Die alte Mär verstorbener Menschen, deren ruhelose Seelen Kontakt zu den Lebenden suchen, hat den klassischen wie zeitgenössischen Horrorfilm zu zahllosen Geistergeschichten von verfluchten Häusern, übernatürlichen Kräften und Botschaften aus dem Jenseits inspiriert. Dutzendfach variierte sich das Haunted-House-Sujet zum eigenen Abguss, Gespenster und Entitäten belagerten alte Anwesen, ergriffen Besitz vom Menschen oder entführten gar unsere Kinder in ihr Zwischenreich aus Leben und Tod.

In der immer noch jüngsten Modifikation des Geistermythos’ vermengen sich japanische Horrortradition und westliche Urban Legends zum ästhetischen Klischee kleiner blasser Mädchen, deren lange schwarze Haare nicht nur Gesichter, sondern auch verborgene Schrecken verhüllen. Das Videoband als Medium übernatürlicher Aufnahme hat den Geisterhorror über kulturelle Grenzen hinaus erfolgreich in der Neuzeit installiert und doch nur wieder eine Schwemme an Old-School-Genrefilmen befördert, in denen Séancen gehalten und körperlose Mächte beschworen werden.

Insidious - Saw-Regisseur geht im zahnlosen Geistergetöse unter

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Solange das Grauen nicht sichtbar ist, ist der Film richtig gut. Also in der ersten Hälfte.
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„Insidious“, geschrieben und inszeniert vom „Saw“-Team James Wan und Leigh Whannell, knüpft da an, wo sich die Geisterverwurstungskette zwischen Wiederholung („Amityville Horror“, 2005), Retro-Chic („Das Waisenhaus“) und 2.0-Mockumentary („Paranormal Activity“) mittlerweile in sich selbst verheddert hat. Vom scheinbar verwunschenen Haus bis zur Besessenheit durch Dämonen zieht der Film sämtliche Register, und freilich darf es dabei immer noch etwas zackiger und lärmender zugehen als in den konkreten Vorbildern.

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Poltergeist“ und „The Changeling“ werden da ebenso bemüht wie „Der Exorzist“ oder „The Entity“ (mit der Besetzung von Barbara Hershey sogar als Zitat auf zwei Beinen), wobei zu vermuten ist, dass sich der Film einer Verortung seiner unoriginellen Horrorbilder angesichts bierernster Reproduktion aller erdenklichen Genreklischees und einer leicht befremdlichen Hartnäckigkeit in der Nachstellung sattsam bekannter Gruselstandards eher entziehen möchte. Aber „Saw“ wiederum empfand sich selbst ja auch schon als erfinderisch und klug im Wiederkäuen abgestandener 90er-Jahre-Psychothriller.

„Insidious“ (heimtückisch) beginnt, wie fast alle Spukhausfilme beginnen: schönes Anwesen, entzückende Familie, blanker Terror. Mit merkwürdigen Geräuschen und unerklärlichen Erscheinungen kündigt sich Unheil an, ehe die Geister auch schon munter durchs Wohnzimmer spazieren. Das mit dem Traumhaus hatten sich Josh (Patrick Wilson) und seine Frau Renai (Rose Byrne) gewiss anders vorgestellt, und als dann noch ihr ältester Sohn ins Koma fällt, ziehen sie und ihre drei Kinder gleich schnurstracks wieder aus.

Insidious - Grusel im KinderzimmerEin weiteres Video

Geh nichts ins Licht!

Doch auch im neuen Vororthäuschen wollen die paranormalen Aktivitäten nicht ablassen von der jungen Familie. Eine Teufelsfratze aus dem Jenseits hat es offenbar auf ihren komatösen Sohn abgesehen. Wie ein rasch bestelltes Medium (Lin Shaye, zu Ehren von Zelda Rubinstein) feststellt, trägt das Haus keine Schuld am Spuk, denn: „It's the boy that's haunted!“ (das darf wohl als postmoderner Kniff verstanden werden). Ob nun verfluchtes Haus oder verfluchter Junge, an den Gesetzmäßigkeiten des Genres ändert sich freilich nichts. Also müssen sich zum Kontakt ins Jenseits doch wieder alle Händchen haltend um den Tisch herum versammeln, und dann geht’s ans Exorzieren.

Dutzendfach gesehenes Geistergetöse, frei von Akzenten und frischem Wind. Interessant höchstens für Genre-Neueinsteiger.Fazit lesen

Die bessere erste Hälfte fährt einige ausgespielte Gruselmomente auf. Wer anfällig ist für blitzschnelle Schocks, darf hier mehrmals heftig zusammenzucken. James Wan weiß, dass unzuverlässiges Erzählen effektivem Horror sehr zuträglich ist, genauso wie er auf schrille Soundeffekte und psychedelische Klangfetzen setzt, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Mit dem Schauplatzwechsel im zweiten Teil des Films muss sich das Mindestmaß formalen Könnens allerdings schnell einer lautstarken Überbietungsmethodik fügen, wie man sie von Wan leider schon gewohnt ist.

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Leider kann der Rest des Films nicht mithalten.
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Der anfänglich subtile Horror wird gnadenlos breitgetreten. Generisches Grauen erlangt plötzlich eine konkrete Form, und unheilvoller Grusel wandelt sich zum überwindbaren Schrecken. Der Zwang zur Kohärenz, zum Ausbuchstabieren und vollständigen Erklären des Horrors zwingt den Zuschauer vom unbehaglichen Schaudern in langweilige Sicherheit. In der zweiten Hälfte haut Wan dann richtig auf die Kacke: Statt Akzente setzt er auf Geister im Überfluss, Ausflüge ins Zwischenreich und dröhnende In-Your-Face-Effekte.

So motiviert man den Zuschauer allerdings nicht für eine Gespenstergeschichte, wenn deren übernatürliches Grauen doch sowieso per se nicht (be-)greifbar ist, also bestenfalls skizziert, nicht ausgemalt werden kann. Spätestens im überfrachteten Finale, wo die zuvor noch grob umrissenen Geisterfratzen permanent ins Close-up-Bild grinsen, während Papa auf Rettungsmission im Jenseits seinen Sohn sucht (die verbliebenen zwei Kinder kippen übrigens irgendwann einfach aus der Handlung), verspielt „Insidious“ seine anfänglichen Stärken für den üblichen Larifari-, Wischiwaschi- und Quatschiquatschi-Murks des gegenwärtigen Mainstream-Horrorfilms.