Starke, unabhängige Frauenfiguren auf der Leinwand sind selbst in unserer ach so modernen Zeit noch seltener als eine Sexszene, die nicht sorgsam unter Bettlaken verhüllt stattfindet. Auch die in diesem Jahr so emsig als Feminismus-Manifestation abgefeierte Imperator Furiosa aus „Mad Max: Fury Road“ entpuppte sich bei näherem Hinsehen als reine Männerfantasie. Das Serienformat ist längst viel weiter, im Kino hingegen herrscht immer noch das Patriarchat. Es ist deswegen absolut lobenswert, dass „Jane Got A Gun“ tatsächlich eine Frau voll und ganz in den Mittelpunkt eines actionbetonten Films stellt. Es mutet aber auch ein klein wenig kurios an, dass das in Gestalt eines Genres geschieht, dass die beste Zeit schon seit Jahrzehnten hinter sich hat: Dem Western.

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Jane Hammond (Nathalie Portman) ist im Grunde ein Herzchen und natürlich auch eine super Mutter. Da Musterfrauen aber auch immer einen leichten Hang zum Finsteren haben, ist sie mit dem Schurken Bill (Noah Emmerich) verheiratet, ein Mitglied der berüchtigten Bishop-Boys, allerdings ein Ehemaliges, denn Bill hatte sich verabschiedet um mit Jane das Fieslingsdasein gegen traute Zweisamkeit im Eigenheit einzutauschen. Doch wie so oft ruht die Vergangenheit nicht: Die ehemalige Truppe des bekehrten Gatten sucht diesen auf und perforiert ihn mit bleihaltigen Andenken. Schwer verwundet schafft der Gelöcherte es nach Hause.

Jane wird nun klar, dass sie in nächster Zeit die kompletten Hosen anziehen muss und beschließt kurzerhand Bandenführer Colin (Ewan McGregor) so richtig eins auf die Mütze zu geben. Doch da die Gute keine überlebensgroße Comic-Emanze ist, holt sie sich Hilfe und zwar ihren Exfreund, den mittlerweile etwas eigenbrötlerischen Schluckspecht Dan Frost (Joel Edgerton), der die gute Jane immer noch liebt, aber genauso Bill abgrundtief hasst, weil der ihm vermeintlich einst das Weiblein weggeschnappt hat.

Das Aufzählen von Hintergrundfakten mutet immer etwas faul und vor allem öde an, aber gerade bei diesem Film wäre es eine Straftat es nicht zu tun, denn der Rache-Western hat eine selbst für Hollywood-Großproduktionen turbulente Geschichte.

Jane Got A Gun - Natalie Portman - Allein unter Männern

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Die Böswatze.
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Das Drehbuch von Brian Duffield rückte erstmals 2011 in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Und zwar als Titel auf der jährlichen Black List, die durch eine Umfrage die bei Studiobossen populärsten, aber aus unterschiedlichsten Gründen noch unproduzierten Drehbücher ermittelt. 2012 tuschelte man in Hollywood Nathalie Portman hätte Interesse an der Titelrolle, für die Regie war Lynne Ramsay im Gespräch, die kurz zuvor mit „We Need To Talke About Kevin“ für Furore sorgte. Im letzten Quartal 2012 sollte Michael Fassbender Janes ehemaligen Liebhaber Dan Frost mit Leben ausfüllen, Joel Edgerton (der mit seinem Regie-Debüt „The Gift“ dieses Jahr für helles Entzücken sorgte) wurde kurz darauf als Böswatz John Bishop besetzt.

