Was ist Danny Boyle doch für ein Glückskind. Gerade als der mit „Trainspotting“ zum filmischen Wunderknaben auserkorene Regisseur in der Versenkung zu verschwinden drohte, kam „Slumdog Millionaire“ um die Ecke und sorgte für neue Wunderknaben-Gesänge. Im Kreise stolzer acht Oscars ist Danny Boyle nun wieder ganz oben und darf seiner einstigen Reputation neue Federn hinzufügen. „Lebe lieber ungewöhnlich“ – absolut kein Problem hier.

Amen, Theater und Fernsehen

Das ungewöhnliche Leben des Danny Boyle begann 1956 in Manchester. Seine Eltern waren einfache Arbeiter und zudem noch streng katholisch, so dass der erste Karriereansatz des jugendlichen Danny tatsächlich eine Ausbildung zum Priester war. Da sich diese Ausbildung aber nicht mit seiner erklärten Vorliebe für Sex und Drogen vereinbaren ließ, wechselte er 1982 zum Theater, wo er es bei der Royal Shakespeare Company bis zum stellvertretenden Hausregisseur schaffte. Besonders oft inszenierte er Stücke der Dramatiker Howard Baker und Edward Bond, die beide auf sozialkritische Inhalte setzten und auch der Darstellung von Gewalt nicht abgeneigt waren.

Danny Boyle gilt am Set als freundlicher, aufgeschlossener und besonnener Kerl.

Ab 1987 wurde Danny Boyle die Bühne zu eng und er ging nach Belfast, wo er für die irische BBC diverse Filme und Reportagen drehte. Besonders erwähnenswert sind dabei „Elephant“ (1989), ein von ihm produziertes Drama über den Nordirlandkonflikt, und zwei Folgen der auch bei uns bekannten Krimiserie „Inspector Morse“ (1990/1992). Ebenfalls mit viel Lob bedacht wurde die Miniserie „Mr. Wroe’s Virgins“ (1993), die über die Perspektiven vierer Jungfrauen von einer religiösen Sekte anno 1830 erzählt. Danny Boyles Regie brachte die Drehbücher von Jane Rogers auf den Punkt und schreckte auch vor harschen bis expliziten Details nicht zurück. In den Hauptrollen spielten Jonathan Pryce und Minnie Driver, die sich bei dem Regisseur sichtlich wohl fühlten und beide zu ganz großer Form aufliefen.

Kleine Morde unter Freunden

Das Regiedebüt von Danny Boyle im Kinoformat erfolgte 1994 mit „Kleine Morde unter Freunden“. Ausgehend von einer denkbar einfachen Grundidee (=drei Freunde, ein Toter und ein Koffer voller Geld), entspinnt sich eine mächtig unterhaltsame schwarze Komödie, die sowohl über ihr bissiges Drehbuch, als auch die stylishe, überaus kinetische Inszenierung punkten kann. Zusammen mit einem starken Soundtrack (unter anderem bestritten von Leftfield und Nina Simone), drei exzellenten Hauptdarstellern (Ewan McGregor, Kerry Fox und Christopher Eccleston) und hemmungslosen Gewaltausbrüchen gerät „Kleine Morde unter Freunden“ zu einem ausgewachsenen Hit, der bis heute nichts an seiner Durchschlagskraft verloren hat. Keine Frage, Danny Boyle war angekommen, und zwar von 0 auf 100.

Boyles erste Zusammenarbeit mit Ewan McGregor gilt unter Fans als Kult.

Neben Danny Boyle und den drei vor dem Film relativ unbekannten Hauptdarstellern waren auch Produzent Andrew MacDonald und Drehbuchautor John Hodge angekommen, die beide noch weitere Jahre mit dem Regisseur zusammenarbeiten sollten. „Kleine Morde unter Freunden“ erwies sich als so einflussreich, dass er für eine Wiederbelebung der britischen Filmindustrie verantwortlich gemacht wurde und vor allem wegen seiner erfolgreichen Heranführung einheimischer Themen an unpeinlichen Kommerz für zahlreiche Nachahmer sorgte. Es war auf einmal wieder hip, sich britische Filme anzusehen, und die ansonsten dominierenden „kitchen sink“ Dramen à la Ken Loach mussten sich auf selbstbewusste Konkurrenz einstellen.

