Seit einigen Wochen spekulieren Medien und Politpessimisten über die Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkrieges. Von einer Neuauflage des Ost-West-Konflikts ist da die Rede, geopolitische Bedrohungsszenarien durchmischen sich mit Verschwörungstheorien. Die dystopische Romanze „How I Live Now“ handelt nun tatsächlich vom Ausbruch eines Atomkrieges, der im Kinozeitalter von „Twilight“ natürlich nicht ohne Teenagerliebe erzählt werden darf.

How I Live Now - Official Trailer #1

Am Vorabend des Dritten Weltkrieges

Womit bereits das zentrale Problem des eigentlich nicht uninteressanten Films umschrieben wäre: Die Liebesgeschichte zwischen der US-amerikanischen Großstadtzicke Daisy (Saoirse Ronan) und dem britischen Landei Eddie (George MacKay) schielt allzu sehr nach neueren Young-Adult-Konventionen, um noch die Ernsthaftigkeit des Stoffes wahren zu können. Ob die Vorlage, Meg Rosoffs Debütroman „So lebe ich jetzt“, diesen Spagat besser hinbekommt, kann ich leider nicht beurteilen.

How I Live Now - Bis(s) zum Dritten Weltkrieg

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Von einer US-Metropole in die englische Provinz: Daisy (Saoirse Ronan) hat die Nase voll von ihrer Familie.
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„How I Live Now“ beginnt allerdings vielversprechend. Die angstgesteuerte Daisy soll den Sommer in England verbringen, ist jedoch wenig begeistert vom ländlichen Exil ihrer Tante und Cousins. Zögerlich lässt sie sich auf die Abenteuer ihrer angeheirateten Verwandten ein und wirft dabei vor allem ein Auge auf Eddie. Man ahnt allerdings schon, dass das unbeschwerte Herumtollen und Marshmallow-Grillen bald ein jähes Ende finden wird.

Lediglich kleine Details geben preis, dass der Film offenbar in einer nicht allzu fernen Zukunft vor dem Hintergrund eines bedrohlichen politischen Klimas spielt. Verschärfte Flughafenkontrollen und starke Militärpräsenz verkünden bereits während der Eingangssequenz kommendes Unheil. Ein Wiesenausflug der Teenager wird buchstäblich von einem Ascheregen überschattet – der Strom im Haus fällt aus, sämtliche Verbindungen zur Außenwelt sind gekappt.

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Schlagartig erscheint das Militär auf der Bildfläche und reißt die Familie auseinander.
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Dann geht alles ganz schnell. Das schießwütige Militär rückt an und erklärt den Landstrich zum Feindesgebiet. Wasserquellen seien vollständig kontaminiert, die Nation im Ausnahmezustand. Ein Atomschlag scheint zum Ausbruch des Dritten Weltkrieges geführt zu haben, die Gruppe wird sofort in Mädchen und Jungen getrennt. Daisy schlägt ein Ausreiseangebot ab und kommt mit Piper (Harley Bird) in einer Pflegefamilie unter.

Eddie und sein Bruder werden offenbar eingezogen, über ihren Verbleib kann Daisy aber nur mutmaßen. Das in romantischen Coming-of-Age-Bildern schwelgende erste Drittel weicht schlagartig apokalyptischem Schrecken, durchaus mit einigen Härten und unmissverständlichen Dialogen, die es in einer vergleichbaren US-Produktion schon allein aus Zielgruppenbedenken so wohl kaum zu sehen und hören geben würde.

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Die Liebe zu Eddie (George MacKay) schenkt Daisy Kraft, aber der Film leidet unter seinen unausgegorenen romantischen Einschüben.
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Atomare Gefühlsduselei

Der radikale Tonwechsel verfehlt nicht seine Wirkung. Aus gutem Grund bleiben Ursprung und politischer Zusammenhang des schauerlichen Szenarios weitgehend unkonkret, über die Akteure und Gründe des Konflikts erfährt man nichts. „How I Live Now“ nimmt konsequent die Perspektive seiner adoleszenten Figuren ein und umgeht damit jegliche Erklärungsmuster. Der Krieg selbst bleibt eine unbekannte Größe, was dem Film zweifelsohne zum Vorteil gereicht.

Leider bricht das verheißungsvolle Konstrukt zunehmend auseinander. Daisys verzweifelte Suche nach Eddie hat längst nicht den dramatischen Effekt, den sich der Film augenscheinlich verspricht. Die Liebesgeschichte ist ein denkbar ungeeigneter Motor des weiteren Handlungsverlaufs, weil Regisseur Kevin Macdonald sich zuvor kaum Zeit nahm, sie einigermaßen mit Leben zu füllen. Oder so auszukosten, als stünde nun wirklich etwas auf dem Spiel.

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Einige Härten, wie sie in einer auf Jugendliche zugeschnittenen US-Produktion eher unwahrscheinlich wären. Auch hier bleibt „How I Live Now“ aber unentschieden.
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Tatsächlich fragt man sich, ob es sich hierbei angesichts der kurzen gemeinsamen Zeit der beiden überhaupt um eine Liebe handeln kann. Und ob die Wohlstandsgöre aus Amerika nicht vielmehr einer emotionalen Projektion auf den Leim geht. Im gefühlsduseligen Schlussakt zumindest sackt der Film endgültig in sich zusammen. Und der Verzicht einer politischen Grundierung des Stoffes rächt sich dann doch noch insofern, als diese Geschichte vom Dritten Weltkrieg nicht über eine naive Jugendschwärmerei hinausgeht.

Wahrlich kein uninteressanter Film, aber die Oberflächlichkeit des Themas enttäuscht. Und als dystopische Romanze eignet er sich nur bedingt.Fazit lesen

Zahllose Ideen verlaufen schließlich im Sande, Wesentliches bleibt unaufgelöst: Eddies eingangs angedeutete Fähigkeit zum Gedankenlesen spielt überhaupt keine Rolle mehr, Daisys Zwangsverhalten und ihre Stimmen im Kopf (mit denen immerhin die Anfangstitel ausschmückt wurden) verflüchtigen sich offenbar von allein. Stattdessen muss auf den letzten Metern ein ganz plötzlicher Voice-Over Informationen nachreichen, die der Film anderweitig zu vermitteln versäumt hat.