Unglaublich, aber wir haben es wirklich hinter uns. Nach über 25 Jahren, gefühlt ebenso vielen verworfenen Drehbüchern und einem sprunghaften Hickhack, der wahrscheinlich als "der Bill-Murray-Tanz" in die Geschichte eingehen wird, ist er nun endlich da: Der dritte Teil von Ghostbusters startet bald in den Kinos, und alles Bangen, alle Ungewissheit hat dann endlich ein Ende. Ist das schon alles Gute, was man über den Film sagen kann? Nein. Aber es ist eben doch das Beste, was Paul Feigs Neuinterpretation der schrulligen Geschichte liefert.

Es ist schwer, vielleicht sogar unmöglich, Ghostbusters nicht mit zweierlei Maß zu messen. Denn einerseits haben diejenigen einen Punkt, die sagen, man müsse den neuen Film nicht mit den beiden Originalen aus den 80ern vergleichen, könne oder dürfe das vielleicht gar nicht – ein Film muss immerhin für sich funktionieren, und wie sollen zweieinhalb bis drei Dekaden spurlos an Filmstandards und Publikumserwartung gleichermaßen vorbeiziehen? Auf der anderen Seite: Wer sich groß den Namen "Ghostbusters" auf die Stirn klatscht, dazu mit dem Logo, dem Soundtrack, der gleichen Grundidee und Gastauftritten fast aller Originaldarsteller hantiert – der muss sich einen solchen Vergleich auch irgendwie gefallen lassen, oder? Derjenige bettelt ja geradezu drum, und immerhin macht der große Name dann ja auch einen Teil des großes Reibachs aus.

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Und der Job des Filmrezensenten wäre so viel einfacher, wenn sich immer alle Befürchtungen bewahrheiten würden, wenn man alle Ressentiments einfach rauslassen könnte, wenn alles, was einen ankotzte, einfach in eine Zahl übersetzt werden könnte und damit wäre es dann gut. Die traurige Nachricht ist aber, dass ich wirklich arbeiten muss, denn der Eindruck zum neuen Ghostbusters ist tatsächlich eher ambivalent. Und die erste traurige Feststellung ist: Er lässt sich nicht mit den alten Filmen vergleichen. Nicht mal ein bisschen.

Es gibt ein paar Fakten zum neuen Ghostbusters, die schlichtweg nicht jedem gefallen werden, andere aber vermutlich auch nicht stören oder sie im Gegenteil sogar amüsieren werden. Fakt ist, dass eines der ersten Worte des Films "Gesichtsbidet" ist. Fakt ist, dass es keine 20 Minuten dauert, bis der erste Witz über Vaginalfürze fällt. Fakt ist, dass kaum ein großer Geisterauftritt über die Bühne geht, ohne dass es der Aufhänger für ein frontales 3D-Kino-Gimmick ist, bei dem der Zuschauer angekotzt, angebrüllt oder anderweitig angesprungen wird. Kann man mögen, muss man nicht. Die Zeiten sind, wie sie sind.

Dann gibt es Elemente, die der Interpretation unterliegen – etwa, ob der Film mit etablierten Formeln und Klischees arbeitet, und inwiefern das ein Problem darstellt. Die Basis ist ja an sich gar nicht so schlecht – es ist eine neue Origin-Story, die strukturell durchaus okay ist. Die Geschichte von der seriösen angehenden Wissenschaftlerin Erin Gilbert, die aus Karrieregründen wieder ihre alte Freundin Abbey Yates aufsucht und auf Umwegen mit ihr ein paranormales Forschungszentrum leitet – klar, warum nicht? Besser als "Rausgeschmissene Wissenschaftler wollen mit Geisterjagd Geld verdienen" war der Grundplot des Originals ja auch nicht.

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"Ich bin weit über die Fähigkeit rationalen Denkens hinaus entsetzt."

