Anders ist ja auch nicht immer besser. Oder doch? Sven Regener und Leander Haußmann wollten mit „Hai-Alarm am Müggelsee“ jedenfalls „eine neue Art von Film machen, so wie man ihn in Deutschland bisher nicht kennt“.

Wenn ihnen nichts Besseres einfällt, um eine Art von Humorerzeugung zu beschreiben, die nicht nach den gewohnten Kriterien von Timing, Aufbau und Pointe funktioniert, dann benutzen die Presseabteilungen der Verleiher gerne einmal die Bezeichnung „schräg“ – das hilfloseste aller hilflosen Attribute. Da ist es beinahe schon ein erster Ausweis von Qualität, dass weder X Filme noch Regener oder Haußmann einen bislang mit diesem Ausdruck belästigen.

Also, mit Schrägheit kommen wir nicht weiter. Auch gerne mal im Angebot: die sogenannte „Anarcho-Komödie“, bei der man sich üblicherweise darauf verlassen kann, dass sie desto stockkonservativer geraten ist, je häufiger sie sich dieses Etikett anpappen lässt.

Offensichtlich sollte man sich also mehr Mühe machen, um den spezifischen Eigenheiten einer unkonventionellen – oder unkonventionell scheinen wollenden – Komödie auf die Schliche zu kommen. Um sich noch ein wenig länger davor drücken zu können, sei hier zunächst einmal der Plot wiedergegeben, um den sich der schräg-anarchische-was-auch-immer Humor des Films hangelt:

Hai-Alarm am Müggelsee - Friedrichshagen, du alte Nutte

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Keine Ahnung, was hier genau passiert, aber alle sind beisammen. Und Freibier.
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Hand futsch, Freibier her

Der Bademeister (Michael Gwisdek) taucht genüsslich seine Hand ins Wasser des Müggelsees, und als er sie wieder rausziehen will, ist sie verschwunden. Klingt beunruhigend, aber der zuständige Bürgermeister (Henry Hübchen) von Berlin-Friedrichshagen, seine Städtemarketing-Expertin Vera Baum (Anna-Maria Hirsch) und einige weitere Knallchargen drumherum entscheiden sich für ein deeskalierendes Verfahren: Badeverbot, Schweigepflicht und Freibier für renitente Badewillige.

Aber Snake Müller (Uwe Dag Berlin), jüngst in den Ruhestand von Hawaii nach Berlin, pardon: Friedrichshagen geflohener Haijäger, riecht den Braten. Ein Untier macht den Müggelsee unsicher, und die naheliegende Reaktion der Behörden besteht darin, alle wieder ins Wasser zu lassen. Doch das Gerücht hat sich längst verbreitet, die Schwimmer bleiben aus – eine Städtemarketing-Katastrophe, die sich nur mit einer radikalen Maßnahme in ihr Gegenteil umkehren lässt.

Packshot zu Hai-Alarm am MüggelseeHai-Alarm am Müggelsee

Also wird „Hai-Alarm am Müggelsee“ ausgerufen, der Müggelseedamm gesperrt und das ansonsten wohl eher betuliche Bölschefest wird zur rauschenden Dauerparty. Doch wird der „Kater der Bürgerwut“ (Zitat Presseheft) da lange auf sich warten lassen?

Regener, der sich mittlerweile einen Namen gemacht hat als singschreibrantender Allrounder, und Haußmann scheren sich um wenig, am wenigsten um die Allgemeinverständlichkeit ihrer Gags. Vielleicht kennt jeder einen vergleichbaren regionalen Zwist, so dass die ständigen Kabbeleien zwischen den Berliner Stadtteilen auf eine gewisse humoristische Basis fallen.

Gags, die sich ums Publikum nicht scheren

Vielleicht haben viele schon Bekanntschaft mit einer so dominant-nervigen jungen Mutter gemacht, dass sie die aus heiterem Himmel auftauchende Dame irgendwie witzig finden, die sich weigert, während einer Sitzung Hackepeter zu essen, solange sie noch stillt. Vielleicht reicht bei einigen das Touristengriechisch so weit, dass sie verstehen: Die Herren in der Taverne wünschen einander beim Zuprosten „Gute Nacht“ statt „Wohl bekomm’s!“.

Eine laute, brachiale Komödie – manchmal narzisstisch und nervig, oft aber originell und witzig.Fazit lesen

Vielleicht aber auch nicht. Und da sind wir noch gar nicht bei den richtigen Insidern angelangt, bei der Tatsache etwa, dass die Ouzu-Trinker Haußmanns Theaterkollegen Jürgen Flimm und Frank Castorf sind. Gerade zu Beginn soll der Film allzu oft auch dadurch witzig wirken, dass im Bild zwei Dinge zusammengepresst sind, die eigentlich nicht zusammen gehören. Zwei Taucher zum Beispiel, Haußmann und Regener selbst, die auf ihren Flossen durch eine Kleinstadtstraße watscheln und auf dem Amt in voller Montur auf dem Gang sitzen.

Oder Katharina Thalbach als „zynische Irre“, die vor dem Rathaustor ein Schild in die Höhe hält, auf dem wahlweise steht „Ficken“ – oder „Günther Jauch“. Oder ist das schon wieder eine regionale Anspielung: der reiche Potsdamer gegen die bodenständigen, aber nicht weniger durchgeknallten Friedrichshagener? Wer weiß.

Hai-Alarm am Müggelsee - Friedrichshagen, du alte Nutte

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Oft ist der Film unheimlich nervig, aber es gibt auch Szenen, die richtig gut funktionieren.
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Treffsichere Satire auf den Behördenirrsinn

In manchen Momenten also nervt der Film gewaltig. Weil er seinen ungezügelten Einfallsreichtum so deutlich vor sich her trägt und weil Komik nur ganz selten funktioniert, wenn sie ausschließlich auf die Welterfahrung eines ganz bestimmten Milieus zielt. Anderes wiederum ist absolut gelungen, etwa wenn Detlev Buck als stoischer Dorfbulle im Boot eine störrische Schwimmerin davon überzeugen will, endlich den See zu verlassen – eine Szene, die sich Zeit nimmt, die Skurrilität ihrer Situation und die spezifischen Charakterzüge ihrer Figuren zu entwickeln, statt auf einen bloßen Überraschungseffekt zu setzen.

Auch als überdrehte Satire auf den Behördenirrsinn trifft „Hai-Alarm“ ins Schwarze. Der zynische Dilettantismus, den vor allem Anna-Maria Hirsch als überkandidelte PR-Tussi verbreitet, gipfelt in zwei großartigen Szenen: einem Saufgelage der kommunalen Arbeitsgruppe Hai-Alarm mit dem schnellstens als Marke ins Leben gerufenen Alarm-Bier und einer Pressekonferenz, an deren Ende Bürgermeister und Reporter gemeinsam das Lied anstimmen: „Friedrichshagen, du alte Nutte, du bist schöner als Berlin“.

Überhaupt, die Musik: ein bisschen Folk, ein bisschen Blues, ein bisschen textliche Bosheit, von den Regisseuren natürlich ebenfalls selbst geschrieben. Wir lernen, zu hinterhältigster Schunkelmelodie: „Das Städtemarketing steht und fällt mit der Kompetenz der Menschen, die sich eben dafür interessieren.“ Das jedenfalls stellen Haußmann und Regener in einigen eindrücklich-witzigen Situationen aus.