Hollywood liebt Erlösungsgeschichten – auch wenn man auf dem Weg zu Läuterung und Rechtschaffenheit manchmal über Leichen gehen muss. Dieses Mal ist es der Teufel Droge, dem Denzel Washingtons Figur verfallen ist, und außerdem geht es ganz nebenbei auch noch um einen Flugzeugabsturz.

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So zynisch, wie das klingen mag, ist „Flight“ allerdings beileibe nicht – auch wenn sich Robert Zemeckis’ in seinem ersten Realfilm seit „Cast Away - Verschollen“ aus dem Jahre 2000, der auch schon eine Katastrophe zum Auslöser einer persönlichen Schicksalswendung machte, den einen oder anderen fiesen Gag nicht verkneift. Es beginnt mit einem Mann und einer Frau, die gemeinsam die Nacht in einem Hotelzimmer verbracht haben, wild muss es da zugegangen sein, und nun müssen die beiden sich ranhalten, um, wie sie sagen, ihren Flug zu erwischen.

Sein Handy klingelt, es ist die Ehefrau. Dann schnell noch eine Line Koks – und aus dem Hotelzimmer tritt wenig später ein perfekt gestylter Herr in Pilotenuniform. Sicher, diese Wendung wäre nur dann überraschend, wenn das Publikum den Film ohne jede Vorkenntnisse anschauen würde, zu zentral ist der Lebensstil dieses Whip Whitaker, gespielt von Denzel Washington, für die ganze Geschichte.

Aber diese kleinen amoralischen Widerhaken, die Zemeckis in den Plot setzt, sorgen letztlich immerhin dafür, dass seine filmische Mäßigungslektion nicht allzu didaktisch und predigthaft erscheint.

Flight - Koks im Cockpit

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Held oder nicht? Denzel Washington als Whip Whitaker.
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Der Absturz als Inferno

Im Umgang mit Spezialeffekten ist der Regisseur von „Forrest Gump“ ohnehin einer der professionellsten Routiniers der Traumfabrik. Wäre es nicht so eine furchtbare PR-Floskel, dann wäre man bereit zu sagen: Die Effekte stehen bei ihm stets im Dienste der Geschichte oder der Figuren. Für „Flight“ allerdings trifft das gerade nicht zu – die gewaltigen Turbulenzen, durch die der zugekokste Pilot Whitaker seine Passagiermaschine steuert, treffen den Zuschauer so wuchtig und unmittelbar, dass sie am längsten im Gedächtnis bleiben.

Zemeckis beschränkt sich nicht auf inszeniertes Gekreische, fallende Koffer und umher rutschende Flugbegleiterinnen, sondern setzt den ganzen Rumpf der Maschine – und damit auch den filmischen Raum – schwersten Erschütterungen aus, während es infernalisch von scheinbar überall her donnert, tost und zischt.

Packshot zu FlightFlight

Das Ergebnis ist einer der drastischsten Abstürze der Filmgeschichte, jedenfalls der drastischste seit Joe Carnahans „The Grey – Unter Wölfen“. Nur, dass Carnahan seinerzeit neben dem Budget auch die dramaturgische Motivation fehlte, sein Filmflugzeug in der Luft einfach mal auf den Kopf zu stellen.

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So meistert Whitaker mit bemerkenswerter Souveränität den Bruchlandungsanflug und Zemeckis fügt dem Katastrophen-Bilderrepertoire des Kinos ein neues, besonders eindrückliches Exemplar hinzu. Durch dieses waghalsige Manöver verhindert Whitaker einen Totalverlust . Doch sechs Menschen an Bord kommen ums Leben, darunter auch seine Bettpartnerin der vergangenen Nacht.

Ernst und immer leicht verdaulich

Ursache für diesen Unfall war die fehlerhafte Mechanik der Maschine, daran lassen die Untersuchungen keinen Zweifel. Die Medien feiern Whitaker als Helden. Aber routinemäßig wird auch ein Alkohol- und Drogenscreening bei der Crew durchgeführt – und damit beginnt die Geschichte, die Zemeckis und sein Autor John Gatins („Real Steel“) anscheinend eigentlich erzählen wollen.

Mix aus Drama und Katastrophenfilm, gedreht mit perfekten Effekten und perfekter, etwas lähmender Routine.Fazit lesen

Gegen die Einsicht, er sei suchtkrank, sträubt Whitaker sich grundsätzlich. Und weil das Drehbuch ihm neben einer Leidensgenossin (Kelly Reilly), an der er sich entweder in die Heilung oder die er mit sich ins Verderben ziehen könnte, auch einen verdammt guten Anwalt (Don Cheadle) an die Seite stellt, könnte er mit dieser Selbstverleugnung sogar durchkommen.

Die moralischen Dilemmata, vor denen dieser Whitaker steht, sind intelligent konstruiert, emotional nachvollziehbar und niemals plakativ dargestellt. „Flight“ umschifft nahezu alle nahe liegenden Klischees des Themas und hinterlässt dennoch einen schalen Nachgeschmack. Man merkt dem Film an, dass er sich lösen wollte von allzu eindimensionalen Erlösungs- und Selbsterkenntnisplotschablonen und spürt gleichzeitig den fehlenden Mut, die eingefahrenen Bahnen grundsätzlich zu verlassen.

Flight - Koks im Cockpit

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Hat er Menschenleben gerettet oder sie ins Verderben geführt?
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Der Film ist hoffnungsfroh, aber kein Kitsch. Er nimmt seine Figuren und deren Konflikte ernst und bleibt doch immer leicht verdaulich. Er sucht die große Bühne im Finale und bleibt dann doch verschämt am Gesicht Denzel Washingtons haften. Zemeckis wollte es sich nicht zu einfach machen, aber auch ja nichts falsch – damit gelingen einem selten Meisterwerke. Ordentliches Kino ist „Flight“ aber dennoch.