Wie schnell doch ein Jahrzehntchen vorbeigehen kann! Ganz ohne amnesiegeplagte Wehleidigkeit, ohne hartkantige Nahkampfaction, ohne kotzreizinduzierende Shaky-Cam-Techniken. Damals, in den wilden 00ern, hatte die Bourne-Trilogie (der vierte Ableger von 2012 drehte sich, dem Namen gemäß, eher um das Vermächtnis Bournes als um ihn selbst) all diese Dinge zu etablieren geholfen und ganz nebenbei eine unterhaltsame Reihe an Spionage-Action-Thrillern erschaffen. Vermisst wurde die Reihe seitdem allenfalls von Fans – Hollywood wandte sich neuen Stilmitteln zu, Matt Damon anderen Rollen, in denen er geplagt aus der Wäsche gucken konnte.

Doch Bourne ist zurück, und diesmal... geht es um was Persönliches. Nun, eigentlich ja immer. Die große Frage ist natürlich: Wenn der umprogrammierte Ex-Meisterattentäter der CIA doch schon zuvor seine gesamte Erinnerung wiedererlangt hat, was sollte ihn jetzt, fast zehn Jahre später, dazu bringen, seine mühsam aufgebaute Distanz von der CIA aufzugeben und seinen perfekt abgetauchten Status wieder auffliegen zu lassen? Er hat doch alles, was er braucht: Er kann in schmutzigen Boxkämpfen in der griechischen Pampa irgendwelche Ziegenhirten auf die Bretter schicken und dabei seinen Blick trainieren. Der hat jetzt eine Nuance von Sehnsucht. Ich frage mich, ob das im Film noch relevant wird.

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Jedenfalls taucht schon bald Bournes ehemalige Handlerin Nicky Parsons (Julia Stiles) auf und verrät Bourne, dass sie beim Stöbern in geheimen CIA-Dateien darauf gestoßen ist, dass Bournes eigener Vater in finstere Projekte involviert war. Parsons hat offenbar alles über Spionage vergessen, denn natürlich führt sie damit die CIA direkt zu ihm. Es beginnt eine Jagd nach weiteren Spuren, bei der Bourne von CIA Director Dewey (Tommy Lee Jones) und der ehrgeizigen jungen Agentin Heather Lee (Alicia Vikander) gehetzt und verfolgt wird – doch auch in den Reihen der CIA gibt es Konflikte. Und über allem schwebt die Gefahr, dass der wirsche Übermensch auf der Jagd nach seiner eigenen Vergangenheit Infos über das neueste Projekt des Geheimdienstes enthüllt.

Es ist eine klassische Brotkrumenstory, die sich über folgende Formel erklären lässt: Bourne besucht im Film nicht weniger als fünf Städte nacheinander, findet in jeder von ihnen eine Spur, die ihn in die nächste Stadt führt, und wird in jeder einzelnen von ihnen erfolglos von der CIA gejagt. "Diesmal kriegen wir ihn aber!", sagen Dewey und Lee, und scheitern mit einer derart bombenfesten Sicherheit, dass selbst Wile E. Coyote noch von ihnen lernen könnte. Dann kommt es zum finalen Knall, in dem der Konflikt zwischen den Agency-Leuten dazu führt, dass Bourne ihnen das Handwerk legt. Das Ergebnis, das kriegt ihr wahrscheinlich schon beim Lesen mit, ist nicht wirklich spannend oder unterhaltsam. Aber, das ist das Paradoxe: Es langweilt auch nicht – ein Verdienst der episodischen Struktur mit ihren schnellen Ortswechseln.