Aber die Charaktere, und an dieser Stelle mach ich dann einfach mal meinen Job, anstatt mich weiter mit pluralistischen Gemeinplätzen rauszureden, sind völlig anders und vor allem viel plakativer aufgezogen. Jede einzelne Figur, und mir will wirklich keine Ausnahme einfallen, ist eine Karikatur, ist ein überzeichnetes Abbild und die Anhäufung von zweieinhalb Charaktereigenschaften, die ins Absurde gesteigert wurden. Es gibt Lichtblicke und Momente, in denen das Schema "Holtzmann ist die Irre, Gilbert die Verklemmte, Patty die Laute mit Street-Smarts usf." durchbrochen wird, und in denen vermag es der Film, tatsächlich zu amüsieren. Denn Witz ist das Durchbrechen von Erwartung, und solange die Charaktere nur Dinge abliefern, die man drei Meilen gegen den Wind riecht, solange langweilt er. Das ist auch der Grund, warum Sekretär Kevin und Dr. Jillian Holtzmann tatsächlich die meisten Lacher auf ihrer Seite haben, weil nämlich ihre Masche ein Maß an Unberechenbarkeit a priori beinhaltet – eben jeweils die Maschen "unfassbar dämlich" und "unfassbar unfassbar". Sie sind die Helge Schneiders des Films – Zufälligkeit als Methode.

Laut, schrill, platt und halbwegs unterhaltsam. Verdient den Namen Ghostbusters nicht, ist nach modernen Standards aber kein Totalausfall - was eine Menge über die Standards sagt.Fazit lesen

Im Übrigen, dieser Zwischenruf sei hier gestattet, verstehe ich Chris Hemsworths Charakter nicht vollständig, selbst jetzt, mehrere Tage nach der Pressevorführung. Kevin, neu angeheuerter Sekretär der Ghostbusters, ist dumm. Das ist sein ganzer Charakter. Aber, und damit möge er exemplarisch stehen für die Übertriebenheit des ganzen Films: Ich habe, denke ich, noch nie einen derart dummen Charakter gesehen. Er ist dümmer als Jim Carrey und Jeff Daniels in "Dumm und dümmer". Ja, er ist am dümmsten. Er ist dämlich in einem Maße, dass es die Grenze zur Geisteskrankheit oder Behinderung überschreitet und leider schon in die Beliebigkeit abrutscht. Wenn ein Charakter so blöd ist, beim Blick auf die Armbanduhr Kaffee aufs eigene Hemd zu kippen, dann versteh ich das. Kevin ist so blöd, dass er bei Regen mit offenem Mund nach oben gucken würde, bis er ertrinkt. Es ist, und vielleicht geht das nur mir so, oftmals jenseits der Begreifbarkeit, und damit leider auch jenseits der Grenze dessen, was ich lustig finden könnte.

Ghostbusters - Gruselig

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Stereotype Charaktere, vorhersehbare Story mit Logiklöchern - erwartet kein Meisterwerk.
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Ansonsten bleiben einzelne Momente, in denen tatsächlich mal Wortwitz durchschimmert und die neuen Geisterjäger plötzlich für zwei Zeilen das sind, was ihre angeblichen Vorbilder die ganze Zeit waren, Menschen nämlich. Spleenige mit einem gehörigen Knall, aber eben doch Menschen – die trotz eines glaubhaften Profils nicht einfach in ein bekanntes Schema passten, die auf neue Situationen spontan und schlagfertig reagierten. Die neuen Geisterjäger sind, was ihre Umgebung ist, formularisches Produzenten-Kalkül, Bubblegum-Figuren vor einem Bubblegum-Hintergrund, und keine ihrer Eskapaden, so schrill und bunt und schrullig sie immer sind, lässt den Zuschauer nah ans Geschehen ran. Einer der Gründe dafür, dass sich der neue Ghostbusters quasi gar nicht mit den alten vergleichen lässt, wurzelt hier: Früher gab es das Aufeinandertreffen von vier Spinnern, die dennoch deutlich unserer Welt angehörten, und dem großen Unbekannten, der abgedrehten Geisterwelt. Im neuen Film sind die Ghostbusters selbst bereits überzeichnete Fantasy-Figuren, und die Geister übertreffen sie nicht in Sachen Außerweltlichkeit, sondern nur noch in Größe und Anzahl.