Anfang 2013 sagte Fassbinder dann aber Winke-Winke und Goodbye da es Terminschwierigkeiten mit „X-Men: Days Of Future Past“ gab. Ramsay gab daraufhin Edgerton den Dan-Frost-Part und Jude Law sollte jetzt den Baddie mimen. Nur kurze Zeit später verabschiedete sich allerdings Ramsey. Die Gründe sind unbekannt, man munkelt die Schottin hatte zu oft zu tief ins Glas geschaut. Dank dem Wechsel hatte jetzt aber auch Jude Law keinen Bock mehr, da er von Ramsey dirigiert werden wollte. Und mit Law ging auch gleich Kameramann Darius Kjondji. Schließlich übernahm ausgerechnet der eher für Testosteron-Stoffe bekannte Gavin O’Connor („Warrior“) das Ruder und ließ gleich mal das Drehbuch umarbeiten, weitere Umbesetzungen folgten, aber im Sommer des Jahres konnte man dann endlich drehen.

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Eine Frau im wilden Westen.
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Doch der Spaß sollte noch weitergehen: Die Firma Relativity Media wollte den fertigen Film im August 2014 veröffentlichen, verschob dann aber aus ungeklärten Gründen kurzfristig den Termin auf Februar 2015, nur um ihn dann wieder auf September 2014 zu verlegen, was aber auch egal war, denn die Firma ging im Sommer 2014 pleite und verlor die Rechte an ihrem Produkt. Die neuen Besitzer des Films wurden die Weinstein Brüder und die wollten im November dieses Jahr in Paris die Premiere feiern, was aber dank dem Terroranschlägen wiederum nicht klappte.

Nun ja, man sieht, der Background ist bereits ein Film für sich, da wundert es fast schon nicht mehr, dass der Film etwas weniger aufregend ist. Aber bei Weitem nicht schlecht, man fragt sich nur, welcher Investor so waghalsig war 25 Millionen Dollar in einen Film zu stecken, der wie total aus der Zeit gefallen wirkt. „Jane Got A Gun“ verzichtet völlig auf Abschiedswehmut à la „Erbarmungslos“, er feiert auch nicht das große Epos wie „Der mit dem Wolf tanzt“ ab und Spaß und Ironie „A Million Ways to Die in the West“ ist ihm sowieso völlig fremd. O’ Connor orientiert sich eher an staubtrockenen Geradeausknaller der 70er-Jahre, vor allem die wunderbare Raquel-Welche-Bombe „In einem Sattel mit dem Tod“ von 1971 winkt hier von ferne.

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Jane kriegt ne Gun.
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„Jane Got A Gun“ wirkt in seiner simplen Reinheit geradezu erfrischend: Das Setup (Mann halbtot, Frau sattelt auf…) ist ratzfatz etabliert und von da aus marschiert das Staub & Blei-Geschichtlein wie ein frisch aufgezogenes Schweizer Uhrwerk in für heutigen Verhältnisse angenehm schlanke 98 Minuten ohne Abschweifungen Richtung Ende. Dank diesem Umstand überrascht es natürlich nicht, dass die Figuren nicht allzu tief angelegt sind: Portman spielt die für eine Westernfrau etwas zu schnieke Hauptfigur als toughe, aber auch realistische Mama mit Knarre, Ex Joel Edgerton den Alki mit Todeswunsch und Ehemann Noah Emmerich liegt die meiste Zeit verwundet im Bett rum.

Wie aus den 70ern: Straighter Western ohne Schnörkel, dafür aber mit Frauenpower-Attitüde und blutigen Shoot-Outs!Fazit lesen

McGregor ist in erster Linie böse, aber das immerhin mit Genuss. Ein paar Rückblicke reichern die Action noch mit etwas Drama an, aber Shakespeare wird trotzdem nicht draus. „Jane Got A Gun“ ist in erster Linie Genrestoff, der auch stolz drauf ist Genrestoff zu sein und zudem voller Sympathie für seine Hauptfigur steckt, die und das ist der Knackpunkt, eben nicht als knarrenschwingendes Überweib gezeigt wird, sondern als Frau in einer harten Zeit, die durchaus nicht ganz ohne männliche Hilfe auskommt, sich aber, und das ist der entscheidende Punkt, diese Hilfe selbst aussucht. Das ist unterm Strich mehr als der größten Teil des jährlichen Hollywood-Outputs zu sagen hat und auch noch in wundervolle Bilder verpackt, deswegen wird es wohl hoffentlich bald heißen: „I got a ticket!“