Jason Bourne - Wer zu spät kommt, den bestraft die CIA

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Ich weiß, ich bin viel drauf rumgeritten, wie Bourne guckt. Das liegt daran, dass der Blick schon der ganze Charakter ist.
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Und vielleicht der Tatsache, dass einen die Nostalgie über das erstmalige und wahrscheinlich einzige Gucken des Films trägt. Jason Bourne, der Film, wie auch Jason Bourne, die Figur, packen alles aus, was die Reihe dermaleinst in die Herzen der Fans getragen hat. Den aufgeregt wackeligen Kamerastil, Bournes Nahkampfexzesse, die durch selbigen verschleiert werden, die obligatorische Autoverfolgung, den traditionellen Attentäter Asset (diesmal von Vincent Cassel gegeben) und alle anderen Stilmittel, die man von früher her kennt. Das Problem daran ist, dass sich mithilfe dessen die Reihe nicht erhebt wie Phönix aus der Asche, sondern eher lauwarm wie ein tagealtes Brathuhn, wenn es aus der Mikrowelle kommt. Jason Bourne belebt die Reihe nicht neu, sondern bietet eigentlich nur Fans einen soliden weiteren Eintrag. Und das ist nach einer Dekade doch eine Spur zu wenig.

Denn wer schon immer auf Bourne neugierig war und ihm jetzt erstmals und neuerlich begegnet, wird sich fragen, wie das ein Mega-Franchise werden konnte. Nicht nur im Vergleich zum Rest der Reihe, sondern vor allem auch im Vergleich zum Rest Hollywoods wirkt Jason Bourne so... müde. Wie gesagt, nicht langweilig, aber ohne einen pfiffigen Einfall. Eine gradlinigere Story lässt sich kaum denken. Bourne löst seine Probleme prinzipiell durch Kniestöße in die Magengrube und bewegt sich, wenn er nicht rennt wie von der Tarantel gestochen, in einem Gang, den man nur als "stoisches Stapfen" bezeichnen kann, redet im ganzen Film vielleicht ein Dutzend Sätze und liefert sich mit Alicia Vikanders Charakter einen Wettbewerb, wer bedröppelter aus der Wäsche gucken kann. Von der vergangenen Ausbildung zum Supermörder sieht man kaum etwas, ein paar Raufereien sind schon das höchste der Gefühle. Und er wird zudem vom ineffizientesten Attentäter aller Zeiten gejagt. Asset kommt erst nah dran, Bourne zu töten, als sich die Rollen verkehren und Bourne ihm nachstellt.

Jason Bourne - Wer zu spät kommt, den bestraft die CIA

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Episches Schmollmanöver!
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Das alles im Mix "Zwei Teile intensives Starren auf Computerbildschirme, ein Teil Shaky Cam". Letztere war schon immer eine gemischte Angelegenheit. Für die einen bedeutet sie Intensität, Nähe zur Action und Authentizität. Für andere, und ich kann nicht leugnen, dass ich dazu gehöre, ist sie einfach störend und verschleiernd. Wenn ich nicht erkenne, was passiert, muss ich den Film nicht gucken. Und anstatt mir den finalen Stunt im Blitzhacker-Takt 15 mal zu zeigen, wäre es mir lieber, wenn ich ihn ein mal sähe, dafür dann aber richtig. Pointiert eingesetzt kann sie ja ganz reizvoll sein. Aber rückblickend betrachtet kann ich nicht guten Gewissens sagen, ob in Jason Bourne auch nur eine einzige stabilisierte Kameraeinstellung zu sehen ist. Warum muss die Kamera zittern, wenn sie das Gesicht von Tommy Lee Jones filmt?! Das ist intensiv genug! Spätestens, wenn das Metall splittert bei einem Autocrash, sieht das Ganze aus wie eine Transformersorgie in einem der Streifen von Michael Bay.

Es ist eben keine Neuerfindung, und genau deshalb funktioniert die Wiederbelebung der Reihe nicht. Der Fanservice ist da, das Grundgerüst ist immer noch unterhaltsam genug für ein paar Schmunzler, aber darüber hinaus ist es nicht der Zuschauer, der einschläft, sondern der Film – zu spät dran, hätte vielleicht weiter ruhen sollen, es sei ihm aber dieser eine Ausflug gestattet und danach dann bitte keiner mehr.