Man sollte Mark Neveldine und Brian Taylor wirklich die tägliche Kaffee-Ration kürzen: ihre mit “Crank” etablierte Masche, einen Film als amoklaufendes Musikvideo aufzutischen, wird bei “Gamer” nun schon zum dritten Mal eingesetzt und dieses Mal sogar noch mit Gesellschaftskritik und Tiefschlägen für Zocker-Junkies aufgerührt. Man kann sich die beiden richtig gut beim Frühstück vorstellen, wie sie nach 3 Litern Druckbetankung mit zitternden Fingern und knallroten Untertassen-Augen auf der Tastatur loshämmern. “Wwwwweißt du was, Kkkumpel, nennen wir doch einen Typen einfach Rick Rape”! Buahahaha – das ist kein Bringer, das ist ein BURNER!

Gamer - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Crank it up

Die Geschichte von “Gamer” ist tatsächlich vorhanden und schiebt “Running Man” in eine virtuelle Pixel-Realität. Irgendwann in der Zukunft gibt es ein Computerspiel namens “Slayers”, bei dem Gefangene als Avatare in saftige Kriege geschickt werden. Kable (Gerard Butler) ist einer dieser Avatare und möchte über erfolgreiche Kampfeinsätze zurück in die Realität kommen. Sein Spieler gestattet ihm zwar, sich unabhängig zu bewegen, doch der sinistre Mastermind hinter diesem Gaudium, Ken Castle (Michael C. Hall), denkt ja gar nicht daran, den besten Ballerknaben einfach so davonmarschieren zu lassen.

Kable wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt - nun kämpft er bei "slayers" um sein Leben.

Ui ui, Mark Neveldine und Brian Taylor machen jetzt auch in Handlung. Waren “Crank 1+2” noch weitgehend plotlose “high concept”-Dröhnungen, so sind wir mit “Gamer” nun bei einer plothaltigen “high concept”-Dröhnung angekommen. Die aber natürlich so schrill, so laut, so hektisch und so “over the top” um die Ohren brettert, dass wir am Ende doch wieder bei plotlos angekommen sind. Um was genau ging es hier eigentlich nochmal? Ähhh, na der Gute will raus und der Böse ist dagegen. Was Michael Bay mit ganz viel Geld schafft, wird hier mit der Portokasse von “Transformers 2” erreicht: ein großflächiger, geradezu physisch nachschmerzender Frontalangriff auf alle Sinne.

Der “Stil” von Neveldine und Taylor ist immer noch ein hyperaktiver Mischmasch aus digitaler Handkamera, dröhnender Musik, spastischen Schnittorgien, grimassierenden Akteuren und vorzugsweise gebellten Dialogfetzen. Was man ihnen dabei zugute halten muss ist, dass “Gamer” tatsächlich wesentlich teurer aussieht als er wahrscheinlich gekostet hat. Im Sog der gnadenlosen Hektik des Films ist immer mächtig viel los, was allerdings schon nach kurzer Zeit auch mürbende Begleiterscheinungen nach sich zieht. Die Verfolgung der Geschichte wird zu einem unnötigen Spießrutenlauf, die sozialkritischen Komponenten Marke “Big Brother” ersaufen zur posenden Lachnummer und die Schauspieler müssen zwangsläufig mit großen Gesten operieren – ansonsten nimmt man sie einfach nicht mehr wahr.

Seine Frau verdient sich unterdessen als leichte Dame in der virtuellen Spielwelt das nötige Kleingeld.

Eigentlich hat “Gamer” mehr etwas von einem Computerspiel als von einem Film, was ja im Kontext des Inhalts sogar irgendwie Sinn macht. Die Grenzen zwischen Realität und Bytes sind praktisch aufgehoben und stürzen all das, was hier so anwesend ist, in ein ohrenbetäubendes Kuddelmuddel aus Dauerpanik und Overkill. Es gibt viel Action in “Gamer”, viel nacktes Fleisch ist auch anwesend und dumme bis hohle Gags, die den fetten Couch-Außenseiter natürlich mit einem dickbusigen Fantasie-Avatar ausstattten, sind ebenfalls am Start. Alles nur aggressive Alpha-Ärsche in diesem Film, und als clever können sie wirklich nur im Rahmen der hier aufgetischten Scheibenwelt bezeichnet werden.

Immer schön draufhalten

Es fällt nicht nur schwer, sich mit irgendwem in “Gamer” zu identifzieren und somit mitzufiebern, es ist praktisch unmöglich. Bei Gerard Butler mögen die mimischen Holzschnitzereien ja noch irgendwie zum Geschehen passen, doch spätestens bei Michael C. Hall, immerhin bekannt als “Dexter”, wird der Hang des Films zu charismafreien Nullfiguren ein echtes Ärgernis. Wie eine Karikatur in einem Computerspiel fuchtelt sich jener Herr durch diabolische Nichtigkeiten und bleibt dabei genauso wichtig, wie die nächste Titte, die nächste Explosion oder die nächste “point of view”-Rennerei. Die Regisseure können nicht nur nicht mit einer Geschichte umgehen, auch Schauspieler sind bei ihnen inhaltslose Fremdkörper, deren Wegezoll dem eines Bettlers mit löchriger Unterhose gleichkommt.

Es kracht und blitzt und donnert und knallt - nur worum es geht, weiß am Ende keiner mehr.

Eigentlich ist es ja müßig, in diesem Zusammenhang auch noch den galligen Zynismus des Geschehens zu erwähnen, doch die Art und Weise, wie hier einfach alles einer pseudo-hippen Nerd-Coolness untergeordnet wird, lässt den sowieso schon bitteren Nachgeschmack nochmal eine Spur trockener in den Magen rutschen. Das angepeilte Niveau pendelt sich ziemlich genau bei Rick Rape ein und entmenschlicht viele Aktionen mit einer sowohl rüden als auch kruden Gleichgültigkeit gegenüber allem, was gemeinhin mit Emotionen in Verbindung gebracht wird. “Gamer” ist ein gewaltiger Brocken unsortiertes Chaos. Wer hier einen Sinn oder eine Seele sucht, könnte höchstens im zugeranzten Bauchnabel des Couch-Außenseiters fündig werden.