Schwer zu glauben, wenn auch nicht unmöglich: Dass irgendwelche pubertären Jungs sich heute noch voller Begeisterung den Kriegsfilmklassiker „Patton“ (1970) ansehen. Um die Strategien des berüchtigten US-Generals für eigene Kriegsspiele zu adaptieren, draußen im Wald, mit Holzfeuerwaffen und Blutbeutelchen. Die Coming-of-Age-Parabel „I Declare War“ erzählt von kampfverliebten Lausbuben, die ein gehöriges Kommunikationsproblem haben.

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Ich will doch nur spielen

Wenn der 12-jährige PK (Gage Munroe) sich also nicht gerade mit seinem besten Freund Kwon (Siam Yu) ins filmische Patton-Studium schmeißt, organisiert er unter gleichaltrigen Schulfreunden Kriegsspiele. Geschossen wird unter anderem mit Baumästen und Steinschleudern, die in der kämpferischen Vorstellungskraft der Kids zu Bazookas und Armbrüsten mutieren. Den „Tod“ bringen hingegen einzig „Granaten“, mit einfacher roter Farbe gefüllte Wasserbomben.

I Declare War - Kriegsspaß nach Schulschluss

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„Patton“ in Dauerschleife reichte dem 12-jährigen PK (Gage Munroe) nicht mehr, deshalb hat er ein ungleich lebendigeres Kriegsspiel ins Leben gerufen.
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Wer getroffen wird, muss blutübersät den Nachhauseweg antreten – und sich wieder mit Spielkonsolen oder womöglich sogar noch Schulaufgaben beschäftigen. Umso ernster nehmen die Jungs ihr Freizeitprojekt, umso erbitterter gilt es die Flagge des gegnerischen Teams zu holen. Trotz festen Regelwerks schrecken sie dabei weder vor Tricks noch zunehmend tatsächlicher Brutalität zurück. Und man ahnt schnell, worauf der Film hinaus will.

Für PK’s Gegner Skinner (Michael Friend) zumindest sei das Spiel längst zu einer Bewährungsprobe geworden, die nicht nur über seinen Status auf dem Schulhof, sondern auch im Leben und für die Zukunft entscheiden würde. Seinem „Kriegsgefangenen“ Kwon droht er daher mit Folter, um die feindliche Basisstation ausfindig zu machen. Und in der eigentlich spielerischen Dynamik verliert Skinner immer mehr das Maß für simulierte und wirkliche Gewalt.

Man kann „I Declare War“ anlasten, dass er 90 Minuten für eine Botschaft veranschlagt, die sich eigentlich bereits in der Vortitelsequenz vollständig abzeichnet (zusammengeklebte Stöcke wandeln sich nach einem Schnitt zu scheinbar realen Waffen, die nicht nur gespielte Brutalität vorausdeuten). Man kann diesen Entwurf eskalierender jugendlicher Gewalt aber auch erst einmal als das nehmen, was er ist: Eine neu aufgelegte Mischung aus William Goldings „Herr der Fliegen“ und Louis Pergauds „Krieg der Knöpfe“.

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Ein Blick zur vierten Wand: Kwon (Siam Yu) erfährt am eigenen Leib, was verschobene Grenzen zwischen Spiel und Ernst bedeuten.
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Kriegsspaß nach Schulschluss

Eine Parabel braucht kein Understatement, keine weitere Verschleierung dessen, was sie zu vermitteln sucht, ja, nicht einmal Subtilität braucht sie. Stattdessen ist es eher eine Stärke dieses Films, dass sein erwartbarer Ereignisverlauf das Augenmerk nicht auf Plotentwicklung und dramaturgisches Gezeter lenkt, sondern sich für viel interessantere Fragen öffnet: Wer diese Kinder eigentlich sind, in welcher Beziehung sie zueinander stehen, was da wohl in ihnen vorgehen mag.

Kinder, die sich den Krieg erklären – ein Herr der Fliegen 2.0 als sowohl erschreckender wie auch einfühlsamer Jugendfilm. Sehenswert.Fazit lesen

Und wie „I Declare War“ in vielen schönen Momenten sanft herausarbeitet (ohne es gleich erschöpfend ausformulieren zu müssen), folgt dieses „spielerische“ Kriegsszenario sowohl einer kindlichen als auch sehr emotionalen Logik. Es muss, wenn auch in fragwürdiger Form, Missgunst, Freundschaftsaufkündung oder heimliche Liebelei kompensieren, und es legt dabei schlussendlich die eigentlichen Sensibilitäten der Kinder frei. Sie möchten miteinander sprechen und können doch nur schießen.

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In der kindlichen Vorstellungskraft verwandeln sich simple Holzwaffen zu tatsächlichen Geschossen.
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Jessica (Mackenzie Munro) etwa, das einzige Mädchen der Truppe, sucht über ihre Teilnahme am Kriegsspaß nach Schulschluss die Nähe zu einem Mitspieler, gerät aber auch in einen gewaltsamen Konflikt mit ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Figur, die wohl nicht von ungefähr an Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ erinnert, gemahnt die umherballernden Jungen implizit auch daran, sich vielleicht lieber einmal mit dem eigenen sexuellen Erwachen statt einfallsreicher Kriegsimitation zu beschäftigen.

Diese Imitation, das Herunterbrechen organisierten Tötens auf ein lustvolles Spiel der Gemeinheiten, übersetzen die beiden Filmemacher Jason Lapeyre und Robert Wilson in Bilder, die sich ganz der Vorstellungskraft ihrer Protagonisten verschreiben. Nicht immer ist die visuelle Grenze zwischen imaginierter und tatsächlicher Gewalt dabei klar abgesteckt, was diese Bilder kindlicher Zerstörungswut manches Mal schwer erträglich, aber auch ungemein ausdrucksstark macht.