Ob die Verwechslungsgefahr beabsichtigt ist? Mit Sam Peckinpahs gleichnamigem Klassiker, in dem Bankräuber Steve McQueen und Ehefrau Ali MacGraw vor Polizei und Killern flüchten, hat dieser „Getaway“ jedenfalls genauso wenig zu tun wie mit dem Remake desselbigen von 1994. Stattdessen müssen sich, oha, Ethan Hawke und, na ja, Selena Gomez hier im Shelby Mustang den halsbrecherischen Psychospielchen von Jon Voight stellen.

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Wanna play a game?

„Getaway“ ist, das muss man mit Blick auf das unverhältnismäßig negative Kritikerecho sowie überaus schlechte US-Einspielergebnis deutlich sagen, wohl nur ein Film für Actionfans. Allerdings, und auch das muss man sagen, keineswegs nur für vollkommen schmerzfreie Actionfans. Was hier in 90 schlanken Minuten an überraschend souveränem Auto-, Stunt- und Fireworks-Krawall aufgefahren wird, sollte nicht unterschätzt werden.

Getaway - Actiongülle auf überraschend hohem Spaßniveau

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Ungleiches Team: Ethan Hawke und Selena Gomez.
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Kurz vor dem Weihnachtsfest wird die Frau des ehemaligen Profirennfahrers Brent Magna (Ethan Hawke) entführt. Ohne eine Ahnung, wer sich hinter der Aktion verbergen könnte oder warum überhaupt jemand sein gerade begonnenes neues Leben in der bulgarischen Hauptstadt Sofia zerstören wollte, soll Brent in einen aufgemotzten Ford Mustang steigen und die Forderungen des Kidnappers befolgen – andernfalls würde Leanne (Rebecca Budig) sterben.

Brent muss das mit illustrem Überwachungswerkzeug ausgestattete Auto nun gemäß Psycho-Instruktionen durch Menschenmassen steuern, sich eine Verfolgungshatz mit der Polizei liefern und das örtliche Stromwerk in die Luft jagen. Unterwegs gerät er an ein namenloses Mädchen (Selena Gomez), das sich als Besitzerin des Shelbys erweist. Weil dieses das Auto auf Geheiß der Entführerstimme (im Original: Jon Voight) jedoch ebenfalls nicht verlassen darf, gilt es das perfide Spiel im Doppel zu bestreiten.

Die Figur von Disney-Sternchen und Bieber-Ex Selena Gomez, für die das hier offenbar als Kinostar-Vehikel gedacht war (bis der Kassenflop einen Strich durch die Rechnung zog), ist außerdem ganz zufällig ein windiger Computercrack! Also bestens geeignet, dem armen Ethan Hawke aus der Klemme zu helfen, der übrigens einen ziemlich guten Job macht. Insbesondere weil er bisher nicht unbedingt als Actionheld in Erscheinung trat, scheint das hier eine durchaus interessante Rolle für ihn.

Packshot zu GetawayGetaway

„Getaway“ ist ein klassischer, an 90er-Jahre-Flipchartkino erinnernder High-Concept-Film: simple Prämisse, ohne Umschweife, direkt auf die Zielgerade. Seine Geschichte passt auf einen Bierdeckel, ließe sich gar in einem einzigen Satz zusammenfassen (Mann muss entführte Ehefrau retten, darf aber das Auto nicht verlassen etc.) und spielt eigentlich recht offensichtlich überhaupt keine Rolle. Streng ökonomisches Filmemachen aus Produzentensicht, leicht vermarktbar.

Hirnrissig ohne Unterlass, aber überraschend kompetent gemacht. Actiongülle auf endlich wieder annähernd hohem Niveau. Für Fans.Fazit lesen

Der Kidnapper, die Frau, selbst das Auto fungieren dabei lediglich als MacGuffins ganz im hitchcockschen Sinne: Sie sind nichts außer dynamische Elemente, die das Geschehen möglichst effektiv auf Trab halten müssen. Entwickelt wurde das Projekt mit Sicherheit als „Action-Thriller-Variante von Saw“, grünes Licht bekam der Film dann unter Garantie mit Hinweis auf Jan de Bonts wegweisenden Tempo-100-Genreklassiker „Speed“. Quadratisch, praktisch, gut.

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Die Action fetzt auf altmodische Weise.
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Unkonventionelle Action-Ästhetik

Dass Handlungsfragen nach Wahrscheinlichkeit und Plausibilität solcher Produktmache angesichts derartiger Bedingungen nirgendwohin führen, tut dann eigentlich wenig zur Sache. In „Getaway“, das stellt der Film schnell klar, geht es ums reine Vergnügen, sei es noch so debil. Völlig egal, was das eigentlich alles soll, im Prinzip unwesentlich, ob das Storykonstrukt auch nur eine Sekunde lang wirklich sinnvoll steht (oder halt fährt, in diesem Fall).

Actionfans, um die zu beglücken es hier letztlich sehr offenkundig geht, dürften sich jedenfalls kaum satt sehen an all den irrsinnigen Verfolgungsjagden durch Straßensperren, Weihnachtsmärkte, Parkhäuser, Fabrikhallen und gar Eisenbahnstationen. Da quietschen Reifen und heulen Motoren derart ausdauernd, dass sich die „Fast & Furious“-Filme beinahe als Gokart-Veranstaltung anbieten. Mehr zu Schrott gegangene Autos gab es im Kino zumindest lange nicht zu sehen.

„Getaway“ gibt dabei buchstäblich Gas, nach 15 Minuten hat er bereits zwei ansehnliche Car-Chase-Sequenzen hinter sich gebracht, eine halbe Stunde dauert es schließlich, ehe die beiden Protagonisten den Mustang überhaupt mal anhalten und ein bisschen zu plaudern beginnen. Dass genau das dem Film nicht gut tut, weiß er wohl sogar selbst: Die Dialoge erscheinen mindestens so schrottreif wie die zahllosen Autowracks, da müssen einem gesprochenen Satz aus gutem Grund gleich wieder zwei Crashs folgen.

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Auf der Suche nach seiner entführten Frau findet Ethan Hawke eine Disney-Hupfdohle.
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Gefilmt sind selbige häufig mit Digitalkameras aus Sicht der am Shelby Mustang befestigten POV-HD-Cams, über die der Entführer (eine Art Luxus-Jigsaw) die heitere Zerstörung orchestriert. Diese ebenso unkonventionelle wie natürlich auch preisgünstige Action-Ästhetik mag man als gewöhnungsbedürftig empfinden, eine perspektivische Abwechslung verspricht sie allemal. Und dass da erstaunlich viel tatsächlich zu Bruch geht, sich digital getrickster Firlefanz also in Grenzen hält, ist ja im Genre derweil leider eine Seltenheit.

Der anschließende Blick auf den Stab der Verantwortlichen wird Action-Aficionados dann sicherlich kaum noch überraschen: Für die Produktion von Dark Castle Entertainment und After Dark Films verpflichtete Regisseur Courtney Solomon ein von DTV-Ikone Mark Roper angeführtes Second-Unit-Team. Und einer der ausführenden Produzenten ist niemand geringeres als Urgestein Joel Silver, der in den 80er- und 90er-Jahren einige der größten Actionhits überhaupt auf den Weg brachte.