Daniel Radcliffe und Eljiah Wood teilen ein ähnliches Schicksal: Harry und Frodo sind so stark mit ihren Gesichtern verbunden, dass die Karriere danach, sofern man denn nicht in aufgedunsenen B-Nebenrollen enden möchte, eigentlich nur Kontrastprogramm fahren kann. In Genrefilmen. Die bei Wood zum Beispiel „Maniac“ oder „Open windows“ heißen, und bei Radcliffe „Die Frau in Schwarz“...oder eben „Horns“.

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Teufelszeug

Horror statt Mainstream, dubiose Antihelden statt niedliche Plüschfiguren. Daniel Radcliffe spielt in „Horns“ eine Art Emo-Posterboy namens Ig Perrish, der für die Ermordung seiner Freundin (Juno Temple) verantwortlich gemacht wird. Aus lauter Gram wachsen ihm auf einmal Hörner, die die spannende Nebenwirkung haben, Leuten ihre dunkelsten Geheimnisse zu entlocken. Eine Mutter gesteht, ihr schreiendes Baby am liebsten verdreschen zu wollen, ein Arzt schluckt gerne seine eigenen Pillen und geifernde Reporter zetteln bereitwillig eine Massenschlägerei an.

Horns - Harry, fahr schon mal die Hörner aus!

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Zwischen Rock'n'Roll und „Twilight“-Schick – der Schlangenschal aus der „Harry Potter wird erwachsen“ Kollektion.
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Genauso wie Ig diese neugewonnene Macht über seine Mitmenschen zur Lösung des Mordfalls einsetzt, verwandelt er sich immer mehr in einen „richtigen“ Teufel, komplett mit Schlangenarmee und Dreizack. Der Film beginnt als kuriose Mischung aus Mysterythriller, Drama und Komödie, und gerät spätestens im dritten Akt in deftige Horrorbahnen – bis dann am Ende tränenreiches Pathos aufzieht. Fürwahr, echtes „Teufelszeug“, ganz im Sinne der literarischen Vorlage von Joe Hill, dem (unter Pseudonym schreibenden) Sohn von Stephen King.

Are you horny?

Vater wie Sohn beschäftigen sich mit dem gewöhnlichen amerikanischen Alltag in idyllisch gelegenen Kleinstädten. Irgendwann bricht das Übernatürliche herein, was die Bewohner der idyllisch gelegenen Kleinstädte zu spannenden Brüchen mit ihrem Alltag treibt. In „Horns“ sind das einerseits die überraschenden Geständnisse dunkler Geheimnisse, die schließlich auf die Spur des wahren Mörders führen, aber dann auch wiederholte Stimmungsbrüche Richtung Humor. Gleich in der ersten Szene fällt die unvermeidliche Frage „are you horny?“ und irgendwann dürfen sogar zwei polizeiliche Kollegen ihre homosexuelle Zuneigung gestehen.

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Pleased to meet you. Hope you guess my name.
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Mit ziemlicher Sicherheit hätte sich Stephen King solche eher doofen Grätschen verkniffen, doch Joe Hill setzt bewusster auf Brüche als es dem Film als Ganzes gut tun könnte. Diese Genrewechsel muten manchmal an wie Outtakes aus „Twin Peaks“, und die dazu passende Liebesgeschichte zwischen Ig und der Toten, die in Rückblenden eingeschoben wird, riecht gefährlich streng nach „Twilight“ - auch durch die regionale Nähe der jeweiligen Locations. Von dichten Wäldern und nebelverhangenen Tälern geht einfach eine atmosphärische Tiefe aus, die dem Drehbuch peinvolle Arbeit erspart.

Brutaler Seelenschmerz

Der grundsätzliche Ansatz von „Horns“ ist sicherlich spannend, weil straighte Genrefilme so sehr zur Tugend erklärt wurden, dass es schon fast ein wenig langweilig werden kann, mit all den grimmigen Slashern und so. Um hier allerdings eine richtige Wirkung zu erzielen, die den feinen Unterschied zwischen „überraschend“ und „forciert“ ausmacht, bedürfte es sowohl eines anderen Autors als auch eines anderen Regisseurs. Alexandre Aja ist bekannt als Mann fürs Brachial-Grobe, siehe zum Beispiel „High Tension“ oder „“Piranha 3D“, aber wenn er wie hier auch Gefühle vermitteln soll, bekommen die schicken Oberflächen seiner Bilder schnell unbeholfene Hohlräume.

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Kopfhörer und Gefuchtel – muss der Regisseur, Alexandra Aja, sein.
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Der Mann fährt in jedem seiner Filme auf einer mechanisch nach vorne rumpelnden Autobahn, die sich vorwiegend darauf beschränkt, zwei Haken bei „schöne Bilder“ und „viel Blut“ zu setzen. Natürlich, auch das ist Genre, aber eben nicht nur – und selbst gorige Ausbrüche, die hier ebenfalls anwesend sind, brauchen im besten Fall eine gewisse Motivation. Die sich ein Film verdienen muss. Indem er zum Beispiel interessante Charaktere aufbaut, mysteriöse Spannung erzeugt oder eben der Liebesgeschichte eine greifbare, nachvollziehbare Tiefe verleiht.

Bei „Horns“ jedoch ist diese Geschichte sülziger „Twilight“-Quatsch, der furchtbar gestelzt und übertrieben die „young adult“-Meute einkassieren möchte. Die mysteriöse Spannung stellt sich höchstens bei denjenigen ein, die in ihrem Leben weniger als fünf Thriller gesehen haben. Und die Charaktere sind einem allesamt herzlich egal, mit der löblichen Ausnahme von Ig alias Daniel Radcliffe, der hier erneut beweist, auch jenseits von Nickelbrille und Zauberstab wirkliches Können in sich zu tragen. Seine Person, und ebenso das grundlegende inhaltliche Konzept lassen „Horns“ gerade noch so über der Durchschnittslatte kreuchen. Ein klarer Fall von fehlgeleiteter Personalpolitik, leider.