Bereits im Juni vergangenen Jahres sollte die Neuadaption des im englischsprachigen Raum seit Jahrhunderten beliebten Märchens um den Bauernjungen Jack, die gigantische Bohnenranke und den gefährlichen Riesen in die Kinos kommen. Der Startverschiebung ging eine so schwierige Produktionsgeschichte voraus, dass Brancheninsider schon von einem neuen John-Carter-Debakel sprachen.

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Problemgebeutelte Produktion

Solch horrende finanzielle Verluste wie das Mars-Abenteuer aus dem Hause Disney wird „Jack and the Giants“ zwar aller Voraussicht nach nicht einfahren, das US-Einspiel kommt aber tatsächlich einer mittelschweren Katastrophe gleich. Die Probleme in der Konzeption und Entwicklung setzten sich im Marketing der geschätzte 200 Millionen US-Dollar teuren Fantasy-Produktion fort – unattraktiver, weniger lustmachend kann ein Film gar nicht beworben werden.

So blieb das Publikumsinteresse an der von Bryan Singer („X-Men“) inszenierten Abenteuerreise in eine Zeit ferner Königreiche und gefräßiger Riesen in den USA tatsächlich aus. Dabei war der Regisseur versucht, dem zuvor bereits zigfach überarbeiteten Drehbuch mithilfe seines Stammautoren Christopher McQuarrie („Die üblichen Verdächtigen“) den endgültigen Schliff verleihen und das Projekt mit langjährigen Kollegen wie John Ottman (Schnitt und Musik) zu einem großen Fantasy-Erfolg reifen lassen zu können.

Ursprünglich unter dem Titel „Jack the Giant Killer“ angekündigt, wurde der Film kurzfristig in „Jack the Giant Slayer“ umbenannt, nachdem sich während der Produktion bereits herauskristallisierte, dass er offenbar zu düster und brutal für ein Märchen geraten würde, das an den breitflächigen Erfolg von Tim Burtons „Alice im Wunderland“ anknüpfen sollte. Früchte trug der familienfreundlichere neue Titel jedoch offenbar keine, hierzulande heißt der Film seltsamerweise wiederum „Jack and the Giants“.

Jack and the Giants - Ein kolossaler Rohrkrepierer?

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Ein ikonisches Bild: Jack (Nicholas Hoult) erklimmt die kilometerlange Bohnenranke.
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Der Stoff wurde bereits vielfach adaptiert, vom Klassiker „Der Herrscher von Cornwall“ bis hin zur DreamWorks-Animation „Der Gestiefelte Kater“. Singers Bearbeitung erweist sich als eine Art Mischversion aus dem Märchen „Jack and the Beanstalk” („Hans und die Bohnenranke“) und ihrer verwandten Erzählung „Jack the Giant Killer”. Und sie erweitert die Geschichte natürlich zugunsten eines höheren Aufwands und den Möglichkeiten computergenerierter Tricks.

Der Bauernjunge Jack (Nicholas Hoult) gerät zufällig an einen kleinen Beutel mit Bohnen, die er auf keinen Fall nass werden lassen dürfe. Als ihm genau das dennoch passiert, wächst eine gigantische Ranke gen Himmel – eine Verbindung zum Reich alter Riesen, die einst Krieg führten gegen die Menschheit. Um Prinzessin Isabelle (Eleanor Tomlinson) aus den Fängen der Kreaturen zu retten, begibt sich Jack gemeinsam mit deren hinterlistigem Verlobten Roderick (Stanley Tucci) sowie dem edlen Ritter Elmont (Ewan McGregor) auf den gefährlichen Pfad.

Packshot zu Jack and the GiantsJack and the Giants

Ein kolossaler Rohrkrepierer?

Das schlechte Einspiel und die weitgehend verhaltenen Stimmen der US-Kritik schrauben die Erwartungen an „Jack and the Giants“ unweigerlich nach unten. Dabei ist der Film alles in allem ein zwar schlichtes, sicherlich auch unter seinen Möglichkeiten bleibendes, aber dennoch weitgehend vergnügliches Abenteuer, das weder seine Figuren noch die Geschichte, schon gar nicht aber seinen mythischen Unterbau allzu ernst nimmt. Was ihm zum Vorteil gereicht.

Damit verschenkt Singer zwar von vornherein Chancen auf eine neue epische Fantasy-Filmserie und natürlich auch auf einen profitablen Franchise-Erfolg, so ihm die Tiefe eines „Herr der Ringe“ oder der visuelle Gestaltungsreichtum des zeitgleich startenden „Die Fantastische Welt von Oz“ fehlt. Aber er kehrt so auch zu den eher simpel gestrickten, gradlinigen Abenteuergeschichten zurück, die eine spielerische Einfachheit emotionaler und erzählerischer Komplexität vorziehen.

Vergnügliches Abenteuer, das den rüden Charme alter Fantasy-Filme aufgreift und fast immer die falschen Töne trifft. Vom prophezeiten Desaster sind diesen Riesen dennoch weit entfernt.Fazit lesen

Die strukturellen Probleme des Films, über die bereits vor Kinostart kräftig spekuliert wurde, sind dabei tatsächlich so offenkundig wie bedauerlich. „Jack and the Giants“ schwankt nicht selten zwischen kindgerechtem Märchen und erwachsener Fantasy, zwischen Niedlichkeit und Brutalität, albernem Witz und einem allzu rabiaten Tonfall. Dass er nicht auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten scheint, muss natürlich kein Nachteil sein – doch wen der Film überhaupt ansprechen soll, bleibt tatsächlich unklar.

Jack and the Giants - Ein kolossaler Rohrkrepierer?

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Unter Führung von General Fallon (Bill Nighy) erklären die Riesen der Menschheit den Krieg.
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Singers Signatur, die selbst seinem etwas missglückten „Superman Returns“ noch fest eingeschrieben war, lässt sich hier nur noch vermuten, zu sehr scheint ihm das Projekt bei allen Produktionsschwierigkeiten entglitten. Die nur soliden, nie aber originellen oder gar wegweisenden Spezialeffekte machen teils einen unfertigen Eindruck, der sich insbesondere in der Umsetzung der mittels Performance-Capture animierten Riesen niederschlägt. Diese wirken unentschlossen entworfen, allzu digital und befremdlich ist ihre Erscheinung.

Die offene Ausrichtung des Films spiegelt sich in ihnen am Ehesten wider, so sie in einem Moment als furzende, ulkig-tumbe Giganten auftreten, im nächsten jedoch schon wieder Menschen die Köpfe abbeißen (deutlich sichtbar nachträglich entschärft). Diese tonalen Widersprüche müssen einem den Spaß an „Jack and the Giants“ dennoch nicht verhageln, auch weil Scheitern manchmal ja doch interessanter sein kann als vorbildliches, aber langweiliges Gelingen. Und der heimliche Star des Films ist ohnehin die kilometerlange Bohnenranke, deren Verästelungen manch Schwäche elegant umschlingen.