Über 2,5 Millionen Mal hat sich Charlottes Roches Debütroman „Feuchtgebiete“ verkauft, aber so wirklich möchte niemand was damit zu tun haben. Über die fiktive Teenie-Prosa zwischen Muschischleim, Analfissur und aus dem Poloch baumelndem Blumenkohl wurde ausgiebig geredet und gezetert, vornehmlich verspießt. Die nicht weniger offenherzige Kinoverfilmung des vermeintlichen Skandalromans dürfte das scheinpikierte Tamtam nun fortsetzen.

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Vaginal eingeführtes Obst

Nicht ohne Grund ist dem Film das Zitat eines Bild-Users vorangestellt, der in einem beispielhaften Kommentar die allgemeine Entrüstung über das Buch zum Ausdruck bringt. „Feuchtgebiete“ aber wurde, und da kann einem Charlotte Roche schon etwas leidtun, nicht nur seitens der Sittenwacht attackiert. Auch Postfeministinnen warfen ihr vor, die im Buch verhandelte Sexualität sei letztlich ebenfalls nur wieder eine phallische, die weibliche gegen männliche Selbstbehauptung richte.

So schien das Buch nicht nur von jenen gebrandmarkt, die Roches en detail aufgeführte Beschäftigung mit dem Körper einer jungen Frau obszön schimpften, sondern auch den Diskursverfechtern der Gender Studies. Die Muschi rücke in „Feuchtgebiete“ eben lediglich anstelle des Schwanzes in den Mittelpunkt, was bestenfalls gleichberechtigt, aber noch lange nicht (post-)feministisch zu lesen sei. Und dann wurde wieder geredet und gezetert.

Der Film beginnt, wie auch schon der Roman begann: Mit expliziten Schilderungen der 18-jährigen Helen Memel (ziemlich großartig: Carla Juri), der ein Riss in der Rosettenhaut schlimme Schmerzen bereitet. Daran zeigt sie sich indes nicht weniger interessiert als an ihren sonstigen körperlichen Erkundungen, die Kostproben von Sperma und Muschischleim, vaginal eingeführtes Obst oder auch eine Faszination für bakteriell kontaminierte öffentliche Toiletten umfassen.

Die komplizierte Analfissur zumindest, ein Resultat der ihr ohnehin verhassten ausufernden Intimpflege, führt Helen ins Krankenhaus, in dem Chefarzt Professor Notz (Edgar Selge) umgehend eine Operation anordnet. Im Hospital erzahlt der Film von der Annäherung zwischen Helen und Pfleger Robin (Christoph Letkowski), von dem verzweifelten Versuch einer Elternzusammenführung (Meret Becker und Axel Milberg) und vom Wunsch, die Dämonen der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Feuchtgebiete - Muschischleim und Blumenkohl: Die Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman

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Muschischleim und Pommes mit Mayo: Helen genießt das Erwachsenwerden in vollen Zügen.
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Rückblicke in die Kindheit der 18-jährigen und die Zeit unmittelbar vor dem Malheur im Badezimmer formen stückweise ein Profil der Protagonistin, deren betont kindlicher Habitus in einen Zusammenhang zur mangelhaften elterlichen Fürsorge gesetzt wird. Auch verweist der Film implizit auf eine verhaltenspsychologische (und problematische) Analogie, bei der Helens verkorkste Kindheit und ihr offener Umgang mit der eigenen Sexualität sich zu bedingen scheinen.

Wunderbar unverkrampft

Das ist zwar nicht in Erklärungsmustern, aber oft nahe liegend inszeniert und lässt den Film von der anfänglichen Coming-of-Age-Komödie nach halber Laufzeit zum dick gepinselten Familienmelodram gerinnen. David Wnendt, Regisseur des sehr streitbaren Neonazi-Dramas „Kriegerin“, gelingt dieser Spagat aber erstaunlicherweise sehr einfühlsam: Er verwandelt den Stoff von expliziter Adoleszenz zur umfassenden Familiengeschichte, die vielleicht einige Töne zu viel anschlägt, ihren Figuren aber immer aufrichtig begegnet.

Das verstärkte Augenmerk auf die nicht nur quirlig-heiteren, sondern auch recht eindringlichen Erfahrungen der Protagonistin, und das war im Roman ja nicht anders, lässt die Aufregung um den Stoff noch unerklärlicher erscheinen. Als detaillierten persönlichen Erfahrungsbericht einer 18jährigen mag man „Feuchtgebiete“ vielleicht trivial finden (und der Film driftet manchmal arg in einen „Amelie“-haften Zwang von allzu entzückender Weltanschauung ab), aber verwerflich ist daran schlicht überhaupt nichts.

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Zwar läuft auch der Film mitunter Gefahr, die herrlich bunten Schilderungen tendenziell provokativ (und damit als etwas Ungewöhnliches, statt Selbstverständliches) in Szene zu setzen. Größtenteils aber ist sein Plädoyer für einfach mal nur unbekümmertes Ficken, sexuelle Experimentierfreudigkeit und ein Interesse am menschlichen Körper ganz wunderbar unverkrampft. Und das lässt sich von Filmen über sexuelles Erwachen ja nun leider herzlich selten behaupten.

Eine in der Psychologisierung der Figur nicht unproblematische, aber angenehm natürliche Tragikomödie. Und obszön ist daran gar nichts.Fazit lesen

Insbesondere die für eine Mainstream-Produktion ungewöhnliche, ganz selbstverständliche Inszenierung von Körperlichkeit, bei der die Kamera Blicke, Berührungen und aber eben auch HC-Elemente einfängt, ist gleichermaßen überraschend wie erfreulich. Vergleicht man „Feuchtgebiete“ mit „Elementarteilchen“, einer anderen deutschen Bestsellerverfilmung rund um Sexualität und verkorkste Familien, offenbart sich umso mehr, wie sehr David Wnendt die ästhetische Verklemmtheit der Massenkultur für einen Moment überwindet.

Feuchtgebiete - Muschischleim und Blumenkohl: Die Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman

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Erst einmal die dicke Eiterblase wegdrücken: Chefarzt Professor Notz (Edgar Selge).
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Das mögen manche dann in der direkten Konfrontation, im Groß eitriger Hämorrhoiden und blutverschmierter Tampons, vielleicht als Zumutung empfinden, aber das macht es ja alles nicht weniger wahr. Und die Ablehnung, die Charlotte Roche erfuhr, die vielleicht auch dieser Film erfahren wird, rührte nicht selten von einem Unbehagen her, dieses Zelebrieren körperlicher Lust eben aus einer Perspektive zu erleben, die ausnahms- und dankenswerterweise mal nicht mit dem Schwanz gedacht ist.