Der erste Teil von Human Centipede erschien letztes Jahr von dem mittlerweile in Insolvenz gegangenen Label Infopictures – und das auch nur in gekürzter Form. Den zweiten Teil wollte man gar nicht mehr bringen, was wohl auch damit zusammenhing, dass er deutlich härter und widerlicher ist, so dass vom letzten Drittel nach Ansetzen der Schere wohl nicht viel übrig geblieben wäre.

Nun veröffentlicht das weithin unbekannte Label Sensibel Pictures den Film am 12. Juli als hochpreisiges Mediabook, das DVD und Blu-ray beinhaltet. Ob man sich den Film ins heimische Regal stellen will, sollte man sich jedoch gut überlegen. Gegen diesen zweiten Teil ist das Original die reinste Gutenachtgeschichte!

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Der Mittvierziger Martin ist ein untersetzter, asthmatischer, geistig nicht ganz normaler Mann, der von seinem Vater einst missbraucht und von seiner Mutter gehasst wurde. Er arbeitet als Nachtwächter in einem Londoner Parkhaus und hat eigentlich nur eine Freude im Leben: den Film „The Human Centipede“ von Tom Six.

Martin liebt diesen Film nicht nur, er vergöttert ihn und träumt davon, selbst einen menschlichen Tausendfüßler zu erschaffen. Mit Träumen will er sich nicht länger abgeben, weswegen er im Parkhaus auf Jagd geht. Er attackiert und schlägt Menschen nieder, die das Pech haben, ihm über den Weg zu laufen. Danach bringt er sie in ein abgelegenes Lagerhaus. Als er zehn Opfer parat hat, macht sich Martin daran, den größten menschlichen Tausendfüßler der Welt zu erschaffen – mit fatalen Folgen für jene, die Teil des Tausendfüßlers werden sollen.

Realität und Fiktion

Wenn man Tom Six‘ Film etwas zugutehalten will, dann den Umstand, dass er mit der Wechselwirkung von Realität und Fiktion spielt. Er liefert mit seinem Film im Grunde ein Plädoyer für all jene, die der Meinung sind, mit Indizierungen und Beschlagnahmen könnte man die Welt zu einem sichereren Ort machen. Denn labile Gemüter könnten sich von perversen Filmen inspiriert fühlen.

Human Centipede 2 - Debüt Trailer

So und nicht anders verläuft es in „The Human Centipede 2“, den Six im Kontrast zum Erstling in Schwarzweiß gedreht hat. Man könnte meinen, das würde dem Streifen etwas Arthouse-Feeling bescheren, dem ist jedoch nicht so. Den desensibilisierenden Ansatz des Schwarzweißen nutzt Six, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Was im ersten Film nur angedeutet wird, wird hier in aller Ausführlichkeit zelebriert. Genau darin liegt das immense Problem des Films.

Den Ekelfaktor hochschrauben

Im letzten Drittel des Films wird kaum noch gesprochen. Stattdessen zeigt Six minutiös, wie Martin mit den Utensilien des Werkzeugkastens als Chirurg der groben Kehle loslegt und seine Opfer verstümmelt, um sie Anus an Mund miteinander verbinden zu können. Was im ersten Teil gnädigerweise nicht gezeigt wurde, nimmt hier nun den Löwenanteil des letzten Drittels ein. Was gezeigt wird, ist unangenehm, eklig, widerlich – nichts, was man als spaßige Unterhaltung verstehen würde. Sofern man nicht ein Typ wie Martin ist.

Das ist einerseits bedrückend, weil es immens brutal ist, andererseits erschreckend, weil die Hauptfigur nicht wirklich bösartig erscheint. Vielmehr hat man es mit einem geistig zurückgebliebenen Täter zu tun, der das bisschen Verstand, das er besitzt, einzig und allein der Lösung einer Aufgabe verschrieben hat. Das macht Martin zur tragischen Figur, den Film rettet es aber auch nicht.

Unangenehm, pervers, brutal, eklig – kein Film, sondern eine Tortur für den Zuschauer.Fazit lesen

Das gelingt noch nicht mal dem zuvor nicht in Erscheinung getretenem Schauspieler Laurence R. Harvey, der mit seinem unförmigen Körper und den herausquellenden Glubschaugen wahrlich keinen Schönheitspreis gewinnt, aber eine Intensität an den Tag legt, die Gänsehaut erzeugt. Er spricht nicht, er grimassiert und grunzt, wobei die fehlende Empathie seiner Figur das ist, was sie so beängstigend macht. Er ist zu unglaublich grausamen Taten fähig, die ihn nicht weiter tangieren. Hauptsache, sein Ziel wird erreicht.

Und dieses Ziel besteht im Grunde nur daraus, miterleben zu wollen, wie es abläuft, wenn der aus zehn Menschen bestehende Tausendfüßler gefüttert wird und die Nahrung bzw. die Exkremente von einem Körper zum nächsten weitergeschleust werden. Ja, das ist so widerlich, wie es klingt!

Keine Handlung, keine Charakterentwicklung

Eine Geschichte im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Im Grunde sieht man nur zu, wie 90 Minuten eine grausame Straftat geplant und dann durchgeführt wird. Spannung gibt es nicht, die Erzeugung von Atmosphäre auch nicht. Einzig und allein der Ekel soll und muss „The Human Centipede 2“ vorantreiben. Wenn man das als sein Ziel ansieht, so hat er es erreicht. Six bietet hier Bilder und Sequenzen, die selbst hartgesottene Genre-Fans dazu treiben, den Blick abzuwenden.

Immer dann, wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, setzt Six noch einen drauf. Das, was er als Charakterentwicklung ansehen mag, ist eine Plattitüde, macht er seinen Täter doch zu einem Opfer sexueller Gewalt, was wohl erklären soll, warum er so derangiert ist und tut, was er tut. Es ist geradeso, als würde Six nach einer Entschuldigung für seine Hauptfigur suchen.