Es muss höllisch schwierig sein, jeden Morgen als Pixar aufzuwachen, so als würde man eine endlose Marathonstrecke gegen den eigenen Ruf und die aufmuckende Konkurrenz namens Dreamworks und Disney laufen. Und nun steht auch noch eine Fortsetzung an, „Findet Dorie“, das nicht nur automatisch nach „erst mal Kasse machen“ riecht, sondern auch noch die Origin-Geschichte eines wild plappernden Sidekicks von „Findet Nemo“ erzählt. Puh, schwere Zeiten für die (fast) fleckenlose Pixar-Liebe – aber glücklicherweise nur, was die Erwartungshaltung betrifft. Denn nach „Findet Dorie“ möchte man auf ewig dem Fischgenuss entsagen und sofort wieder die bereits ganz nach hinten gepackte „Findet Nemo“-Bettwäsche aufziehen. Dass es dieses Jahr noch einen schöneren Animationsfilm geben wird, dürfte kaum möglich sein.

Findet Nemo 2: Findet Dorie - Erster deutscher Trailer zur vielversprechenden Fortsetzung2 weitere Videos

Wenn schon Sequel, dann...

Also: Wenn schon, denn schon – beginnend mit dem Titel. Anstatt „Findet Nemo 2“ auf die Reise zu schicken, rückt eine andere Figur ins Zentrum. Dorie ist im ersten Teil noch vorwiegend „comic relief“, doch hier bekommt sie bereits am Anfang eine mehr als überzeugende Dreidimensionalität, die in ihrer komplexen Schlichtheit wirklich nur Pixar einfallen kann. Und innerhalb von Minuten aus einem hibbeligen Doktorfisch eine tragische Figur mit gravierenden Problemen und starken Emotionen macht. Man ist sofort bei Dorie und kann sie als Hauptfigur akzeptieren. Natürlich möchte auch sie ihre Eltern wiederfinden, selbst wenn ihr Kurzzeitgedächtnis kaum etwas länger als zehn Sekunden auf der CGI-Festplatte hält.

Findet Dorie - Entspanntes Abtauchen zum nächsten Pixar-Klassiker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Bei uns startet die liebenswürdige Fortsetzung leider erst am 29. September. Durchhalten, Freunde: Es lohnt sich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und genau das ist Pixar pur: Dorie sucht ihre Eltern. Trotz ihrer Behinderung, die den Weg dahin nicht nur extrem schwierig macht, sondern auch die Mission überhaupt in Frage stellt. Wenn schon Dorie einzelne Schritte zum Ziel immer wieder vergisst und so einen turbulenten Zickzackkurs einschlägt, wie tragisch muss es dann erst sein, wenn die Anwesenheit der Eltern grundsätzlich vergessen wird? „Findet Dorie“ stimmt also insofern, als dass Dorie sich selbst finden muss, auch wenn sie physisch gesehen gar nicht verloren ist. Vordergründig wärmt Pixar die alte „coming of age“-Routine so vieler anderer Zeichentrickfilme auf, doch gleich dahinter entfaltet sich eine spannende „Memento“-Variante im H2O-Ambiente.

Packshot zu Findet Nemo 2: Findet DorieFindet Nemo 2: Findet Dorie

An der Angel

Genauso wie „Oben“ in den ersten Minuten ein emotionales Loch in die Herzen der Zuschauer sägt, wird auch der ach so netten Familienunterhaltung von „Findet Dorie“ ein ungewohnt starkes dramatisches Zugseil auferlegt. All die knuffigen Gags, all die kunterbunten Actionszenen sind so verbunden mit einer emotionalen Basis, die bis zum Ende Mitfiebern gestattet und salzhaltigen Wasserfluss auf Augenhöhe kaum vermeiden lässt. Pixar spielt hier wirklich clever die inzwischen gewohnten Stärken aus und erbaut damit ein rares Sequel, das die viel beschworene Mischung aus alt und neu praktisch perfekt hinbekommt. Begleitet wird Dorie auf ihrem Weg von Nemo und Marlin, neu dazu kommen dann zum Beispiel der Weißwal Bailey, der Walhai Destiny und die Krake Hank. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass all diese Charaktere großartig „gezeichnet“ sind.

Findet Dorie - Entspanntes Abtauchen zum nächsten Pixar-Klassiker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Großartige Action, manchmal auch nur mit ganz wenig Wasser.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Eingeführt werden diese neuen Figuren vor allem über das Marine Life Institute, einer Forschungseinrichtung, in der Dorie irgendwann aufschlägt. Ab dann legt der Film noch mal spürbar einen Zahn zu und entfaltet eine prächtige, fantasievolle Mikrowelt, die zum Beispiel der Sunnyside-KITA in „Toy Story 3“ oder dem Zahnarzt-Aquarium in „Findet Nemo“ in nichts nachsteht. Herrlich komische Dialoge (fast ohne Popkultur-Referenzen, DANKE!), bestens aufgelegte (Original-)Stimmen, unter anderem von Ed O'Neill (Hank) oder den alten „The Wire-“Seelöwen Dominic West und Idris Elba, und eine spektakulär aufwändige Animation – alles paletti in Fischhausen. Immer wieder beschleicht einen bei „Findet Dorie“ das wohlige Gefühl, dass Pixar alles, wirklich alles in die Waagschale geworfen hat, um den grundsätzlich schalen Sequel-Geruch so rosig wie möglich auf die staunenden Sinne zu kleistern.