Wieder einmal schlüpft Johnny Knoxville zum Entsetzen ahnungsloser Passanten in das Alters-Make-up des 86-jährigen Lustmolchs Irving Zisman und lässt Seele wie Hodensack baumeln. Mit „Bad Grandpa“ folgt der glorreichen „Jackass“-Trilogie ein vierter Kinofilm um den kindlich-anarchistischen Jungstrupp von MTV – ohne eingespielte Stammbelegschaft zwar, aber doch weitgehend im Geiste jener lustvollen Destruktivität, die sowohl TV- als auch Filmserie zu einem hemmungslosen Vergnügen machte.

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Auf Biegen und (Ge-)Brechen

Der Tod des Jackass-Mitglieds Ryan Dunn im Juni 2011 allerdings schien nicht nur eventuelle Pläne eines weiteren Kinofilms zu vereiteln, sondern die eigentlich doch so unbeschwerten Blödeleien der liebenswerten Nonsensakrobaten in neuem Licht darzustellen.

Schon der tolle, aber auch etwas mildere dritte Film verwies auf das fortgeschrittene Alter der um keine halsbrecherische Aktion verlegenen Jackasses, die nicht mehr nur in Buddy-, sondern längst auch schon ganz bürgerlichen Familienverhältnissen angekommen sind.

So ließ Dunns Unfalltod, auch wenn er nicht in Zusammenhang mit Dreharbeiten stand, einerseits darüber nachdenken, ob das Konzept nach dem Verlust eines so engen Freundes überhaupt moralisch noch zu halten sei.

Und stellte es andererseits ein mit gesundheitlichen und privaten Erwägungen verknüpftes Ende der sorglosen Jackass-Ära zur Diskussion. „Bad Grandpa“ ist dann vielleicht doch ein Kompromiss auf halber Strecke: Er verlegt den gefährlich-perfiden Spaß um körperliche Schändung in beinahe harmlose Streiche vor versteckter Kamera.

Jackass: Bad Grandpa - Auf Biegen und (Ge-)Brechen

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Johnny Knoxville gibt den grantigen 84-jährigen Bad Grandpa.
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Das Kino-Spin-off des verbalen Busengrapschers Irving Zisman muss also überwiegend ohne spektakuläre Stunts, ohne schadenfreudige Frakturen und Blessuren auskommen. Böswillig ließe sich sagen, der Film sei so brav, wie sein Protagonist greis ist, aber das würde der ja nichtsdestotrotz sehr amüsanten Idee Unrecht tun.

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Zumal der vergleichsweise weniger krawallartige, physisch zurückgeschraubte Humor in der nunmehr gesetzten, dafür wiederum hinterrücks bösen Darbietung den Spaß an anarchistischen Offensiven lediglich modifiziert.

Anstelle eifrig gefilmter Selbstversuche zur natürlich vollkommen unsinnigen, aber freudestrahlend naiven Belastungsfähigkeit des eigenen Körpers setzt „Jackass: Bad Grandpa“ auf das Fremdschamkonzept heimlichen Schabernacks in der unwissenden Öffentlichkeit.

Ein schönes Vergnügen, auch wenn die respektlosen Abenteuer des bösen Großvaters ungleich gemächlicher sind als der sonst so halsbrecherische Unsinn der Jackass-Crew.Fazit lesen

Damit entfernt sich der Film ein Stück weit vom „privaten“ Reality-TV seines Ursprungs hin zu eigentlich klassischer Fernseh-Comedy, deren hinter vorgehaltener Hand zelebrierter Ulk mit all den Angriffen aufs Normativ stets empörte Reaktionen und starre Gesichter zu provozieren versucht.

Borat, Brüno, Bad Grandpa

Dass es das Spiel mit der versteckten Kamera im Jackass-Kontext natürlich zuvorderst über vermeintliche Sittenverstöße und Tabubrüche zu spielen gilt, versteht sich von selbst.

So lässt Johnny Knoxville seinen Irving Zisman wie schon in früheren Jahren mit heraushängenden Eiern, eher selten altersgerechter Vulgärsprache und einem selbstredend entsetzlich misanthropischen Weltbild auf augenscheinlich oft nicht eingeweihte US-Bürger los. In Wartezimmern, Supermärkten und Striplokalen, auf Biker-Treffen, Hochzeiten und Schönheitswettbewerben.

Unweigerlich erinnert „Bad Grandpa“ dadurch an die Kinoarbeiten von Sacha Baron Cohen, der in „Borat“ und „Brüno“ an der Schnittstelle von konventioneller Komödie und getürkter Dokumentation (Mockumentary) auf Tuchfühlung mit der Political Incorrectness ging. Anders als Baron Cohen sind Knoxville und Jeff Tremaine, langjähriger Produzent,

Regisseur und Autor der Jackass-Crew, aber nicht an Bloßstellung, Demontage und unfreiwilliger Verunglimpfung der (hier ja zudem unwissend gefilmten) Beteiligten interessiert, sondern begnügen sich mit der schlichten Freude an deren schockierter Wahrnehmung.

Jackass: Bad Grandpa - Auf Biegen und (Ge-)Brechen

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Und baut mit seinem Filmenkel haufenweise Unsinn.
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Die ahnungslos Hereingelegten werden deshalb auch nur selten vorgeführt, überwiegend reagieren sie eben verständlicherweise entsprechend irritiert, und der Film lässt mit seinen auf Zoten beschränkten Sketchen auch nur wenig Raum für subversiven Witz. Erst gegen Ende, als Irving Zisman und Filmenkel Billy (Jackson Nicoll) vor den Augen fassungsloser Eltern eine ganz eigene Reality-Version des Young-Beauty-Contests aus „Little Miss Sunshine“ initiieren, entwickelt der Humor in „Bad Grandpa“ auch eine feinsinnige, queere, annähernd zersetzende Qualität.

Den deutlichsten Unterschied zur damaligen TV-Show und ihren anschließenden Kinofilmen markiert aber die Entscheidung, all die Streiche mit versteckter Kamera narrativ zu rahmen.

Tatsächlich erzählt dieser Jackass-Film auch eine Geschichte im gewöhnlichen Sinne, bei der Knoxville und Nicoll nicht nur in besagten Real-, sondern auch diversen Spielszenen ganz in den Rollen ihrer fiktiven Großvater- und Enkelsohnfiguren verharren. Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal beschreitet der Film neues, vergleichsweise konventionelles Jackass-Terrain.