Die Arbeiten der Gebrüder Joel und Ethan Coen sind immer dann am stärksten, wenn ihr ausdauerndes filmemacherischeres Gewitzel persönliche Färbung erhält. Mit „Inside Llewyn Davis“ gönnen sie sich nun eine nostalgische Reise zurück ins New York der frühen 60er-Jahre, als das Folk-Revival seinem Höhepunkt entgegensteuerte. Ein intimer, melancholischer, herzensguter Coen-Film, in dem es einmal nicht nur um den ganz großen Ulk geht.

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„Please Mister Kennedy“

„Was nie neu war und nie alt wird, das nennt man einen Folksong“, predigt Llewyn Davis (Oscar Isaac) seinem Publikum im legendären Gaslight Cafe, das er jeden Abend für einen mickrigen Trinkgeldlohn bespielt. Seit sein einstiger Duettpartner sich das Leben nahm, schlägt Llewyn sich im Jahr 1961 erfolglos als Solokünstler durch die Musikszene der Stadt. Eine Wohnung hat er nicht, Schlafmöglichkeiten erschnorrt er sich spontan – und viele seiner Freunde sind dessen überdrüssig.

Inside Llewyn Davis - Was nie neu war und nie alt wird, das nennt man einen Coen-Film

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„Was nie neu war und nie alt wird, das nennt man einen Folksong.“
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Insbesondere Jane (Carey Mulligan), die ihn mit ihrem Freund Jim (Justin Timberlake) über Gebühr unterstützt, zeigt sich von Llewyns Lebemenschmeriten längst nur noch genervt. Eine ungewollte Schwangerschaft, bei der sie ausgerechnet ihn als möglichen Vater in Betracht zieht, erschwert das Verhältnis zusätzlich. Llewyn muss sich entscheiden, ob der Traum vom Musikerleben mit der sozialen Realität vereinbar ist. Ein Vorsingen in Chicago soll endlich die erhoffte Wende bringen.

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Die Fahrt dorthin ist vielleicht noch das Coen-typischste an „Inside Llewyn Davis“, so sich der ihnen eigene Humor in diesem, wenn überhaupt, von sanft-lakonischem Witz bestimmten Film hier am deutlichsten Bahn bricht. Die episodische Struktur aber erlaubt entsprechende Intermezzi: Llewyns Chicago-Escort mit dem heruntergewirtschafteten Roland Turner (John Goodman) und dessen wortkargem Fahrer Johnny Five (Garrett Hedlund) ist Bruchstelle und Schlüsselszene des Films zugleich.

„Folksongs? Ich dachte, du seiest Musiker”, konfrontiert der mürrische Roland den tragikomischen Helden nicht nur mit Blick auf dessen berufliche Perspektive, sondern auch auf die hochkulturelle Abschätzigkeit gegenüber zeitgenössischen Folk-Idolen wie Burl Ives, Bob Dylan oder Joan Baez. In dieser Mitfahrgelegenheitsbegegnung finden nicht nur bewährte Coen-Karikaturen und -Dialoge zusammen, sondern wird auch tatsächlich etwas über die Themen des Films vermittelt.

Warmherzig und melancholisch – die Coens einmal mehr von ihrer persönlichsten Seite. Inside Llewyn Davis bedeutet auch Inside The Coen Brothers.Fazit lesen

Und ein großes Thema von „Inside Llewyn Davis“ ist, natürlich, die Musik. Der Soundtrack speist sich vorwiegend aus Neuinterpretationen eingängiger Folk-Klassiker wie „Drink’s Song“ oder „500 Miles“, die unter anderem von Produzent T Bone Burnett (Oscar für „Crazy Heart“) und „Mumford & Sons“-Frontmann Marcus Mumford arrangiert wurden. Die Schauspieler singen dabei alle im Film performten Songs live, was bei Justin Timberlake vielleicht weniger, bei Oscar Isaac und den Co-Stars aber umso mehr überraschen mag.

