Lieb gemeint, aber doch recht böse ist „Hail, Caesar!“ geraten, der neue Film der Gebrüder Coen. Und wider Erwarten – beziehungsweise anders als auch von manch einer Berlinale-Filmkritik hierzulande behauptet – ist er keine Hommage an das „Golden Age of Hollywood“ der 50er-Jahre. Eher bronzegelb und reichlich trist nämlich erscheinen hier die Versuche des klassischen US-Studiofilmsystems, seine einstige Ökonomie gegen den Wandel der Zeit zu verteidigen: Über biblische Epen oder frohgemute Musicals, hinter deren Kulissen das schmutzige Geschäft mit Star-Imagepflege und Kommunisten-Paranoia läuft.

Hail, Caesar! - Deutscher Trailer #2Ein weiteres Video

Wenn es bloß so einfach wäre

„Hail, Caesar!“, ein millionenschwerer Leinwandschinken von römischen Gnaden, soll die Jahresbilanz des fiktiven Studios Capitol Pictures retten. Es ist das Jahr 1951 und der Anfang vom Ende: Ein Gerichtsurteil, das sie zur Abgabe ihrer Kinoketten-Anteile zwang, hat die klassische Produktions- und Distributionsmaschine der alten Hollywood-Studios außer Kraft gesetzt, und mit dem Aufkommen des Fernsehens droht das Kino als magischer Zufluchtsort bewegter Bilder seine Monopolstellung zu verlieren. Von den absurden, doch schönen Bemühungen, dieser Entwicklung mithilfe schlicht noch größerer bewegter Bilder entgegenzusteuern, erzählen die Coen-Brüder mit lieblosem Spott.

„Wenn es bloß so einfach wäre“, lautet folglich der Schlüsselsatz des Films. Ein Regisseur, der den wohlklingenden Namen Laurence Laurentz (Ralph Fiennes) trägt, wiederholt ihn gebetsmühlenartig während seiner aussichtslosen Versuche, einem Western-Star (Alden Ehrenreich) schauspielerische Qualitäten abzuringen. Laurentz ist den vielen emigrierten europäischen Filmemachern nachempfunden, die künstlerischen Selbstanspruch und Hollywood-Bedingungen zu vereinbaren wussten. Herumschlagen muss er sich mit seinem mäßig talentierten Star auf Geheiß von Eddie Mannix (Josh Brolin), dem gnadenlos überforderten Produktionschef bei Capitol Pictures.

Hail, Caesar! - Neues von den Coen-Brüdern: viele Stars, wenig Interessantes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 5/81/8
Der Film erscheint am 18.02.2016 in den Kinos.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Eddie Mannix ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte und ein selbst in dramatischsten Situationen beherrscht auftretender Problemlöser. Er muss Baird Whitlock (George Clooney), den spurlos verschwundenen und in die kommunistischen Fänge eines – von Channing Tatum gespielten – Musicalstars geratenen Hauptdarsteller von „Hail, Caesar!“, ausfindig machen. Er muss sich um das uneheliche und damit aus PR-Sicht problematische Baby Studio-Diva DeeAnna Moran (Scarlett Johansson) kümmern. Und überdies muss er auch ein treuer Ehemann sein, der pünktlich zum Abendessen erscheint und seiner Frau zuliebe das Rauchen einstellt.

Selbstgefällige Nummernrevue

Gleichwohl in Coen-Filmen für gewöhnlich auch finsterste Gestalten noch mit Augenzwinkern markiert scheinen, kann man ihrem Zugriff auf diese letzte Hochphase des amerikanischen Studiokinos wahrlich keine verklärenden Absichten unterstellen. Das 50er-Jahre-Hollywood empfinden sie als einen Hort des Wahnsinns nach, in dem bestenfalls naive, schlimmstenfalls gefährliche Trottel ihrem Narzissmus frönen. Sie stellen klar, dass der von Josh Brolin auf verlorenem Posten, nämlich als einzige erträgliche Figur gespielte Protagonist das Herz am rechten Fleck hat – und er zurecht mit dem Angebot eines Luftfahrtunternehmens liebäugelt, das ihn aus diesem Zirkus befreien möchte.

Hail, Caesar! - Neues von den Coen-Brüdern: viele Stars, wenig Interessantes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 5/81/8
Ein Film, aus dem man nicht wirklich schlau wird.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hysterie und Kino, darum geht es in allen Coen-Komödien. Ihre unmöglichen Figuren und Plots produzieren filmgeschichtliche Echos, durch die sie wiederum selbst erst konstruiert werden. Und ihre Absurditäten speisen sich nicht aus einem Wissen von der Welt, sondern einem Wissen um die Welt des Kinos. Thematisch mögen die Coens hier an ihren Hollywood-Metafilm „Barton Fink“ anknüpfen, tonal aber setzen sie die bisherige Zusammenarbeit mit George Clooney fort: Wie schon „O Brother, Where Art Thou?“ (2000) und „Ein (un)möglicher Härtefall“ (2003) ist „Hail, Caesar!“ eine mit ausgestelltem Humor dargereichte Nummernrevue, deren Selbstgefälligkeit man durchaus anstrengend finden kann.

Die Coens sind die Coens sind die Coens. Und selten wurde man daraus so wenig schlau.Fazit lesen

Dabei waren Joel und Ethan Coen eigentlich schon viel weiter. Mit „A Serious Man“ drehten sie 2009 ihren ersten wirklich gefühligen (und obendrein persönlichsten) Film, der die Geschichte eines buchstäblich von Pechwolken verfolgten jüdischen Physikprofessors erzählte. Sie nahmen diese Figur ebenso ernst wie das sie umgebende Milieu – und legten 2013 mit „Inside Llewyn Davis“ nicht minder beeindruckend nach: Spürbar war der Film über einen erfolglosen Folkmusiker im New York der 60er-Jahre eigenen Empfindungen statt filmgeschichtlichen Vorlieben entsprungen. Anders gesagt: Die Coen-Brüder schienen sich mit diesen beiden Arbeiten endlich selbst gefunden zu haben.

Hail, Caesar! - Neues von den Coen-Brüdern: viele Stars, wenig Interessantes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 5/81/8
"Hail, Caesar!", eine Komödie/Musical/Krimi.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Natürlich ist gegen kompetent gemachten Ulk nichts einzuwenden (und der beste Coen-Spaß bleibt sicherlich nach wie vor „The Big Lebowski“), doch bildeten diese beiden Filme eben doch eine Zäsur: Von der überraschenden Bereitschaft des Regiegespanns, endlich auch etwas von sich selbst in seine Arbeit einzubringen, hat man – im Gegensatz zum bekömmlichen und auf Autopilot abgespulten Witz eines „Hail, Caesar!“ – längst noch nicht genug gesehen. Für einen tatsächlich so scharfzüngigen wie erschütternden Film über das klassische Hollywood wird man daher auch weiterhin zu Billy Wilders nunmehr 65 Jahre altem „Boulevard der Dämmerung“ greifen müssen.