Es scheint ja erstaunlich viele Leute zu geben, die Christopher Nolan eine gewisse Diskrepanz zwischen pompösen Ideen und einer kleingeistigen, beziehungsweise halbfertigen Ausführung vorwerfen. Besonders „Inception“, der im letzten Drittel tatsächlich eher fuhrwerkt als elegant auflöst, scheint es ihnen angetan zu haben, und auch „Interstellar“ wird neue Munition liefern. Aber erst, nachdem selbst die größten Nörgler eingestanden haben, dass das über weite Strecken ein absolut überwältigendes Erlebnis ist.

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Groß, größer, Nolan

„Interstellar“ ist ein Film für die größte Leinwand im Radius von 100 Kilometern. Wuchtige Bilder, eine massive Soundwand, spektakuläre Effekte und natürlich nichts weniger als die Rettung der Weltbevölkerung. Durch ein Wurmloch in eine neue Galaxie. In der es mehrere Planeten gibt, die als Ersatz für die sterbende Welt herhalten könnten. Bräääm. Obwohl, nein, das ist noch zu wenig. BRÄÄÄÄÄM! Jeder Blockbuster in dieser Richtung lässt ja inzwischen die ganze Erde in Gefahr geraten, doch nur hier wird der folgende Kampf gleich vollständig ins Weltall verlegt.

Interstellar - Per Nolan durch die Galaxis

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Hier, genau hier holt sich Matthew McConaughey den Oscar.
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„Think big“, auch bei der NASA. Die in der nahen Zukunft in den (wortwörtlichen) Untergrund verbannt wird und von dort aus kühne Visionen entwirft. Eine von ihnen ist die Übertragung der Leitung einer Erkundungsmission an einen Maisbauern (Matthew McConaughey), der aber natürlich vor allem Astronaut ist und als solcher keinerlei Probleme mit theoretischer Physik, schwarzen Löchern, weiteren Dimensionen und chronologischen Krümmungen hat. „Interstellar“ traut seinem Hauptdarsteller und dem Publikum einiges zu. Die Menge an Wissenschaft, die hier vermittelt wird, hätte zum Beispiel „Gravity“ gnadenlos nach unten gezogen.

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Aber hier ist das anders. Hier wird am Anfang ein starkes emotionales Zentrum geschaffen, mit dem Maisbauern und seiner Familie, die auf der einen Seite überleben und auf der anderen Seite Pioniergeist atmen möchte. Die rurale Welt der nahen Zukunft ist geplagt von Schädlingen und Sandstürmen, ein äußerst effektiver Nährboden für existenzielle Themen. Wenn der Maisbauer sich von seiner Tochter (Mackenzie Foy) verabschiedet, geht das unglaublich nahe, weil bereits hier Nolan seine Arena in die endlose Weite öffnet. Wann werden sie sich wiedersehen? Werden sie sich überhaupt je wiedersehen?

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Passiert auch nicht mehr so oft: Die Effekte hauen einen um.
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Hardware, Visionen, Tränen

Als der Maisbauer mit seinem Wagen davonfährt, zutiefst erschüttert von dem Abschied, ertönt auf der Tonspur bereits der Countdown der Rakete. Diesen Übergang, zugleich schonungslos hart und unglaublich elegant, hätte wohl kaum jemand Christopher Nolan zugetraut. Wenn „Interstellar“ ins All abhebt, was tatsächlich mit dem Schnitt darauf schon passiert, ist man das erste Mal versucht, hier ein wahres Meisterwerk herbeizubeten. Hardware, Visionen und Tränen, stimmig vereint auf dem Weg zum ersten Planeten. Dass Anne Hathaway auch an Bord ist, für immer geschlagen mit ihrem treudoofen Dauergrinsen, mag die Stimmung etwas trüben, doch dafür sind die weiteren Passagiere (Wes Bentley und David Gyasi) umso interessanter.

Und dann ist da ja auch noch Matthew McConaughey, der einfach großartig spielt und seine komplexe Figur stets im Griff hat. Nach dem ersten Planeten, der sich vor allem durch Wasser und riesige Wellen auszeichnet, kommt es zu einer Zeitverschiebung, die den Ausflug auf über 20 (Erd-)Jahre anwachsen lässt. McConaughey setzt sich daraufhin vor einen Monitor und ruft alle Videobotschaften der letzten Jahre ab. Seine Tochter ist auf einmal erwachsen, der Sohn hat einen Sohn bekommen und irgendwie ist das alles zu viel. Mitten im Weltall, in einem eher schmucklosen Raumschiff entsteht ein emotionaler Sog, der einfach völlig umhaut. Falls McConaughey für die Rolle einen Oscar bekommen wird (wovon auszugehen ist), dann vor allem hierfür. Was für eine unglaublich schöne und starke Szene!

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Abschied, vielleicht für immer.
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Emotion und Technik, Gefühle und Science Fiction. Dass ausgerechnet Christopher Nolan, der große nerdige Stilist, diese Balance hinbekommt, gleicht der Quadratur des Kreises und ist gleichzeitig der starke Anker für das Publikum. Egal wie viel wissenschaftliches Mumbojumbo um die Ohren gehauen wird, es bleibt im Grunde immer eine Geschichte über Hoffnung, Liebe und Familie – was sich pathetisch anhört, aber tatsächlich mit einer erwachsenen Reife vermittelt wird, die das Ganze absolut glaubwürdig macht. Und selbst dem größten Effektetrubel eine menschliche Erdung verleiht.

Kein Vergleich

„Interstellar“ ist nicht nur Christopher Nolans bisher bester Film, sondern in diesem Kinojahr auch praktisch ohne Vergleich. Auf der einen Seite diese gigantische Größe, dicke IMAX-Bilder, perfekte Effekte, Bilder ganz neuer Welten, und auf der anderen Seite dann ebenso große Gefühle, komplex gezeichnete Figuren, wohldosierte Emotionen. Das ist echtes, wahres Kino, knapp drei Stunden wirklich fesselnd, und als Ganzes so wagemutig, wie man es wirklich nicht erwarten durfte. Den mancherorts bemühten „2001“-Vergleich sollte man zwar lieber mal vergessen, aber immerhin „Gravity“ ist spätestens nach 30 Minuten verdaut. Verdammt, selbst Hans Zimmer hat einen streckenweise packenden Score zustande gebracht. Es grenzt an ein galaktisches Wunder.

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Das starke Bindeglied zur Erde: die inzwischen erwachsene Tochter (Jessica Chastain).
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Dass „Interstellar“ ein gigantischer Hit wird, steht außer Frage, und selbst die eingangs erwähnten Hater müssen sich zumindest unterm Strich geschlagen geben. Nolans teilweise überschäumende Nerd-Ideen, inklusive des „Inception“-Steckenpferdes der kreisförmigen Zeitbewegung, sind zwar manchmal anstrengend „clever“, und das mit der LIEBE am Ende tischt schon arg dicke Schmalzstullen auf, doch wenn dafür so viel anderes so überwältigend funktioniert, verlässt man das Kino trotzdem mit erschöpften Bügelfalten. Ein „must see“-Film, auf jeden Fall. Auch nach längerem Nachdenken mag kaum ein weiterer Regisseur neben Christopher Nolan einfallen, der ein Projekt dieser Größe auf diese Weise umsetzen könnte.