Wer sagt, etwas wie der alte Ghostbusters-Film könne heutzutage auch gar nicht mehr gemacht werden oder funktionieren, hat sicherlich nicht Unrecht. Dass das Ergebnis wiederum zwingend etwas sein muss wie der neue Ghostbusters-Film, darf bezweifelt werden. Es ist nicht so, dass das Konzept der Subtilität oder der weniger vordergründigen Komödie mittlerweile vollkommen unbekannt sei. Aber, und das kann man in seine Betrachtung mit einbeziehen: Wenn es darum geht, erfolgreiches Popcornkino zu bauen, dann ist die durch Gesichter wie Wiig oder McCarthy populär gewordene Formel eine der erfolgreichsten. Macht euch keine Illusionen: Hinter Ghostbusters steht keine Vision, sondern Berechnung. Solange man damit kein Problem hat, kann man erst einmal prinzipiell in den Film gehen. Das Ergebnis ist seichte Unterhaltung – harmlos, platt, vergessbar, nicht weniger und definitiv nicht mehr.

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Ich habe einen Film gesehen, der Sie erbleichen lassen würde!

Es lohnt sich dennoch zu erwähnen, dass der Film auch ein paar filmische Patzer hat, die man einem Streifen in dieser Größenordnung nicht zugestehen möchte. Während Tricktechnik und das computergenerierte Spektakel größtenteils was hermachen und Regisseur Paul Feig sogar hin und wieder, etwa mit der Eröffnungssequenz, Kameratechniken und Inszenierungen auspackt, die an Reitmans Vorlage erinnern und schön anzusehen sind, passieren dafür an anderen Stellen Missgeschicke, die man sich nicht leisten sollte. Da sieht man an Perücken die Klebestreifen, sieht wegen eines Stunt-Fehlgriffs die Drahtphysik, solche Dinge. Am ärgerlichsten jedoch sind verhältnismäßig viele Plotlöcher einerseits und Faulheit des Drehbuchs andererseits. Wenn in einer Szene die Ausrüstung zerstört wird und in der nächsten wieder funktioniert, wenn der Obermotz ohne den Hauch einer Erklärung alle Menschen aufhalten kann, nur die Ghostbusters nicht, dann sagt das einiges darüber aus, wie viel man seinem Publikum zutraut.

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Der Film hat in etwa so viel Substanz wie die Geister. Oder CGI. Oder CGI-Geister.
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Wenn es also um die Frage geht, ob euch der neue Ghostbusters-Film gefällt, glaube ich, eine halbwegs narrensichere Methode gefunden zu haben, die Frage zu beantworten. Vergesst euer Verhältnis zu den früheren Filmen oder eure Erwartungshaltung. Es gibt eine sehr kurze Szene im Trailer zu Ghostbusters, die demzufolge auch nicht zu sehr gespoilert ist, wenn ich sie heranziehe, und die als guter Test dient: In einer Momentaufnahme zieht Kate McKinnons Charakter, Dr. Jillian Holtzmann, völlig unvermittelt aus ihrem Protonenpack zwei kleine Pistolen und, bevor sie damit loslegt, scharenweise Geister zu brutzeln und nochmals über den Jordan zu schicken, leckt sie eine von ihnen ab, in einer Demonstration von unkonventioneller Freude am Chaos, betonter Badassery und vielleicht einer Spur Laszivität.

Die Methode ist ganz einfach: Findet ihr diese Szene witzig, überraschend, spleenig-unterhaltsam und Ausdruck einer frischen, unverbrauchten Verrücktheit, dann wird euch der Rest des Films auch gefallen. Er liefert diese Art von Humor, diese Art von Ästhetik und auch das CGI-lastige Geistergemetzel im Anschluss ist pure Neo-Ghostbusters-Action mit Tempo und Drive. Empfindet ihr Holtzmanns Leckerei und das Effektgehampel drumherum hingegen als bemüht, albern, aufgesetzt, unnötig, unwitzig und ganz allgemein als ein abgelatschtes Klischee, mit dem der Figur (und somit auch dem Film) sehr transparent ein pseudo-abgedrehter Charme verpasst werden soll, könnt und solltet ihr euch Ghostbusters ganz allgemein schenken. Für euch wird sich die neuerliche Geisterjagd im Versuch erschöpfen, mit viel buntem Klimperkram, übertriebenem Klamauk und Lautstärke die Social-Media-Generation bei der Stange zu halten.