Keimfreie Familienunterhaltung verspricht „Into the Woods“ wahrlich nicht. Mag das gleichnamige Broadway-Musical allerhand Märchenmotive und –Figuren zu einer üppigen Erzählung um schöne Prinzessinnen und edelmütige Prinzen vermengen, bringt es diese eben auch gezielt durcheinander – über einen hintersinnigen, zum Teil vulgären Humor. Dass ausgerechnet Disney sich nun an einer Kinoversion des Stoffes versucht, ist daher eine Überraschung.

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Um einige besonders garstige Details musste das Musical also erleichtert werden, es stampft allerdings noch immer erstaunlich munter durch seinen Märchen- und damit ja auch Disney-Kanon. Obwohl „Into the Woods“ den hinlänglich bekannten Figuren auf der Leinwand nun manch rabiates Schicksal vorenthält (und ein schlüpfriger Subplot um Schneewittchen und Dornröschen gleich ganz gestrichen werden musste), stimmt auch der Film genüsslich den sarkastischen Ton seiner Vorlage an.

Into The Woods - Ein Hauch vom alten Disney-Zauber...

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Meryl Streep als Hexe: Sie dreht das Märchenkarussell, bis alles Kopf steht – und singen kann sie besser denn je. Ihre pflichtschuldige Oscarnominierung ist tatsächlich verdient.
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Das garantieren schon die Verantwortlichen des Musicals, Stephen Sondheim und James Lapine, die die Kinofassung persönlich betreuten und deren Änderungen genehmigten. Wie zuletzt bei Tim Burtons Adaption von „Sweeney Todd“ überwachte Sondheim auch die Studioaufnahmen seiner umarrangierten Songs, um das musikalische Material aus dem reinen Bühnenkontext zu lösen. Nicht schauspielernde Sänger, sondern singende Schauspieler soll er sich gewünscht haben.

Und die Besetzung des Films ist tatsächlich ein großes Vergnügen. Meryl Streep tritt in die großen Fußstapfen von Bernadette Peters und absolviert ihre Gesangsparts als noch in „Mamma Mia“. Als verfluchte wie zugleich verfluchende Hexe setzt sie die Ereignisse der Handlung in Gang: Einem kinderlosen Ehepaar stellt die Zauberin Nachwuchs in Aussicht, sofern es ihr „eine Kuh so weiß wie Milch, einen Umhang so rot wie Blut, Haare so gelb wie Mais und Schuhe so rein wie Gold“ besorgen könne.

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Emily Blunt als Frau des Bäckers: Sie stiehlt nicht nur allen die Show, sondern beweist auch, dass an ihr eine große Komödiantin verloren gegangen ist. Großartig.
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Was schwieriger scheint als gedacht. Während etwa Rotkäppchen (Lilla Crawford) sich die Seele aus dem Leib schreit, als man ihr das Cape abnehmen will, denkt Cinderella (Anna Kendrick) nicht im Traum daran, ihren güldenen Schuh wegzugeben. Der junge Jack (Daniel Huttlestone) wiederum tauscht seine Kuh zwar bereitwillig gegen magische Bohnen ein, aus ihnen allerdings erwachsen riesige Ranken – und das ruft, man weiß es ja, die Riesen auf den Plan.

An- und Unordnung

Weil der treudoofe Bäcker (James Corden) und dessen Frau (Emily Blunt) sich also denkbar ungeschickt anstellen, ist im Märchenwald ziemlich schnell die Hölle los: Freudlose Prinzen (Chris Pine), die sich anders verlieben, als es ihre Erzählungen vorgesehen haben, wütende Giganten (Frances de la Tour), denen der ein oder andere Protagonist plötzlich unter die Sohlen gerät, und schließlich auch eine verunstaltete Rapunzel (Mackenzie Mauzy), die das Musical immerhin – anders als in der Vorlage – überleben darf.

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Johnny Depp als böser Wolf: Er begnügt sich mit einem Auftritt, der nur wenige Minuten dauert – und hinter dem sich allein eine Hoffnung auf kommerzielle Zugkraft verbirgt.
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Gesungen wird natürlich viel und vortrefflich, lediglich im Mittelteil rutscht der Film ins allzu Plauderhafte ab und wird zugleich ungenauer in der Einkürzung der Songs. Das jedoch ist (Fan-)Kritik auf hohem Niveau, insgesamt überträgt Regisseur Rob Marshall („Chicago“) die nicht problemlos veränderbare Komposition souverän ins filmische Medium: Sondheims musikalische Leitmotive halten das buchstäblich Verzweigte der Geschichte auch im Kino noch amüsant beisammen.

Genau darin bleibt „Into the Woods“ dem Stück trotz offenkundiger Bestrebungen, es zähmen zu wollen, treu. Das Potpourri klassischer Märchen betreibt keine ausgestellt ironische Dekonstruktion der bekannten Handlungen, sondern ist deren so liebevolle wie alternative An- und Unordnung. Zu Tage treten nun sympathische Macken sonst makelloser Märchenhelden, die in der aufgebrochenen Struktur mal schön bescheuerte, mal unerwartet gefühlige Facetten gewinnen.

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Dass sich daraus letztlich ein eigenes und vor allem eigenwilliges Märchen mit neuen, eben nicht klassischen Figurenkonstellationen ergibt, kann wohl nicht ganz im Sinne Disneys sein. Zwar erwies sich „Into the Woods“ an den US-Kinokassen als moderater Hit, vorsorglich aber beschränkte das Studio die Produktionskosten auf vergleichsweise geringe 50 Mio. Dollar. Im unorthodoxen Umgang mit tradierten Erzählungen kennt die Risikolust des Märchenmarktführers klare Grenzen.