Im berühmtesten Filmgespräch aller Zeiten stellte François Truffaut dem Master of Suspense die alles entscheidende Frage: „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ Wenn man nun diesem Film glauben darf, dann würde die Antwort darauf wohl lauten: Nun ja, irgendwie halt. Was offenbar als heitere Filmkomödie gedacht war, ist vor allem die Denunzierung eines Großmeisters – und eine Ansammlung von Unwahrheiten.

Frei erfundenes Melodrama

„Hitchcock“ konzentriert sich auf die Dreharbeiten zum Klassiker „Psycho“ sowie die Beziehung zwischen Alfred Hitchcock und seiner Ehefrau Alma Reville. Aus einem kuriosen Grund beginnt der Film – sich offenbar selbst motivierend – mit der Fragestellung, wie es denn nun mit Hitchcocks Karriere weitergehen solle. Schließlich sei er in einem fortgeschrittenen Alter und könne den Erfolg von „Der unsichtbare Dritte“ (1959) ja ohnehin nicht mehr übertreffen.

Ausgehend von dieser faktisch und filmhistorisch vollkommen absonderlichen Interpretation eines angeblichen Karrieretiefpunkts konstruiert das Biopic fortan eine von künstlerischen und privaten Krisen gebeutelte Lebensphase der Titelfigur. Zweifellos ist die Entstehungsgeschichte von „Psycho“ interessant, nie aber war es eine sonderlich herausragende oder für ihre eventuellen Katastrophen berüchtigte, im Gegensatz etwa zu jener von „Die Vögel“ oder „Marnie“.

Noch dazu dürfte es besonders Hitchcock-Experten überraschen, dass sich an „Psycho“ der gesamte Fortgang des Berufs- und Privatlebens des Meisterregisseurs entschieden haben soll. Zu den (im Detail korrekt wiedergegebenen) Schwierigkeiten, den Film finanzieren, drehen und vertreiben zu können, dichtet „Hitchcock“ dem von Anthony Hopkins gespielten Regisseur ein weitgehend erfundenes Melodram an, in dessen Mittelpunkt seine Beziehung zur gutmütterlichen Ehefrau Alma steht.

Hitchcock - Hannibal Lecter im Fatsuit

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Alfred Hitchcock und Alma Reville am Schneidetisch von Psycho
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Die Sekundärliteratur beschrieb Alma Reville stets als stillen Motor in Hitchcocks Leben, als künstlerische Kraft im Hintergrund und engste Vertraute in Arbeitsentscheidungen. Die Alma Reville jedoch, die hier von Helen Mirren dargestellt wird, ist das absolute Gegenteil einer solchen Vorstellung: Keck, launisch und immer die richtige Punchline auf den Lippen, kommandiert sie Hitchcock herum, droht ihm fremd zu gehen und rettet am Ende sogar die „Psycho“-Duschszene im Schneideraum.

Wie man solchen Unsinn als Kinoliebhaber ertragen soll, sagt einem „Hitchcock“ nicht. Aber es kommt ohnehin noch viel schlimmer: Anthony Perkins (James D'Arcy) degradiert der Film zu einer Real-Life-Ausgabe von Norman Bates, die auch außerhalb der Dreharbeiten als gestörtes Muttersöhnchen auftritt; Vera Miles (Jessica Biel) wiederum übt sich in Psychoanalyse und erklärt Janet Leigh (Scarlett Johansson) die Parallelen zwischen Hitchcock und James Stewarts Figur aus „Vertigo“.

Hannibal Lecter im Fatsuit

Dass sich die Schauspieler am Set von „Psycho“ über Hitchcocks Vorliebe für umgestaltete Blondinen oder seine (vermutlich) sexlose Ehe auslassen, mutet wie ein schlechter Scherz an. Höhepunkt der Albernheiten: Hitchcock selbst begafft Vera Miles durch ein Guckloch in seinem Setbüro. Das alles ist weder witzig noch originell-doof, sondern vor allem peinlich. Und für eine bewusste Verulkung des Regisseurs fehlt dem Film die Konsequenz, so er ja doch auf Faktentreue abzielt und mit dem Ehedrama gar auf Sentiment setzt.

Entscheidend ist auch gar nicht, dass der Film bestimmte Eigenheiten, bekannte Neurosen und die ein oder andere besondere Macke Hitchcocks unentschieden komödiantisch vorführt, sondern wie er es tut. Die überwiegende Mehrheit der hier abgefeuerten lexikalischen Anekdoten und Einschätzungen wird nämlich vor allem mit der Schlauheit von heute präsentiert. Vieles, was wir über Hitchcock wissen, wurde erst von späteren Generationen erarbeitet.

Packshot zu HitchcockHitchcock

Dass der Film seine an eine schlechte Fernsehshow erinnernden Sketche also auch noch von einer Warte der Überlegenheit aus aufreiht, raubt ihm jeden Reiz. Eine altkluge Nummernrevue quasi, die es ja angesichts ihrer nachweislich falschen Tatsachen noch nicht einmal besser weiß. Und die dann zu allem Überdruss lediglich „Psycho“-Wikipedia- und Trivia-Wissen rezitiert: Die erste Klospülung der Filmgeschichte, die eigentlich ohne Musik geplante Duschszene und all die Marketing-Gimmicks zur Kinoaufführung – zum hundertsten Mal.

Hitchcock - Hannibal Lecter im Fatsuit

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Janet Leigh (Scarlett Johansson) zeigt Verständnis für Hitchcock.
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Hitchcock selbst, er wird im Film mal als notgeiler Hengst, mal als Gärtner mit Heckenschere dargestellt. Nie jedoch als Genie, Visionär oder wenigstens professioneller Handwerker, der er ohne Zweifel war. Anthony Hopkins spielt ihn als lebende Kalorienbombe mit Fatsuit und Gesichtsprothese, als halbsenilen Bock, der mitunter dem Wahnsinn Guten Tag sagt und regelmäßig vom Geist des verstorbenen Massenmörders Ed Gein träumt. Ein bizarres Trauerspiel.

Ein Film über Alfred Hitchcock und die Entstehung von Psycho, der weder das eine noch das andere verstanden hat und selbst als Komödie keine gute Figur macht.Fazit lesen

Man mag nach diesem Film eigentlich gar nicht glauben, dass es tatsächlich ein Meisterwerk wie „Psycho“ sein soll, dessen Entstehungsgeschichte „Hitchcock“ vorgibt zu zeigen. Dass es hier um die Produktion eines Films geht, der sein Genre transzendierte und für immer veränderte, der das Mainstream-Kino auf den Kopf stellte und eine neue, eine moderne Epoche des Films einläutete. Hitchcock hätte nie mehr an den Erfolg von „Psycho“ anknüpfen können, betont zum Schluss eine Texteinblendung. Die sonderbarste Filmgeschichtsumschreibung des Kinojahres.