Trainspotting

Apropos hip: „Kleine Morde unter Freunden“ wurde gefolgt von „Trainspotting“, der 1996 einschlug wie eine Bombe und Danny Boyle zu einem allseits gefeierten Regie-Star emporjubelte. Die Abenteuer von Renton (Ewan McGregor), Sick Boy (Jonny Lee Miller), Begbie (Robert Carlyle) und Spud (Ewan Bremner) trafen genau den Nerv der Zeit und verhöhnten dramatische Junkie-Klischees mit messerscharfem Humor dunkelster Couleur. Lange Zeit galt die literarische Vorlage Irvine Welshs als unverfilmbar, doch „Trainspotting“ drehte daraus den rarsten aller Coups: einen hochgehypten Eventfilm, der die Erwartungen nicht nur befriedigen, sondern sogar noch übertreffen konnte.

Ein messerscharfes Zeugnis seiner Zeit: Trainspotting ist DER britische Film der Neunziger.

Es gibt viele Gründe für den Erfolg des Films, doch der grösste ist seine inszenatorische Euphorie. Selten zuvor wurden Schmutz und Grausamkeit so verführerisch dargestellt wie hier, selten zuvor durfte man über völlig kaputte Anti-Typen so laut lachen und selten zuvor versammelten sich so viele zitierfähige Szenen, angefangen bei dem „choose life“-Monolog und aufgehört bei dem ekligsten Klo Schottlands. Danny Boyle überzieht das schillernde Geschehen mit etlichen inszenatorischen Einfällen, inklusive einer äußerst agilen Kamera, hält das Tempo sehr hoch und kann erneut mit einem Soundtrack voller Indie-Gassenhauer (unter anderem interpretiert von Iggy Pop, Underworld und Lou Reed) aufwarten. „Trainspotting“ ist DER britische Film der neunziger Jahre, und alle, wirklich alle können hier mitreden.

Lebe lieber ungewöhnlich

„Choose life“ oder, auch nicht schlecht, „choose America“. Der durchschlagende Erfolg von „Trainspotting“ ermöglichte Danny Boyle 1997 seinen ersten amerikanischen Film, die mit Cameron Diaz und erneut Ewan McGregor besetzte Actionkomödie „Lebe lieber ungewöhnlich“. Selbstverständlich waren die Erwartungen an dieses Werk sehr hoch und leider ebenfalls selbstverständlich wurden sie dramatisch enttäuscht. Das nun üppig vorhandene Geld entschärfte die bisherigen Kanten, die beiden Hauptdarsteller harmonierten nicht miteinander und die erzählte Entführungs- und Gangstergeschichte hat nicht nur wenig Biss, sondern erinnert zudem zu sehr an den Stil Quentin Tarantinos.

Hätte er sich doch am Filmtitel orientiert: Boyles erster US-Ausflug ist einfach zu...nunja, gewöhnlich.

Ganz ohne Reiz ist „Lebe lieber ungewöhnlich“ nicht, doch die Lichtblicke, wie z.B. eine tolle Tanzsequenz, verlieren auf der ganzen Strecke gegen deutlich grössere Schatten. Danny Boyle scheint kraftvolle Geschichten voller Reibung zu brauchen, nicht nur angeschrägte Unterhaltung. Seine Handschrift ist die stylishe Inszenierung schwieriger Themen, die vor allem dann authentisch wirken, wenn sie aus seinem direkten Umfeld kommen. Nach „Trainspotting“ war Danny Boyle ein echter Star, der aber für Erfolg nicht unbedingt grosse Budgets brauchte und somit der klassischen Karriereleiter nur begrenzt folgen konnte. Ohne Frage ist er ein ehrgeiziger, talentierter Regisseur, doch genauso geht er als kumpelhafter Familienmensch durch und sucht dabei immer die Nähe zu seinen Wurzeln, der britischen Arbeiterschicht.