Der Vergleich zur musikalischen Ehrerbietung „O Brother, Where Art Thou?“, mit dem sich die Coen-Brüder auf Blues-Odyssee durchs Mississippi der 30er-Jahre begaben, liegt da natürlich nahe. Und in gewisser Hinsicht bilden die Filme auch tatsächlich ein Doppel: Durch die dramaturgische Rhythmisierung über die Songs, durch die wiederholte Zusammenarbeit mit T Bone Burnett, durch John Goodman in einer vergleichbar wichtigen Nebenrolle oder auch durch eine von starkem Colorgrading geprägte Ästhetik.

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Die schönste Szene des Films. Eine Neuinterpretation von „Please Mister Kennedy“.
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Aus dem Innern der Coens

Drängte sich bei der Südstaatengroteske jedoch der postmoderne Jux aus Homer-Hommage und filmhistorischer Spielerei (nicht nur der Titel etwa war ein überdeutlicher Verweis auf Preston Sturges’ Klassiker „Sullivans Reisen“) noch etwas zu sehr in den Vordergrund, schöpft „Inside Llewyn Davis“ seine Kraft vor allem aus sich selbst, ja, tatsächlich aus dem „Innern“ der Titelfigur. Und liegt in seiner charakterbetonten Schwermütigkeit letztlich dann doch viel näher an „A Serious Man“ als an „O Brother, Where Art Thou?“.

In der anekdotischen Komödie präsentiere sich das Regiegespann 2009 von einer ungewohnt persönlichen Seite, indem es mit Blick auf die eigene Jugend erstmals einen biographisch-historischen Standpunkt einnahm. „Inside Llewyn Davis“ knüpft dort mit seinen zeitgenössischen, subjektiv gefärbten Bildern an. Das New York dieses Films scheint ganz der eigenen Erinnerung entsprungen, als die Coens im gleichen Alter wie die Titelfigur dort ihre Studentenzeit verbrachten.

Gegenüber früheren, ja durchaus ebenso von Outcast-Gestalten und Loser-Typen bevölkerten Coen-Filmen erzählen die Brüder hier indes eine beinahe klassische Außenseitergeschichte. Die rührend-hilflosen Versuche von Llewyn Davis, sich musikalisch, beruflich und persönlich selbst zu verwirklichen, werben nicht um irrwitziges Gekicher, sondern interessierte Anteilnahme. Lediglich vereinzelt treten sie hier noch auf, die ausschließlich skurrilen Figuren, die nur als Gag über sich selbst taugen.

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Zum Haare raufen: Erfolg will sich bei Musiker Llewyn Davis (Oscar Isaac) nicht einstellen, aber zumindest Kater Ulysses spendet Trost.
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Entsprechend stark ist der Film auf seinen Hauptdarsteller Oscar Isaac angewiesen, der bereits in „Drive“ neben Carey Mulligan zu sehen war und durch die Rolle des mittellosen Folkmusikers nun erstmals aus der zweiten Schauspielreihe hervortritt. Er interpretiert Llewyn Davis wunderbar zurückhaltend, introvertiert, über die Songs kommunizierend – und die Coen-Brüder versäumen es glücklicherweise auch nicht, boshafte Facetten dieser allzu schnell romantisierbaren Figur zu zeigen.

Denn schließlich gibt es im Kino nur wenig Schlimmeres als einen Film, dessen Hauptfigur es gleich so gut mit allem meint, dass er das Publikum aus Angst vor einem eigenen Urteil mit Zuckerwatte mästen muss. Weil „Inside Llewyn Davis“ sich, vor allem für Coen-Verhältnisse, durchaus in die Gefahrenzone von Indie-Feelgood-Kino begibt, ist es letztlich umso schöner, wenn er seine Figuren einfach Figuren sein lässt. Und nur so sehr in diesen Llewyn Davis hineinblickt, wie seine Songs das auch gestatten.