht dabei alle Register.

Entwurzelt irrt Nicolas Cage hier durch die Straßen, jault, grunzt, seufzt um Erlösung. Jede Kleinigkeit droht ihn um den Verstand zu bringen, schon simple Unordnung im Büro beschwört verbale wie körperliche Exzesse herauf: nicht alphabetisch sortierte Ordner etwa gilt es ganz dringend zu vermeiden!

Höhepunkte sind in „Vampire’s Kiss“ so ganz und gar nicht rar gesät, dass es unmöglich ist, sie alle zu beschreiben (und erst recht: es angemessen tun zu können). Kein Film vereint die delirante Selbstentfremdung und grandiose Verrücktheit des Crazy-Cage-Spiels in so kurzen Intervallen, übersteuerter Ausrichtung und zugleich auch Raffinesse wie „Vampire’s Kiss“. Ausgewählte Highlights müssen daher für sich sprechen:

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