The Beach

Trotz des Misserfolgs von „Lebe lieber ungewöhnlich“ blieb Danny Boyle noch ein paar Jahre in Amerika und zog so die Verfilmung von „The Beach“ an Land, einem von Alex Garland geschriebenen Öko-Abenteuer mit Erinnerungen an „Herr der Fliegen“. Dieses Werk stellte die letzte Zusammenarbeit mit John Hodge und Andrew MacDonald dar, was wahrscheinlich auch daran lag, dass sich sowohl Kritik als auch Publikum erneut zurückhielten. „The Beach“ ist ganz sicher kein schlechter Film, nur eben auch kein allzu guter Film und geht gemeinhin als passable Mainstream-Unterhaltung mit mässig aufregender Gesellschaftskritik durch. „Das Buch war besser“ – ach, wirklich?

Von der Kritik verschmäht: "The Beach" war ein voller Erfolg - aber nur wegen des damaligen DiCaprio-Hypes.

Interessant ist „The Beach“ vor allem wegen seinem Hauptdarsteller, Leonardo DiCaprio, der hier seinen ersten Leinwandauftritt nach „Titanic“ hatte. Das Mitwirken bei diesem Film ist sicher zu einem guten Teil seiner wohl bekannten Öko-Ader geschuldet, doch genauso darf auch Danny Boyle als Grund angeführt werden. Der Regisseur hat sich über Jahre bei Schauspielern einen sehr guten Ruf erworben, was vor allem seiner bereits erwähnten lockeren Art, aber auch dem klaren Stil und den Erfahrungen beim Theater geschuldet ist. Danny Boyle braucht keine Stars, er macht Stars, so wie Ewan McGregor, und bietet seinen Akteuren sowohl interessante Charaktere, als auch sichere Führungen durch forderndes, spannendes Terrain.

28 Days Later

Nach „The Beach“ folgte eine Phase der Neuorientierung, die einige kleinere Fernsehproduktionen namens „Strumpet“ (2001), „Vacuuming Completely Nude In Paradise“ (2001) und „Alien Love Triangle“ (2002) hervorbrachte. Am Ende dieser Phase war Danny Boyle wieder in England und drehte „28 Days Later“, einen sowohl kleinen als auch äusserst effektiven Zombiefilm. Keine pompösen Sets waren diesmal angesagt, keine epischen Plots, sondern einfach nur verflucht spannende, schnelle Splatter-Action. Der innovative Stilist Danny Boyle reduziert sich hier auf eine wackelige Digitalkamera, der straighte Genreplot sorgt für deftige Schocks und manische Energie. „28 Days Later“ schickt jeden filmischen Ballast in die Wüste und funktioniert genau deswegen sehr gut.

Horror a la Boyle: "28 Days Later" gab dem Zombiegenre neuen Drive.

Kurz vor „28 Days Later“ sagte Danny Boyle: „ich glaube, ich bin nicht der richtige Mann für Hollywood und die haben das gemerkt.“ Seine Stärken kann der Mann eher mit kleineren Budgets umsetzen, die Konturen eines klassischen Autorenfilmers brauchen die Freiheiten überschaubarer finanzieller Risiken. Für viele Regisseure mag „28 Days Later“ einen Rückschritt bedeuten, doch für Danny Boyle vollzog sich damit eine Erkundung neuen Terrains, das dann innerhalb der Rahmenbedingungen mit größtmöglicher Energie beackert wurde. Einfach nur Effekte und Krach erscheinen bei ihm unmöglich; wahrscheinlich genau deswegen hat er auch eine kürzliche Anfrage der „James Bond“ Produzenten mit einem deutlichen „no!“ beantwortet.

