Erstaunlich, dass es nach dem kommerziellen Erfolg von „Der Anschlag“ ganze 12 Jahre gedauert hat, bevor mit „Jack Ryan: Shadow Recruit“ erst jetzt ein weiterer Film um Tom Clancys berühmten CIA-Agenten in die Kinos kommt. Wie mittlerweile allzu üblich wurde der Stoff für die nunmehr fünfte Kinoadaption dabei gleich noch mal auf Null gesetzt: Eine Origin-Story, die den Ursprungsmythos des US-Helden fernab der Romanvorlagen neu entwirft.

Jack Ryan: Shadow Recruit - Deutscher Trailer #1Ein weiteres Video

The Wolf of Wall Street

Anders als etwa „Jagd auf Roter Oktober“ (1990), „Die Stunde der Patrioten“ (1992) oder „Das Kartell“ (1994) basiert „Jack Ryan: Shadow Recruit“ also nicht auf einer konkreten Vorlage aus der Feder von Tom Clancy. Stattdessen erzählt Kenneth Branaghs Film nun eine Originalgeschichte, die sowohl die Anfänge des amerikanischen Patrioten erklären als auch dessen Modernisierung einläuten will: Eine Franchise-Erneuerung, in der sich Jack Ryan von seinem literarischen Erschaffer emanzipiert.

Jack Ryan: Shadow Recruit - Jack Ryan ohne Tom Clancy, ist wie Butter ohne Brot

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Eine echte Überraschung: Chris Pine als smarter und gefühliger Jack Ryan.
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Seine Studienzeit verbringt der spätere Topagent (nach Alec Baldwin, Harrison Ford und Ben Affleck nun von Chris Pine gespielt) demnach nicht am Boston College wie in Clancys Romanen, sondern in London um die Jahrtausendwende. Dort erweckt ausgerechnet der Anschlag auf das World Trade Center in ihm den Wunsch, seinem Land zu dienen – und es vergehen nur wenige Filmminuten, da sehen wir Jack Ryan auch schon bei einem Militäreinsatz in Afghanistan.

Weil er sich dort während eines Anschlags als ehrenvoller Soldat beweist, wird der ranghohe CIA-Agent William Harper (mit zunehmendem Alter immer besser: Kevin Costner) auf den schwer verletzten „Shadow Recruit“ in spe aufmerksam. Fortan arbeitet Jack Ryan in geheimer Mission am Finanzmarkt der Wall Street, die von den zerstörerischen Plänen des antiamerikanischen Oligarchen Viktor Cherevin (Regisseur Kenneth Branagh als Bösewicht) bedroht ist.

Für seinen ersten praktischen Einsatz jenseits des Bürostuhls reist Jack Ryan nach Moskau, um das mutmaßliche Bombenattentat noch in dessen Vorbereitungsphase zu vereiteln. Leider folgt ihm dabei Freundin Cathy (sowieso toll: Keira Knightley), die nichts von seinem tatsächlichen Job als Undercover-CIA-Agent ahnt – und während Jack eine zweite Große Depression verhindern muss, warten Cherevins Kontakte in den USA bereits auf ihre Befehle.

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Väterliches Verhältnis: Jack Ryan und William Harper (Kevin Costner).
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Altlasten des Kalten Krieges

Wie es der Plotabriss schon erahnen lässt, steht die Handlung in relativem Widerspruch zur vermeintlichen Neuausrichtung des Stoffes. Das offenbar wieder en vogue geratene Bemühen diverser Altlasten des Kalten Krieges verortet den Film direkt im Vorgestern. Und das Bedrohungsszenario scheint sowohl abstrakt als auch unfreiwillig komisch: Ob nun eine Bombe russischer Wirtschaftsmagnaten oder der eigene verbrecherische Aktienhandel die weltweite Wirtschaft lahmlegt, ist letztlich doch eigentlich ziemlich egal.

Der bislang schwächste Film um CIA-Agent Jack Ryan. Ein Gut-Gegen-Böse-Thriller von vorvorgestern, der dem Titelhelden keinerlei neue Impulse verleiht.Fazit lesen

Will heißen: Selbst wenn es Jack Ryan gelingen sollte, das Attentat zu verhindern (und so richtig ungewiss, also spannend ist das ja nun wirklich nicht – oder traut man einem solchen Film einen trostlosen Ausgang zu?), so sind es bekanntlich verheerende Spekulationen, die den Finanzmarkt ohnehin bombardieren (siehe jüngst „The Wolf of Wall Street“). Möglich zwar, dass der Film diese Ironie einer selbst erfüllenden Prophezeiung ganz gezielt heraufbeschwört, interessanter wird das Storygerüst deshalb aber noch nicht.

Dabei versammelt „Jack Ryan: Shadow Recruit“ einige schöne Ideen, die seinen dünnen Plot und die generische Dramaturgie umso bedauerlicher erscheinen lassen. Wenn der CIA-Agent etwa erstmals einen Mord begeht und dann voller Selbstzweifel in sein Moskauer Apartment zurückkehrt, ist das ein hübsch herausgearbeiteter Moment einer ansonsten eindimensionalen Figur. Und auch die an „Mission: Impossible“ erinnernde Aktion der Datenbeschaffung kann als kurzzeitig straff inszeniertes Thriller-Kino überzeugen.

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Regisseur und Bösewicht in einem: Kenneth Branagh als russischer Terrorist.
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Shakespeare-Liebhaber Kenneth Branagh, der sich seit dem ersten „Thor“ auch als Blockbuster-Filmemacher versucht (aktuell inszeniert er Disneys „Cinderella“), hat einen Blick für Details und kann mit seiner Theaterliebe besonders manch Dialogsequenz aufpäppeln. In den ohnehin spärlichen Actionszenen hingegen lassen er bzw. sein Second-Unit-Team aber jede Kraft vermissen: Konfus geschnitten und ohne Gespür für ein Arrangement bleiben die Verfolgungsjagden völlig eindruckslos.

Den vom Produzententeam augenscheinlich erhofften frischen Wind bläst hier also einzig Chris Pine durch einen seltsam müden, austauschbaren Action-Thriller ohne Biss. Und auch Captain Kirk Jr. kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jack Ryan als vaterlandstreuer Vorzeigesoldat und Top-Agent im Gegensatz zum Kollegium aus James Bond, Ethan Hunt oder Jason Bourne ein ziemlich uninteressanter Held ist. Zumindest in diesem fünften und bislang schwächsten seiner Kinoauftritte. Schade.