Um negative Worte über „Foxcatcher“ verlieren zu können, muss man die hier zugrundeliegende Sportart, Wrestling, inhalieren und mit angespanntem Körper in Angriffshaltung gehen. Der Gegner sind zahllose jubelnde Kritiken, zumeist aus Amerika, die hier mal wieder die Neuerfindung des Drama-Rads erkennen und mindestens einem der Hauptdarsteller, meistens Steve Carell, eine ganz neue Karriere prophezeien. Geduckt den Puls beschleunigen, nochmal das Gesehene Revue passieren lassen und dann den Gegenüber per Würgegriff auf die Matte drücken. „Foxcatcher“ ist einer von den Filmen, die Respekt erzeugen, aber ganz sicher keine Liebe.

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Hinter der Boulevard-Geschichte

Das erste Problem, zumindest in Deutschland, ist die Unbekanntheit der zugrundeliegenden wahren Geschichte. Und das zweite Problem folgt gleich im Schlepptau, nämlich das Nischendasein von Wrestling. Also richtigem Wrestling, nicht dem grellen WWE-Trash, der mit „The Wrestler“ ja bereits einen eigenen gewichtigen Film bekommen hat. Einen Film, der genauso wie hier das Drama vor den Sport stellt, doch dabei auch eine Fallhöhe einsetzen kann, die bei „Foxcatcher“ einer uniformen, bleichen Farbpalette weicht, begleitet von langsam hochköchelnden Nuancen.

Foxcatcher - Eine Geduldsprobe in grau: Auf kalten Pfaden zum Oscar-Köder

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Eine außergewöhnliche Trainer-Sportler Beziehung: Channing Tatum und Steve Carell.
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Die Personen zu diesen linksseitigen Stirnfalten sind das Brüderpaar Mark und David Schultz (Channing Tatum & Mark Ruffalo), zwei erfolgreiche Ringer, und John du Pont (Steve Carell), ein sportbegeisterter Millionär, der auf seinem Foxcatcher-Anwesen ein Trainingszentrum für ebendiese Sportart aufgebaut hat. Mark wird von du Pont angeworben, mit ihm für die nächsten olympischen Spiele zu trainieren, was eine angespannte Dreiecksbeziehung heraufbeschwört, die durch die abgründige Persönlichkeit des Millionärs irgendwann sogar „true crime“-Züge annimmt.

In Amerika waren die Schultz-Brüder eine große Boulevard-Nummer, doch hierzulande muss Regisseur Bennett Miller praktisch bei Null anfangen. Die Fallhöhe von „The Wrestler“ liegt hier in dem Gegensatz zwischen grellen Großbuchstaben und schleichender Nüchternheit, wobei aber eigentlich nur schleichende Nüchternheit übrig bleibt und diese dann beim Zuschauer als dezent zerrende Aufgabe ankommt. Man muss sich einlassen auf „Foxcatcher“, den Figuren Zeit geben für komplexe Psychogramme – die am Ende gerne stimmig sind, aber leider kaum fesseln können.

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Nein, es ist kein Geheimnis: „Foxcatcher“ ist auch „true crime“.
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Kalter Neid, kalte Obsession

Bennett Miller hat zuvor „Moneyball“ inszeniert, ebenfalls ein Film über eine hierzulande mäßig bekannte Sportart, auf deren Rücken sich ein zwingendes Drama mit scharf gezeichneten Charakteren entfaltete. Auch wenn man Baseball nicht mag oder kennt, findet man einen Zugang zu der Geschichte – was bei „Foxcatcher“, nur in begrenztem Maße gelingt. Ein früher Kampf der beiden Brüder, Mark und David, vermittelt zwar eindringlich ihre Beziehung, wie es lange Dialoge kaum schaffen würden, doch die Kälte der Inszenierung, die strenge Kontrolle der Emotionen beraubt sich selbst der eigentlich vorhandenen dramatischen Möglichkeiten.

Natürlich, all das ist bewusst gewählt und zeugt von einer bewundernswerten Klarheit der Vision des Regisseurs, doch so richtig packend wird es deswegen leider nicht. Der Film strahlt Kälte aus. Eigentlich große Emotionen, wie Neid oder Obsession, stranden an kriechenden Grautönen und von den drei Hauptfiguren sind zwei, Mark Schultz und John du Pont, vorwiegend unsympathisch. Der bei weitem zugänglichste Charakter, David Schultz, taucht bei weitem am seltensten auf, was das Publikum mit einem creepigen Millionär und einer schlichten Sportkanone alleine lässt. Erneut: In der Bewusstheit der Entscheidung sehr mutig und bewundernswert, als filmisches Erlebnis allerdings eine Geduldsprobe.

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Mit dicker Nase und charakterlicher Transparenz zum Oscar: Steve Carell.
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An die man sich erstmal gewöhnen muss, mit ihrem langsamen Tempo, den leisen Zwischentönen und der beinahe beiläufigen Erwähnung von Fakten. Es geht bei „Foxcatcher“ vor allem um Stimmungen und Charaktere. Ein Spannungsbogen erschließt sich nur aus vielen kleinen Puzzleteilen, die bei einer mainstreamigeren Herangehensweise entweder gar nicht oder nur ganz am Rande auftauchen würden. Eigentlich geht Miller sehr systematisch und geradlinig vor, doch der so gewonnene Freiraum für die Figuren bleibt sehr vage. Man schafft es nicht, wirklich hinter die Fassaden zu blicken, und ist dann beim Finale, das doch so gerne einen völligen Schockzustand auslösen möchte, längst nicht so involviert wie es eigentlich sein könnte.