Millions

„And now for something completely different“ – mal wieder. Der Nachfolger zu “28 Days Later” heißt „Millions“, entstand 2004 und ist eine lockere Komödie um einen kleinen Jungen, der per Zufall einen Sack voller Geld findet. Danny Boyle nahm erneut die „Kleine Morde unter Freunden“ Idee auf, nur diesmal ohne schwarze Abgründe, und erfreute mit einem flotten, schick inszenierten Spaß inklusive cleverer Gesellschaftskritik. Der Film ist wieder eine kleine, britische Produktion, betritt wieder neue Genregefilde und beweist wieder des Regisseurs elegante, stilsichere Hand. Aufgrund der nur milde spektakulären Thematik ist „Millions“ bei uns leider etwas untergegangen, doch das soll niemanden von einer Sichtung abhalten – ein typischer Kinderfilm schaut ganz sicher anders aus.

Sunshine

„Sunshine“ war der letzte Film Danny Boyles vor „Slumdog Millionaire“ und markierte seinen ersten Ausflug ins Science-Fiction-Genre. Von „The Beach“ und „28 Days Later“ hat er Alex Garland mitgebracht, der dem Drehbuch viele interessante Ideen schenkt und es am Ende etwas zu sehr Richtung „2001“ drückt. Sprich: Das letzte Drittel ist ein mit Fragezeichen garniertes Bildgewitter, das der zuvor aufgebauten Spannung keine Katharsis schenkt und somit die eigentlich interessante Geschichte eines Raumschiffes, einer Atombombe und einer sterbenden Sonne ins Leere laufen lässt.

Für manche der beste SciFi-Film der letzten Jahre: "Sunshine".

Nicht dass „Sunshine“ ein schlechter Film ist, eher das Gegenteil, doch so richtig warm wird man nur schwer. Das strukturelle Konzept legt die Geschichte so an, dass eigentlich der ganze Film das letzte Drittel einer größeren Sache ist und den Zuschauer unvermittelt ins Geschehen wirft. Man kann zunächst nur schwer an die Charaktere andocken, was sich aber zum Glück rasch legt und im folgenden eine spannende, intelligente Geschichte ermöglicht, deren exquisite Bilder und tolle Effekte gegen Ende leider zum Hauptargument werden. „Sunshine“ ist ein, höflich ausgedrückt, interessanter Film von Danny Boyle. Mindestens für Fans darf dieser Satz als Empfehlung gelten.

Ein Fazit

Und jetzt also „Slumdog Millionaire“, jenes wunderbare, bunte Märchen, das Danny Boyle nach Indien führte und ihm den bisher größten Erfolg seiner Karriere schenkte. Im Grunde genommen ist auch dieser Film ein typischer Danny-Boyle-Film, in dem er auf der einen Seite neue Wege beschreitet und auf der anderen Seite erneut ein schwieriges Thema mit einer mitreißenden Inszenierung verbindet.

Slumdog Millionär war ein Triumph bei den Oscars 2009.

Was für ihn als nächstes ansteht, ist noch nicht klar. Mal soll „Trainspotting“ eine Fortsetzung bekommen, mal geht es um einen animierten Film und dann wieder hört man etwas von „Ponte Tower“, einem Drama über Apartheid. Egal jedoch, welches Projekt Danny Boyle als nächstes in Angriff nehmen wird, eines ist bereits jetzt sicher: Es wird, gleich mit welchem Star in der Hauptrolle, auf jeden Fall „der Neue von Danny Boyle“ werden.

Filmographie

Slumdog Millionaire (2008)
Sunshine (2007)
Millions (2004)
28 Days Later (2002)
Alien Love Triangle (2002/TV)
Vacuuming Completely Nude in Paradise (2001/TV)
Strumpet (2001/TV)
The Beach (2000)
Lebe Lieber Ungewöhnlich (1997)
Trainspotting (1996)
Kleine Morde Unter Freunden (1994)
Not Even God Is Wise Enough (1993/TV)
Mr. Wroe’s Virgins (1993/TV)
Inspector Morse (1990/1992/TV)
Cherubim & Seraphim (1992/TV)
Masonic Mysteries (1990/TV)
For The Greater God (1991/TV)
The Nightwatch (1989/TV)
The Hen House (1989/TV)
Monkeys (1989/TV)
The Venus De Milo Instead (1987/TV)
Scout (1987/TV)